NEWSROOM-Wissen: Der Kriminalfall LIBOR

13. Februar 2013 Drucken

NEWSROOM-Wissen erklärt in Teil 2, warum der LIBOR-Skandal so tiefe Auswirkungen auf die globale Finanzwelt hat. Seit Juni 2012 sieht sich die Öffentlichkeit mit der Tatsache konfrontiert, dass einige Trader aus einer Gruppe von Londoner Banken eine der maßgeblichsten Zinskennzahlen der Finanzwirtschaft manipuliert haben. Die London InterBank Offered Rate ist nur eine morgendliche Schätzung von […]

NEWSROOM-Wissen erklärt in Teil 2, warum der LIBOR-Skandal so tiefe Auswirkungen auf die globale Finanzwelt hat. Seit Juni 2012 sieht sich die Öffentlichkeit mit der Tatsache konfrontiert, dass einige Trader aus einer Gruppe von Londoner Banken eine der maßgeblichsten Zinskennzahlen der Finanzwirtschaft manipuliert haben. Die London InterBank Offered Rate ist nur eine morgendliche Schätzung von 18 Londoner Banken und keine  tatsächliche Marktkennzahl. Auch der EURIBOR soll verfälscht worden sein.

Schon lange im Gerede
Die Gerüchte kursierten bereits jahrelang und begannen im Frühjahr 2012, die Firewall der Londoner Finanzwelt zu durchbrennen. Im Juni wurde aus der Fama ein Kriminalfall. Barclays gab gegenüber der britischen Finanzaufsicht FSA zu, dass es zu Unregelmäßigkeiten bei der Festsetzung des LIBOR gekommen sei, des London InterBank Offered Rate. Mitarbeiter dieser und anderer Banken des Londoner Finanzplatzes haben einen der wichtigsten Zinsparameter des Kapitalmarktes manipuliert.

Ermittlungen laufen auch in Richtung EURIBOR-Manipulation © APA

Worum geht es?
Der LIBOR wurde seit längerem (hier gehen die Berichte auseinander, ob seit 1990 oder 2001) regelmäßig um wenige Zehntel-Prozentpunkte manipuliert. Nach Ausbruch der Lehmann-Krise dienten die Manipulationen, um in erster Linie die Position der betroffenen Banken und des Londoner Finanzplatzes am Markt besser darzustellen. Zu hohe Interbanken-Raten hätten die Bonität der involvierten Institute in ohnehin schwierigen Zeiten weiter in Frage gestellt. Auch sollte die Stabilität der Londoner City durch niedrigere LIBOR-Sätze unterstrichen werden. Wieweit die britische Nationalbank Bank of England von den Manipulationen gewusst hat, ist immer noch Gegenstand von Ermittlungen. Die reale Auswirkung der niedrigeren LIBOR-Rates (es gibt an die 150) war nach Lehman gering: Der einst extrem liquide Interbanken-Markt für gegenseitige Finanzierungen ist seit Herbst 2008 stark eingeschränkt. Die EZB hat seither die Aufgabe der Liquiditätssicherung  des Euromarktes übernommen.

Zweiter Vorwurf an die manipulierenden Banken: Sie hätten bereits vor 2008 und nach 2009 aus den abgesprochenen Ratings über Hedgegeschäfte Profit geschlagen.

Was passierte seither?
Die Finanzaufsichtsbehörden in Großbritannien, den USA und der Schweiz schlossen mit Stand Mitte Februar mit mehreren involvierten Banken Vergleiche:

  • Die britische Bank Barclays war im Sommer 2012 die erste, die mit der Strafzahlung von rund 450 Millionen US-Dollar belegt wurde.
  • Im Dezember war die Schweizer Großbank UBS zu einer Buße von 1,4 Milliarden Franken (1,16 Mrd. Euro) wegen ihrer Verwicklungen bei der LIBOR-Manipulation verurteilt worden. Den Löwenanteil der UBS auferlegten Geldstrafe ging mit 1,2 Milliarden Franken an die US-Bankenaufsicht. Die britische FSA verhängte eine Geldstrafe von 160 Millionen Pfund. Die Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA  zog 59 Millionen Franken an unrechtmäßigen Gewinnen ein.
  • Am 6. Februar wurde die Royal Bank of Scotland (RBS) zur Zahlung von 615 Millionen Dollar (etwa 455 Millionen Euro) an Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien verdonnert.
  • Derzeit sind weitere Ermittlungen gegen Deutsche Bank, die US-Banken Citigroup und JP Morgan sowie das britische Brokerhaus ICAP bekannt.

