Offshore-Leaks: Wie 2,5 Millionen Dokumente und 260 GigaByte Daten ausgelesen werden

05. April 2013 Drucken

Berlin (APA/dpa) Millionäre schleusen ihr Geld am Fiskus vorbei in Briefkastenfirmen und Vermögensverwaltungen in abgelegenen Steueroasen. Wie feinmaschig und raffiniert dieses Netz ist, hat „Offshore-Leaks“ enthüllt: Das Projekt internationaler Aktivisten und Datenjournalisten erinnert an WikiLeaks, funktioniert aber ganz anders. Österreichische Medien wurden dabei nicht eingeladen. Die Datenmenge ist 150 Mal größer als der Umfang der Botschaftsdepeschen von […]

Was ist Offshore-Leaks,

Offshore-Leaks brachte 150mal mehr Daten als bei WikiLeaks. Die Herkunft ist noch im Dunkeln. © APA

Berlin (APA/dpa) Millionäre schleusen ihr Geld am Fiskus vorbei in Briefkastenfirmen und Vermögensverwaltungen in abgelegenen Steueroasen. Wie feinmaschig und raffiniert dieses Netz ist, hat „Offshore-Leaks“ enthüllt: Das Projekt internationaler Aktivisten und Datenjournalisten erinnert an WikiLeaks, funktioniert aber ganz anders. Österreichische Medien wurden dabei nicht eingeladen. Die Datenmenge ist 150 Mal größer als der Umfang der Botschaftsdepeschen von WikiLeaks.

Kein WikiLeaks
Insgesamt sind 86 Journalisten in 46 Ländern beteiligt, allerdings nicht aus Österreich. „Das Projekt ist aus meiner Sicht ein Gegenentwurf zu WikiLeaks“, erklärt der Datenjournalist Sebastian Mondial der dpa. „Wir haben von vornherein versucht, Geheimhaltung und Quellenschutz nach vorn zu stellen.“ Mondial wurde im Februar 2012 als Experte für die Analyse großer Datenmengen eingeladen, an dem Enthüllungsprojekt der in Washington angesiedelten Initiative International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) mitzuwirken, bei der kein heimisches Medium Mitglied ist. Die Daten bleiben Mitgliedern vorbehalten.

Daten werden nicht offen gelegt
Das von Julian Assange gegründete WikiLeaks-Projekt hat auf seinem Höhepunkt im Jahr 2010 Daten wie das Video zu einem US-Luftangriff in Bagdad oder mehr als 250.000 Berichte von diplomatischen Vertretungen der USA im Internet veröffentlicht. Auf heftige Kritik stieß dabei der Umstand, dass so schließlich auch die Namen von Informanten bekannt wurden. Zu den Offshore Leaks sagt Mondial: „Das ICIJ will diese Daten nicht veröffentlichen, weil man auch großen Schaden bei unbeteiligten Dritten anrichten kann, die in den Daten genannt sind.“

Insgesamt 2,5 Millionen Dokumente unter der Lupe
Der Datenbestand, der vor über einem Jahr in die Hände der Enthüller gelangte, ist riesig: insgesamt 2,5 Millionen Dokumente wie E-Mails, PDF-Dateien, Tabellen oder Powerpoint-Präsentationen im Gesamtumfang von 260 Gigabyte. „Es gibt weltweit nur eine Handvoll Personen, die den Zugang zu allen diesen Daten hat“, sagt Mondial. „Niemand hat bisher in den Medien jemals mit so großen Datenmengen gearbeitet.“

Gehackte Daten?
Mit Blick auf den Quellenschutz macht das ICIJ nur sehr allgemeine Angaben zur Herkunft der Daten: Sie „sind von Servern abgeschöpft worden, die über das Internet zugänglich waren“, erklärt Mondial. Die Anzahl von Kopien der Daten sei bewusst klein gehalten worden, die Daten selbst seien sicher verschlüsselt.

Einsatz spezieller Software
„Das erste halbe Jahr des Projekts stand ganz im Zeichen der Frage, wie wir die Daten aufbereiten“, erklärt Mondial. Dafür setzte der Experte die spezielle Forensik-Software Nuix ein. Forensik – das meint kriminaltechnische Untersuchungen aller Art, auch die Analyse von Datenbeständen. Mithilfe von Nuix können große Datenmengen sehr schnell indiziert und anschaulich aufbereitet werden. So kann man damit analysieren, wer mit wem über welchen Zeitraum hinweg E-Mails ausgetauscht hat. Zu diesen E-Mails sagte ein involvierter Journalist der „Süddeutschen Zeitung“ zur APA, der Nachrichtenverkehr sei „oft kurios“ gewesen. Da die ICIJ-Aktivisten auch die Daten von Mail-Servern hatten, konnten sie selbst diejenigen Empfänger erkennen, die im BCC-Feld einer E-Mail eigentlich unsichtbar bleiben sollen.

Mehr als 10.000 Personen im Visier
Im deutschen Sprachraum haben die Daten neben der „SZ“ auch der „NDR“ und die „Schweizer Sonntagszeitung“. Insgesamt umfasst die Kommunikation mit über 122.000 Briefkastenfirmen und Vermögens- oder Erbschaftsverwaltungen in Form sogenannter „Trusts“ nach Schätzung Mondials mehr als 10.000 Personen. Die E-Mails reichen zum Teil bis in die 1990er-Jahre zurück, so dass mehr als 15 Jahre abgedeckt werden. Während der ersten Prüfung der Daten haben die ICIJ-Experten zunächst geprüft, dass sie nicht einem großen Hoax, einer raffinierten Fälschung aufgesessen sind.

Der Durchbruch
„Die zweite Phase begann dann nach der Entdeckung von zwei Datenbanken, die detaillierte Angaben enthielten, welche Offshore-Firmen mit welchen Personen verknüpft waren“, erklärt Mondial. „Das war ein Durchbruch.“ Daraufhin wurden weitere Medien einbezogen – mit dabei sind etwa „Le Monde“ in Frankreich, der britische „Guardian“, die BBC und die „Washington Post“.

150 mal mehr Daten als bei WikiLeaks
Die Offshore Leaks werden dem Journalismus neue Impulse geben. Sie zeigen die Richtung auf, wie Qualitätsjournalismus der Zukunft funktioniert: vernetzt, kritisch, analytisch. Die Datenmenge sei 150 Mal größer als der Umfang der Botschaftsdepeschen von WikiLeaks, erklärt Bastian Brinkmann von der „Süddeutschen Zeitung“. Vor der journalistischen Recherche sei daher die Arbeit der Computer-Forensiker erforderlich gewesen. „Damit werden die Spielregeln verändert“, schreibt das Blog „Tax Justice Network“, einer gegen die Auswüchse von Steueroasen gerichteten Initiative.

Noch viel Arbeit zu leisten
Die Arbeit an den Daten ist nach den ersten Veröffentlichungen vom Donnerstag nicht abgeschlossen. „Es sind noch längst nicht alle Länder erschlossen, in denen Personen Geld an die Offshore-Firmen überwiesen haben“, sagt der Datenjournalist Mondial. „Mit der Erfahrung und dem Schwung der jetzigen Veröffentlichung sollen die Recherchen nun weiter vorangetrieben werden.“

 

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