Europäische Chemieindustrie verliert an Fahrt

23. Dezember 2011 Drucken

Die europäische Chemieindustrie hat 2010/2011 kräftige Zuwächse verzeichnet. Zwar ist auch der weitere Geschäftsausblick positiv, allerdings wird das Wachstum in den nächsten zwölf Monaten deutlich schwächer ausfallen. Zu diesem Ergebnis kommt eine europaweite Befragung der , CHEManager Europe und der Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Sie wurde in den Monaten Juni und Juli unter 130 Führungskräften aus […]

Die europäische Chemieindustrie hat 2010/2011 kräftige Zuwächse verzeichnet. Zwar ist auch der weitere Geschäftsausblick positiv, allerdings wird das Wachstum in den nächsten zwölf Monaten deutlich schwächer ausfallen. Zu diesem Ergebnis kommt eine europaweite Befragung der , CHEManager Europe und der Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Sie wurde in den Monaten Juni und Juli unter 130 Führungskräften aus 15 Ländern durchgeführt. Die Hälfte aller Befragten rechnet damit, dass sich die Wachstumsgeschwindigkeit in den nächsten zwölf Monaten gegenüber dem Vorjahr verlangsamen wird.

Nach den Quellen zukünftigen Wachstums befragt, gaben rund Dreiviertel der Vertreter von Chemieunternehmen und direkten Abnehmerindustrien an, primär organisch wachsen zu wollen. Nur 17 Prozent der Chemieunternehmen und 13 Prozent der Unternehmen aus Kundenindustrien erwägen externes Wachstum durch M&A-Aktivitäten. Die Befragung offenbart darüber hinaus Nachholbedarf aufseiten der Chemieunternehmen, was ihr Nachhaltigkeitsmanagement betrifft. In beinahe allen abgefragten Nachhaltigkeits-Dimensionen stufen die Chemiekunden die Unterstützung durch ihre Lieferanten schlechter ein als im vergangenen Jahr. Viele Chemieunternehmen werden den Anforderungen ihrer Kunden allgemein nicht hinreichend gerecht: Während 40 Prozent von sich sagen, über ein ‚hervorragendes Verständnis‘ ihrer Kundenanforderungen zu verfügen, attestieren dies nur 17 Prozent der Kunden ihren Lieferanten.

Aufschwung bis Sommer betrug 20 Prozent
Der Aufschwung hat sich im letzten Jahr auf hohem Niveau stabilisiert: Rund ein Drittel der befragten Chemieunternehmen vermeldete für die letzten zwölf Monate einen Nachfrageanstieg von 10 bis 20 Prozent. Bei rund jedem vierten Chemieunternehmen stieg die Nachfrage um 20 Prozent aufwärts. Auch der weitere Branchenausblick ist grundsätzlich positiv: So erwarten über 90 Prozent der befragten Chemieunternehmen und ihrer Kunden in den nächsten zwölf Monaten eine weiterhin steigende Nachfrage nach Chemieprodukten. Allerdings kühlt sich das Branchenklima voraussichtlich etwas ab: Die Hälfte aller Befragten rechnet damit, dass sich die Wachstumsgeschwindigkeit gegenüber dem Vorjahr verlangsamen wird. „Die weiterhin positiven Nachfrageprognosen zeigen, dass der gegenwärtige Aufwärtstrend anhält. Allerdings hat sich die Weltwirtschaft abgekühlt und die Zeiten schnellen Wachstums, das unmittelbar auf die Wirtschaftskrise folgte, sind vorerst zu Ende. Damit erklären sich auch die eher moderaten Zukunftserwartungen der Branche“, heißt es in einer Aussendung von A.T.Kearney.

Teure Rohstoffe
Auch die Rohstoffpreise haben in den letzten zwölf Monaten zugelegt. Über die Hälfte der befragten Chemieunternehmen berichtete von einem Anstieg von zehn Prozent und mehr. Beinahe jeder Fünfte vermeldete einen Anstieg von 30 Prozent aufwärts. Einige strategische Rohstoffe wie Titandioxid, Butandien oder Seltene Erden sind dabei knapp geworden. Eine Trendumkehr erwarten die Studienteilnehmer nicht: Über die Hälfte der befragten Chemieunternehmen rechnet in den nächsten zwölf Monaten mit einem Preisanstieg für Rohstoffe von bis zu zehn Prozent; Ein Drittel rechnet sogar mit einem Anstieg von 20 Prozent aufwärts.