Abgefahren: Londoner City kämpft mit Reputation © Rainer Sturm/pixelio.de

Wie wird der LIBOR ermittelt?
Das ist der Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander kurzfristige Kredite gewähren (Interbankenmarkt). Kalkuliert wird die Rate, indem 18 Topbanken täglich melden, zu welchem Zins sie sich Geld leihen können. Bei diesen Meldungen haben die Manipulationen durch Verabredungen ihren Ausgang genommen. Die Trader hatten einander abgesprochen, bevor sie ihre tägliche Markteinschätzung bekanntgaben.  Es half nicht, dass die höchsten und niedrigsten 25% der gemeldeten Werte gestrichen werden. Die offiziellen LIBOR Zinssätze (bbaLIBOR) werden an jedem Arbeitstag um 11.45 Uhr London Time im Auftrag der British Bankers’ Association (BBA) von Reuters veröffentlicht. Daraus wird ein Mittelwert berechnet. Der LIBOR wird für 15 unterschiedliche Laufzeiten und 10 verschiedene Währungen berechnet, was zu insgesamt 150 verschiedenen LIBOR Zinssätzen führt.

Was ist der Unterschied zwischen LIBOR und EURIBOR?
Beide Zinssätze bilden ab, zu welchen Konditionen die Banken einander gegenseitig Geld leihen. LIBOR-Zinssätze gibt es für zehn verschiedene Währungen: Für Euro und Dollar, das Britische Pfund, den japanischen Yen , den Schweizer Franken , die Schwedische Krone , die Dänische Krone, den Kanadischen Dollar, den Australischen Dollar und den Neuseeländischen Dollar. Der Euro-LIBOR und der EURIBOR können durchaus differieren.
Der LIBOR ist als älterer Referenzzinssatz besonders für die in der Leitwährung Dollar fakturierten Geschäfte und Kredite wichtig. Demgegenüber spielt die Euro Interbank Offered Rate (EURIBOR) vor allem im Euroraum eine tragende Rolle. Er wird – im Unterschied zum LIBOR – ausschließlich für den Euro und für verschiedene Laufzeiten erstellt.

Wie wird der EURIBOR ermittelt?
Der EURIBOR wird seit 1999 in Brüssel ermittelt und hat in Österreich den VIBOR ersetzt. Die Quotierung dieses Zinssatzes erfolgt durch repräsentative Banken (EURIBOR Panel-Banken). Das Panel wird derzeit aus 57 Banken gebildet, darunter 47 aus der Eurozone, 4 aus sonstigen EU-Ländern und 6 aus Banken außerhalb der EU. Dabei werden die jeweils höchsten und tiefsten Werte eliminiert (je 15 Prozent). Bridge Telerate errechnet dann aus den Angaben eine arithmetische Durchschnittszinsrate, die um 11 Uhr Brüsseler Zeit (MEZ) für die unterschiedlichen Laufzeiten weltweit veröffentlicht wird.

Wurde auch der EURIBOR manipuliert?
Es gibt noch keinen offiziellen Nachweis. Bei den bankinternen Ermittlungen der Deutschen Bank wurden Händler im Zusammenhang mit Libor-Manipulationen suspendiert. Diese waren im Geldhandel auch für die Festsetzung des Euribor zuständig und auf niedrigen bis mittleren Hierarchiestufen angesiedelt, wie es in Medienberichten heißt.

Wie geht es weiter?
Die Bankenaufsichtsbehörden in mehreren Ländern ermitteln weiter – auch in Richtung EURIBOR-Manipulation. Beobachter erwarten weitere Vergleiche bzw. Anklagen bis Sommer des Jahres. Involvierte Banken müssen vor allem in den USA noch mit hohen zivilrechtlichen Schadenersatzforderungen rechnen.

Hinweis: Bei NEWSROOM-Wissen handelt es sich um redaktionelle Beiträge, die nach sorgfältiger Recherche vom Redaktionsbüro Business News erstellt werden. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich nicht um offizielle Stellungnahmen der Erste Bank oder Sparkassen handelt.