Durchwachsene Bilanz von "Abfertigung Neu"

09. Februar 2012 Drucken

Viele EU-Länder haben österreichische Abfertigung Neu- Regelung als Ausgangspunkt für ihre nationalen Lösungen herangezogen. Ein Rückblick auf das seit 2003 geltende System zeigt eine durchwachsene Bilanz. Die Renditen bleiben weit hinter den versprochenen Beträgen. Bei Einführung des Systems hatten sich die Inititatoren ein jährliches Anwachsen der eingezahlten Beträge um sechs Prozent versprochen. In Wahrheit beträgt […]

Transparent auf ÖAAB-Zentrale 2002

Nix Vorsorge: 2/3 der Versicherten lassen sich Abfertigung Neu vorzeitig auszahlen. (c) ruh

Viele EU-Länder haben österreichische Abfertigung Neu- Regelung als Ausgangspunkt für ihre nationalen Lösungen herangezogen. Ein Rückblick auf das seit 2003 geltende System zeigt eine durchwachsene Bilanz. Die Renditen bleiben weit hinter den versprochenen Beträgen. Bei Einführung des Systems hatten sich die Inititatoren ein jährliches Anwachsen der eingezahlten Beträge um sechs Prozent versprochen. In Wahrheit beträgt der Zuwachs etwa drei Prozent. Das nahende zehnjährige Jubiläum der Abfertigung Neu war Anlass für eine Diskussionsveranstaltung von WKO und IHS zum Thema „Reform der Abfertigung in der EU“. Abfertigungen sind das älteste und weitverbreitetste Einkommenssicherungsprogramm für freigestellte Dienstnehmer. So haben nicht nur Angestellte, sondern alle am SV-versicherten Arbeitsprozess teilnehmenden Beschäftigen – Arbeitnehmer, Freiberufler, Selbständige und Bauern – einen Anspruch. Die Rechte gehen bei Selbstkündigung nicht verloren. Zudem gibt es bereits nach einem Monat im System einen Forderungsanspruch seitens des Versicherten und Vorteile für Frauen, etwa durch die Anrechnung von Karenzzeiten.

Enttäuschung
Dennoch hat die Abfertigung Neu zwei zentrale Erwartungen nicht erfüllt, waren sich Vertreter von Sozialministerium, Wirtschaftskammer und IHS heute bei der Präsentation einer internationalen Studie zum Thema einig: Der versprochene jährliche Zuwachs von sechs Prozent hat sich nicht eingestellt, und die Arbeitnehmer heben das Geld ab so rasch sie können. Der Plan zum Aufbau einer zweiten wichtigen Säule der Eigenvorsorge ist fehlgeschlagen. Zwei Drittel der Arbeitnehmer entnehmen die veranlagten Summen vorzeitig.

„Viel zu viel versprochen“
Vor zehn Jahren waren die Experten davon ausgegangen, dass das Geld jährlich sechs Prozent Ertrag bringen wird. In Wahrheit waren es seither etwa drei Prozent. Das könnte „Pech“ gewesen sein, wie IHS-Chef Bernhard Felderer sagte, weil die Renditen in den Jahrzehnten davor immer höher gewesen seien. Vielleicht haben auch „zumindest einige Kassen“ schlecht gewirtschaftet, spekuliert er.
Sechs Prozent Rendite könnte aber auch von vornherein unrealistisch gewesen sein, wie schon damals manche Experten meinten und auch der Pensionsexperte Bernd Marin heute sagte. Es sei „viel zu viel versprochen“ worden.

Jobs werden nicht häufiger gewechselt
Eine Befürchtung der Arbeitgeber hat sich nicht erfüllt: Die Mitarbeiter wechseln seither nicht häufiger den Job als mit der alten Abfertigung, die bei Selbstkündigung verloren ging. Die Unternehmen wieder müssen nicht fürchten, durch die hohe alte Abfertigung in den Ruin getrieben zu werden.

WKÖ gegen Anhebung der Arbeitgeberbeiträge
WKÖ-Präsident Christopg Leitl zeigte sich naturgemäß wenig begeistert von Vorschlägen, aufgrund der geringeren Renditen nun den Arbeitgeberanteil von 1,53% zu erhöhen und damit die Lohnnebenkosten weiter zu steigern. Auch Weltbank-Experte Holzmann und Herausgeber eines Buches, das internationale Abfertigungsmodelle analysiert („Reforming Severance Pay: An International Perspektive“)ortete Verbesserungspotential. Es sei an der Zeit, auf Basis einer empirischen Analyse zu beleuchten, wo Nachbesserungsbedarf bestehe.