Umfrage: Wie geht es den oberösterreichischen Bauern?

7-Tage-Woche, Preisprobleme, Vertriebsabhängigkeiten: Landwirte klagen über realitätsfremdes Image. Imagefilme und verstärkte Öffentlichkeitsarbeit sollen das Bild zurechtrücken. |© BMLFUW/Alexander Haiden
© BMLFUW/Alexander Haiden
7-Tage-Woche, Preiseinbrüche, Vertriebsabhängigkeiten: Die Landwirte klagen über ein realitätsfremdes Image.

Landwirtschaftliche Direktvermarkter zeigen sich wesentlich zufriedener mit der Betriebsentwicklung wie reine Produktionsbetriebe.Die Agrarressort der Landesregierung Oberösterreich hat die Stimmung und Probleme der oberösterreichischen Bauern untersuchen lassen.

Verunsicherung durch Veränderungen

Die österreichische Landwirtschaft befindet sich im Umbruch. Themen wie die Änderung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen, der vermehrte Einsatz landwirtschaftlicher Rohstoffe zur Energiegewinnung, die Konzentrationstendenzen auf der einen und die Extensivierung auf der anderen Seite zeigen bespielhaft auf, vor welchen bestehenden und zukünftigen Herausforderungen die oberösterreichische Landwirtschaft steht. Das vorliegende Fokusgruppenprojekt zeigt Entwicklungen auf Ebene der Einzelbetriebe auf und ermöglicht ein  Stimmungsbild der oberösterreichischen Landwirtschaft, jenseits der Auswertungen offizieller Agrarstatistiken.

Porduzierende Betriebe zeigen sich betroffen

Diese Fokusgruppendiskussion zeigt, dem allgemeinen Tenor in der Landwirtschaft folgend, eine gedämpfte Stimmung unter Oberösterreichs Landwirtinnen und Landwirten. Jene landwirtschaftlichen Betriebe, die in der Vergangenheit den direkten Konsumentenkontakt gesucht hatten (Direktvermarktung, Bio- und Nischensektor, Urlaub am Bauernhof), zeigen sich sehr zufrieden mit den Markt- und Betriebsentwicklungen. Bei den produzierenden Betrieben (Milchwirtschaft, Schweinemast und Marktfruchtbetriebe) zeichnet sich hingegen ein gegenteiliges Bild ab. Gerade diese Betriebszweige waren im Jahr 2016 so wie bereits in den Vorjahren den Umbrüchen auf den Agrarmärkten massiv ausgesetzt.

Keine leistbaren Pachtflächen

Die Hintergründe liegen dabei in der

  • steigenden Preisvolatilität,
  • spürbaren Preiserhöhung beim Betriebsmitteleinkauf
  • Unsicherheit in der langfristigen Marktentwicklung

Diese Faktoren führen aus Sicht der befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, gepaart mit dem starken Preisdruck durch geringe Erzeugerpreise, auch zukünftig zu Herausforderungen in der Landwirtschaft. Beispielhaft werden hier die Knappheit bei Pachtflächen sowie unzumutbare Pachtpreise angeführt.

Direkte Vermarktung, alternative Absatzmärkte

Lösungsansätze für den eigenen Betrieb sehen die Befragten der Fokusgruppe in der Erschließung alternativer, selbstbestimmter Absatzwege, verstärkter Flexibilität seitens der Landwirtschaft und der realitätsgetreuen Abbildung der eigenen Kostenstrukturen. Einige Betriebe    sehen    Wachstumsmärkte    im    Aufbau zusätzlicher Einkommensquellen durch die Direktvermarktung und in der Besetzung von Nischenmärkten, sowohl in der Produktion als auch in der Verarbeitung. Innovationen und alternative Vermarktungswege, wie bspw. CSA-Community Supported Agriculture (Soziale Landwirtschaft) oder Foodcoops, werden als gangbarer Weg in die Zukunft betrachtet. Diese Einschätzung auf Ebene des Einzelbetriebs spiegelt auch die Einschätzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der Agrarmärkte Oberösterreichs wieder.

Weiterentwicklung der Märkte

Sowohl Haupt- als auch Nebenerwerbslandwirte sehen demnach eine tendenziell positivere Marktentwicklung in der Direktvermarktung, dem Biolandbau sowie bei Urlaub am Bauernhof. Demgegenüber steht ein erwarteter Preisrückgang in der Milchwirtschaft und Schweineproduktion.

Innovationsgeist in der Landwirtschaft

Die Fokusgruppen zeigen eine deutlich positive und offene Einstellung gegenüber Innovationen. Aus der qualitativen Befragung geht hervor, dass dies vor allem in der Direktvermarktung verortet liegt. Die Nähe zum Kunden und die hohe Qualität der Veredelung am Betrieb werden vor allem von kleinstrukturierten Betrieben als nachhaltige Chancen betrachtet. Die Motivation und der Mut zu intensiveren Kundenbeziehungen wird in diesem Zusammenhang ebenfalls thematisiert.

Neue Erzeugergemeinschaften stehen im Raum

Da der Zukunft großes Innovationspotential zugeschrieben wird, stehen ihr die Befragten überwiegend positiv und erwartungsvoll gegenüber. Auch die Bündelung der Vermarktung in Form von Erzeugergemeinschaften wird als zukunftsfähiger Weg, vor allem bei Marktfruchtbetrieben, thematisiert. Als erfolgsversprechend werden zudem die gemeinschaftliche Organisationen, und die Arbeitskreisberatung beurteilt. Das Thema Kooperation nimmt demnach einen hohen Stellenwert in der oberösterreichischen Landwirtschaft ein.

