NEWSROOM-Wissen: Warum schürt die Deflation so große Ängste?

27. Mai 2014 Drucken

EZB-Präsident Mario Draghi meinte am Montag auf einer Konferenz der EZB in Sintra, nahe der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, dass die Europäische Zentralbank bei Bedarf handeln werde, um ein Abgleiten der Euro-Zone in eine Deflationsspirale zu verhindern. Zwar erwarte die Notenbank aktuell, dass die Inflationsrate auf mittlere Sicht wieder in Richtung der von ihr angestrebten zwei […]

EZB-Präsident Mario Draghi meinte am Montag auf einer Konferenz der EZB in Sintra, nahe der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, dass die Europäische Zentralbank bei Bedarf handeln werde, um ein Abgleiten der Euro-Zone in eine Deflationsspirale zu verhindern. Zwar erwarte die Notenbank aktuell, dass die Inflationsrate auf mittlere Sicht wieder in Richtung der von ihr angestrebten zwei Prozent anzieht, er meinte aber, dass „es unsere Verantwortung ist, die Risiken für dieses Szenario zu sehen und uns darauf vorzubereiten.“ Was aber ist genau das Problem mit dieser Deflation?  Es müsste doch toll sein, wenn alles günstiger wird. Rainer Münz erklärt, warum nicht alles gut ist, wenn es billig wird.

Das Gegenteil von Inflation

Meistens steigen die Preise. Doch manches wird auch billiger. Aber was wäre, wenn morgen fast alles etwas billiger würde? So etwas nennt man Deflation. Anfangs wäre so eine Deflation bestimmt super. Wir müssten dann für fast alles weniger zahlen. Der Wirtschaft als Ganzer bringt ein genereller Rückgang der Preise allerdings keinen Vorteil.
Deflation ist das Gegenteil von Inflation. Deflation bedeutet Preisverfall. Sinkende Preise erhöhen zunächst die Kaufkraft der Konsumenten – das ist positiv. Aber bei einem anhaltenden Preisrückgang konsumieren Unternehmen und Privathaushalte zweifellos weniger. Denn sie erwarten weiter sinkende Preise und verschieben einen Teil ihres Konsums in die Zukunft – eben in der Hoffnung, dass übermorgen alles noch etwas billiger sein wird. In der Zwischenzeit wird gespart und die Nachfrage sinkt. Mit der Zeit muss das zu niedrigeren Gewinnen der Unternehmen, zu weniger Arbeitsplätzen und schließlich zu geringeren Investitionen führen.

Beispiel Japan

Zurückhaltung beim Konsum und bei Investitionen trifft die Wirtschaft eines Landes besonders hart. Denn Konsum und Investitionen von Privathaushalten und Unternehmen machen 60% bis 70% unserer gesamten Wirtschaftsleistung aus. Wird von privater Seite weniger konsumiert und weniger investiert, dann müsste der Staat einspringen. Wenn nicht, kommt es zu einer Deflationsspirale: sinkender Konsum in Erwartung weiter fallender Preise, sinkende Auslastung der Produktionskapazitäten, weniger Arbeitsplätze, Verunsicherung von Verbrauchern und Unternehmen, daher weniger Investitionen, und so weiter.
Abschreckendes Beispiel ist Japan. Dort platze Anfang der 1990er Jahre eine Immobilienblase, was zu starken Verlusten für Banken und Hausbesitzer führte. Die folgenden 20 Jahre waren durch ausbleibendes Wachstum und eine leichte Deflation geprägt. Kommentatoren sprechen auch von Japans zwei „verlorenen Jahrzehnten“. Erst ab 2012 begannen Regierung und Japanische Zentralbank massiv zu intervenieren.

Gegenstrategie der EZB

Die Zentralbanken fast aller Länder versuchen, die Preisentwicklung zu steuern. Denn sie nehmen Einfluss auf die Geldmenge und legen die Leitzinsen fest. Normalerweise bemühen sich die Zentralbanken, ein wenig Inflation zuzulassen, aber diese unter Kontrolle zu halten. Die Europäische Zentralbank hält z.B. einen Preisanstieg von knapp unter 2% pro Jahr für wünschenswert. Trotz einer expansiven Geldpolitik der EZB betrug die Inflation Ende 2013 in der Eurozone jedoch nur 0,8%. Dabei fallen auch krisenbedingt sinkende Verbraucherpreise – insbesondere in Ländern wie Griechenland, Portugal oder Zypern – ins Gewicht.
Als Antwort auf die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die EZB seit 2009 nicht bloß ihre Bilanzsumme stark vergrößert, sondern auch die Leitzinsen deutlich gesenkt; Ende 2013 auf den Tiefstand von bloß 0,25% pro Jahr. Das viele billige Geld soll Konsum und Investitionen erleichtern, damit sie die Wirtschaft in der Eurozone ankurbeln und auch einer möglichen Deflation entgegenwirken.