Agrartechnik: Einkaufsoptimierung entscheidet über globale Konkurrenzfähigkeit

28. November 2011 Drucken

Westeuropäische Hersteller von Agrartechnik haben im Einkauf noch Luft nach oben. Gemessen an anderen Industrien schneiden ihre Einkaufsabteilungen in puncto Leistungsfähigkeit schlechter ab. Durch eine nachhaltige Optimierung ihres Einkaufs auf Best-Practice-Niveau können Produzenten von Landtechnik ihre Kostenposition innerhalb von drei Jahren um rund 440 Millionen Euro verbessern. Zugleich schaffen sie sich so eine gute Ausgangsposition, um sich in den wachstumsträchtigen Schwellenländern wettbewerbsfähiger aufzustellen und sich in traditionellen Märkten gegen den aufstrebenden Wettbewerb aus China oder Indien zu behaupten.

Nicht zuletzt sind leistungsfähigere Einkaufsorganisationen Voraussetzung dafür, die ambitionierten Ziele beim strategisch wichtigen Best Cost Country Sourcing zu erreichen. Dies zeigen die Ergebnisse des aktuellen  Purchasing Best Practice Benchmarking Reports zur Agrartechnik von Oliver Wyman und VDMA.

Nach einem vergleichsweise  glimpflichen Einbruch im Krisenjahr 2009 ist die globale Agrartechnikindustrie zu alter Wachstumsstärke zurückgekehrt. Schätzungen des VDMA zufolge belief sich das  weltweite Produktions- und Marktvolumen 2010 auf rund 65 Milliarden Euro und lag damit nur knapp unter den 68,5 Milliarden des Vorkrisenjahres 2008. Für 2011 wird ein Anstieg auf 71,7  Milliarden Euro erwartet. Dies entspricht Steigerungsraten von jährlich knapp zehn Prozent. Insbesondere
die aufstrebenden Regionen wie China, Indien,Lateinamerika, Osteuropa oder
die Türkei bestechen mit kräftigen Zuwachsraten. Dieser Trend hält an. Haupttreiber sind hohe Rohstoffpreise, bedingt durch eine weiter wachsendeWeltbevölkerung und limitierte  Anbauflächen. Zugleich besteht gerade in den Schwellenländern hohes Automatisierungspotenzial,  was zu einer umfassenden Erneuerung des Landmaschinen und Traktorenbestands führt. Auch
erleichtert die Entwicklung des Bankwesens dort die Finanzierung entsprechender  Gerätschaften.

Hohes Optimierungspotenzial

Mit Wachstumsdynamik allein aber bleiben westeuropäische Hersteller von Agrartechnik nicht in der Erfolgsspur. Notwendig
für die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit in den angestammten Märkten Europa und USA sowie für die Markterschließung in den Schwellenländern sind weitere Werthebel wie Vertriebseffizienz, Ausbau von After-Sales-Services und innovative Dienstleistungen, aber auch  Produktionsoptimierung und Kostensenkung sowie Aufbau adäquater Wertschöpfungsstrukturen für die neuen Märkte und gezielte Partnerschaften mit starken lokalen Playern.

Der zentrale Werthebel ist allerdings der Einkauf. Gerade in Bezug auf ihre Einkaufsorganisationen haben die
westeuropäischen Hersteller von Agrartechnik mit einem durchschnittlichen Materialkostenanteil von knapp 60 Prozent noch große Potenziale, die es zu nutzen gilt. So wurden laut  Studie von Oliver Wyman und VDMA in den vergangenen 36 Monaten im Durchschnitt  lediglich 55 Prozent des gesamten Einkaufsvolumens durch regelmäßige Optimierungsprojekte adressiert. Zum Vergleich: Bei den Automobilherstellern waren es 96 Prozent, im Maschinen- und Anlagenbau 82 Prozent. Schlechter schnitten mit 43 Prozent des adressierten  Einkaufsvolumens nur die Baumaschinenhersteller ab. Mit den durchgeführten
Verbesserungsmaßnahmen erzielten Westeuropas Hersteller von Agrartechnik in den letzten 36 Monaten im
Durchschnitt Einsparungen von nur 4,5 Prozent und finden sich damit im unteren Drittel des Oliver Wyman-Benchmarkings wieder. Wenn die Unternehmen ihre Einkaufsorganisationen nachhaltig optimieren, können sie ihre Kostenposition
in den nächsten drei Jahren um zirka 440 Millionen Euro verbessern. Das entspricht immerhin einer Verbesserung der Umsatzrendite von rund zwei Prozent.

Transparenz entscheidet

Insgesamt können die Einkaufsabteilungen der westeuropäischen Hersteller von Agrartechnik noch von anderen Branchen
lernen. Vor allem bei der Mitarbeiterqualifikation, bei Prozessen sowie bei Einsatz und Nutzung von modernen Systemen, Tools und Methoden haben sie Optimierungspotenzial. Um Beschaffungskosten erfolgreich zu senken, brauchen die Einkäufer in den Unternehmen Transparenz über Marktpreise und Lieferantenangebote. Dies erfordert entsprechende IT-Systeme, die
auf Knopfdruck die Daten für fundierte Analysen liefern – und das Einkaufspersonal muss die dafür nötigen Tools und Methoden beherrschen. Größte Schwachstelle bei den Prozessen ist die Strukturierung des Ausschreibungsprozesses zur Vergabe von Aufträgen, sprich: die Gestaltung und Auswertung von Preis- und Leistungsanfragen bei  bestehenden oder potenziellen Lieferanten. Dort zeigen die meisten anderen Branchen bereits einen  höheren Reifegrad und ein höheres Maß an Professionalisierung.

Die nachhaltige Optimierung  dieser Bereiche spielt nicht zuletzt beim strategisch zunehmend wichtigen Best Cost Country
Sourcing eine entscheidende Rolle. Dies bedeutet, im Zuge einer Total-Cost-Analyse sämtliche Faktoren auf den Prüfstand zu stellen, die für oder gegen einen Beschaffungsmarkt sprechen. Dazu gehören unter anderem Produktpreise, Qualität, Koordinationsaufwand,  länderspezifische Risiken und Innovationskosten. Voraussetzung ist auch hier, dass das
Einkaufspersonal in der Lage ist, die erforderlichen Tools anzuwenden. Darüber hinaus muss es die  Kultur der jeweiligen Zielländer ausreichend kennen, um lang anhaltende und erfolgreiche Lieferantenbeziehungen aufbauen zu können.

Die gesamte Zusammenfassung der Oliver Wyman-Studie finden Sie hier.