Werbung schafft romantisiertes  Bild der Landwirtschaft

Neben der Entwicklung auf den Agrarmärkten sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fokusgruppe vor allem hinsichtlich des Images der Landwirtschaft in der Bevölkerung besorgt. Aufgrund des häufig verklärten, idyllisch-romantischen Bildes der Landwirtschaft besteht der Wunsch nach realistischen Bildern und einem direkten, offenen Konsumentenkontakt. Aus Sicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfestigt gerade die Werbung des Lebensmittelhandels dieses falsch kommunizierte Bild. Somit besteht seitens der Landwirtschaft großes Interesse an einer umfassenden und ehrlichen Konsumenteninformation. Ebenso messen die Befragten der regionalen Vermarktung heimischer Qualitätsprodukte einen hohen Stellenwert bei. Weiters gilt es dem Tenor der Fokusgruppe folgend, zukünftig verstärkt das Ansehen des Bauernstandes in der Gesellschaft zu heben.

Realität der 7-Tage-Woche

Laut Statistik Austria gehört die Landwirtschaft auch zu jener von zwei Branchen, in der die sieben Tage Arbeitswoche in hohem Ausmaß vorkommt. Es gilt auch für diese Themen in der Bevölkerung zu sensibilisieren”, so Univ. Prof. Siegi Pöchtrager, Universität für Bodenkultur Wien. In der vorliegenden  Untersuchung wurde der immer stärker werdende Interessenskonflikt zwischen Landwirtschaft und Freizeitgesellschaft (u.a. auch im Bereich der Work-Life-Balance) deutlich. Aufgrund des Auseinanderdriftens der Gesellschaftsschichten (Gesellschaft und Landwirtschaft) besteht ein aufkeimendes Konfliktpotential, das auch die Situation der Hofnachfolge verschärft.

Was braucht eine zukunftsfähige Landwirtschaft?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fokusgruppe konnten nachfolgende, zukunftsträchtige Themenkomplexe identifizieren:

  • faire und gesicherte Preise
  • Förderunabhängigkeit
  • bewusste und informierte Konsumentinnen und Konsumenten
  • Verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln in der Gastronomie & Gemeinschaftsverpflegung
  • Imagepflege und authentisches Marketing
  • Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte
  • Kurz- und langfristige Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Facharbeitskräfte v.a. für Großbetriebe
  • weniger  Bürokratie   und   sichere  Rahmenbedingungen für Innovationen

Dabei stellt die dringlichste Forderung die enge Zusammenarbeit mit den Konsumentinnen und Konsumenten dar. Diese Forderung betrifft sowohl die Konsumenteninformation, als auch die klare Produktkennzeichnung. Einigkeit herrscht hier in der Notwendigkeit des proaktiven Handelns. Aus Sicht der Landwirtinnen und Landwirte muss die Landwirtschaft sichtbar und präsent sein. Nur dadurch sind die Konsumentinnen und Konsumenten auch bereit, faire Preise für landwirtschaftliche Qualitätsprodukte zu zahlen. Die Notwendigkeit einer verstärkten Schwerpunktsetzung wird in umfassenden Konsumenteninformationen, Bildungs- und Beratungsmaßnahmen, einer Steigerung des Ansehens des Bauernstandes in der Gesellschaft sowie der regionalen Vermarktung heimischer Qualitätsprodukte gesehen.

Förderung von Innovation, Kooperation und Diversifizierung

Das Land Oberösterreich bietet vor allem in diesen Bereichen Fördermöglichkeiten im Rahmen des Programms zur Ländlichen Entwicklung 2014-2020. Neben der Investitionsförderung gibt es Fördermöglichkeiten zu Diversifizierung und Kooperationen. In der aktuellen Förderperiode LE 2014-2020 kann das Agrarland Oberösterreich mit einem deutlich höheren Anteil an Investitionsförderungsmitteln Finanzierungs­sicherheit geben.

Öffentlichkeitsarbeit

Der allgemeine Tenor der Fokusgruppen lautete, dass die heimische Landwirtschaft durch eine verstärkte Transparenz und den persönlichen Kundenkontakt aktiv zu einer positiven Imagebildung in der Gesellschaft beitragen kann. Unterstützung in der aktiven Konsumenteninformation wird vor allem aufgrund des vom Lebensmittelhandel und der -industrie stark gelebten idyllischen Bildes der Landwirtschaft, eingefordert. Denn die Zahl der bäuerlichen Betriebe sinkt. Noch in den 1960er-Jahren haben 21 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher in landwirtschaftlichen Betrieben gearbeitet. Heute sind es weniger als vier Prozent unserer Bevölkerung. Neben dem Agrarfilm des Landes Oberösterreich (http://www.dasbestefursland.at/Unser-Agrarfilm) wurden Branchenfilme produziert, die Produktion und das Wirken von 11 Landwirtinnen und Landwirten zeigen. Präsentiert werden Betriebe aus den Bereichen Rindermast, Milchwirtschaft, Getreide, Milchschafhaltung, Schweinemast, Hühnermast, Bruteier Erzeugung, Wald und Holz, Gemüse, Spargel und Urlaub am Bauernhof.

 

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