Wachstum vor allem organisch
Zukünftiges Wachstum erhoffen sich die Chemieunternehmen im Wesentlichen in Form von organischem Wachstum mit neuen Kunden (38 Prozent) sowie bestehenden Kunden (37 Prozent). Anorganisches Wachstum durch Zukäufe oder Unternehmenszusammenschlüsse spielt für Chemieunternehmen eine deutlich geringere Rolle. Nur 17 Prozent von ihnen gaben M&A-Aktivitäten als Quelle zukünftigen Wachstums für ihr Unternehmen an. Auch Unternehmen der Kundenindustrien erwarten wenig externes Wachstum, sondern erachten organisches Wachstum mit neuen Kunden (54 Prozent) als wesentlichen Wachstumstreiber. Jeder vierte Befragte auf Kundenseite wiederum rechnet primär mit Wachstum durch zusätzliches Geschäft mit bestehenden Kunden.
Allerdings sprach der Markt in den vergangenen Monaten eine andere Sprache: Auch getrieben von der wirtschaftlichen Erholung hatte die Anzahl größerer M&A-Deals in der Chemieindustrie wieder zugelegt; EBITDA-Multiples, die für strategische Akquisitionen gezahlt wurden, hatten im ersten Halbjahr 2011 einen Höchststand erreicht. Die veränderte Erwartungshaltung spiegelt nach Ansicht der Unternehmensberater die zunehmende Vorsicht der Branche wider, die finanzielle Nachhaltigkeit von teuren Akquisitionen wird hinterfragt.

Stärkstes Wachstum in Nah- und Fernost
In geographischer Hinsicht wollen Chemieunternehmen vor allem in Fernost (84 Prozent) und im arabischen Raum (48 Prozent) Kapazitäten aufstocken. Europäische Chemieunternehmen streben zunehmend ostwärts. Damit sichern sie sich nicht nur den Zugang zu kostengünstigen Rohstoffen, sondern auch zu einer globalen Personal- und Wissensbasis. Außerdem werden sie auf diese Weise den Technologie- und Serviceanforderungen ihrer Kunden in diesen Regionen besser gerecht.

Energieeffizienz als Wachstumstrieber
Wachstumsimpulse werden allerdings nicht nur aus neuen Ländern kommen, sondern auch von Zukunftstechnologien ausgehen, mit denen veränderte Verbraucherbedürfnisse adressiert werden. An der Spitze dieser makroökonomischen Entwicklungen, von denen sich sowohl Chemieunternehmen also auch Kunden Wachstum für Chemieprodukte versprechen, steht die Energieeffizienz. Sie wird von 77 Prozent der befragten Chemieunternehmen als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ erachtet. Beträchtliches Wachstumspotenzial attestiert über die Hälfte der befragten Chemieunternehmen ferner den alternativen Rohstoffen. Dazu zählen unkonventionelles Gas oder Verbindungen aus Bioraffinerie-Aktivitäten. Jeweils 76 Prozent der befragten Chemieunternehmen gaben an, dass sie sich in punkto Innovation primär darauf konzentrieren, neue Produkteigenschaften zu entwickeln und als Innovationsführer innerhalb der Branche wahrgenommen zu werden.

Weiterhin Handlungsbedarf bei Nachhaltigkeit
Die Analyse der Frage, wie Chemieunternehmen ihre Kunden im Bereich Nachhaltigkeitsmanagement unterstützen, hat ergeben: Die meisten Unternehmen bieten technische Dienstleistungen an, die ihren Kunden dabei helfen, ihre operative Nachhaltigkeit zu verbessern (63 Prozent). Nahezu ebenso viele (62 Prozent) konzentrieren sich darauf, die Nachhaltigkeit ihrer eigenen Lieferkette zu gewährleisten. Ebenfalls sehr verbreitet ist die Bereitstellung von alternativen Rohstoffen (47 Prozent).
Dem Trend zu mehr Nachhaltigkeit verleiht eine Reihe von Faktoren Rückenwind. Dazu gehören steigende Rohstoffpreise ebenso wie die EU-Gesetzgebung zur Verringerung des CO2-Ausstoßes. Umso überraschender die Feststellung, dass die Chemieunternehmen in beinahe allen abgefragten Dimensionen des Nachhaltigkeitsmanagements von ihren Kunden schlechter bewertet wurden als noch vor einem Jahr. Hier liegen vergleichsweise einfach zu hebende Potenziale brach

Wachstumschancen an der Kundenschnittstelle
Unerfüllte Kundenwünsche gibt es allerdings nicht nur auf dem Gebiet des Nachhaltigkeitsmanagements: Auch in diesem Jahr offenbart die C3X-Befragung, dass die Kundenanforderungen von den Chemieunternehmen vielfach nicht im gewünschten Maße verstanden und erfüllt werden. Während 40 Prozent der Chemieunternehmen von sich glauben, über ein ‚hervorragendes Verständnis‘ ihrer Kundenanforderungen zu verfügen, wird dies von den Kunden nur 17 Prozent der Hersteller attestiert.