EZB schnürt riesiges Anti-Deflationspaket – keine Negativzinsen für Sparer

06. Juni 2014 Drucken

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht in die Vollen. Um die Euro-Wirtschaft anzukurbeln und zu verhindern, dass der Währungsraum in die Deflation abgleitet, hat sie ein riesiges Anti-Deflationspaket geschnürt. Der EZB-Rat senkte den Leitzins von 0,25 Prozent auf das Rekordtief von 0,15 Prozent.  Zudem müssen  Banken sogar einen Strafzins zahlen, wenn sie Geld  bei der EZB deponieren möchten. Die Währungshüter wollen […]

Die EZB erweitert Liquiditätsgarntie für Banken und führt für Banlken ein, die Geld bei ihr deponieren. Der Kreditmarkt in Südeuropa soll beflügelt werden. |©  Daniel Gast/pixelio.de

Die EZB erweitert Liquiditätsgarantie für Banken und führt einen Strafzins ein, falls Institute Geld bei ihr deponieren. Der Kreditmarkt in Südeuropa braucht Impulse. |© Daniel Gast/pixelio.de

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht in die Vollen. Um die Euro-Wirtschaft anzukurbeln und zu verhindern, dass der Währungsraum in die Deflation abgleitet, hat sie ein riesiges Anti-Deflationspaket geschnürt. Der EZB-Rat senkte den Leitzins von 0,25 Prozent auf das Rekordtief von 0,15 Prozent.  Zudem müssen  Banken sogar einen Strafzins zahlen, wenn sie Geld  bei der EZB deponieren möchten. Die Währungshüter wollen dazu die schwache Kreditvergabe mit einem neuen Stützungsprogramm ankurbeln. Siehe dazu auch den Bericht in sueddeutsche.de, warum Mario Draghi die Zinsen senkt. 

Banken müssen für EZB-Einlage Strafe zahlen

An der Zinsfront wurde die Notenbank ebenfalls aktiv: Der wichtigste Leitzins, zu dem sich die Banken gegen Sicherheiten für eine Woche Zentralbankgeld leihen können (Hauptrefinanzierungssatz), sinkt um weitere 0,1 Punkte auf ein neues Rekordtief von 0,15 Prozent. Der Einlagensatz, zu dem die Banken normalerweise bei der EZB liegende Guthaben verzinst bekommen, sinkt erstmals ins Negative. Er beträgt nun minus 0,1 Prozent, nach zuvor null Prozent. Der Ausleihungssatz, der den Banken zur Spitzenrefinanzierung dient, sinkt um 0,35 Punkte auf 0,4 Prozent.

Keine Negativzinsen für Sparer – auch sonst geringe Effekte

Die Auswirkungen eines negativen Einlagensatzes sind höchst ungewiss, weil bisher keine große Notenbank so weit gegangen ist. In Europa haben diesen Schritt nur die schwedische und die dänische Notenbank gewagt. Die Resultate sind nach Meinung von Experten aber nur sehr eingeschränkt auf den Euroraum übertragbar. Grundsätzlich denkbar sind eine Schwächung des starken Euro oder eine Ausweitung der schwachen Kreditvergabe durch die Banken. Auf der anderen Seite könnten die Geldhäuser die Kosten des Negativzinses aber auch an ihre Kunden weitergeben, was zu steigenden Zinsen oder einer geringeren Kreditvergabe führen könnte.
Österreichische Sparer müssen nicht fürchten, über negative Nominalzinsen auf ihren Sparbüchern enteignet zu werden. Das versicherten die Großbanken umgehend nach der EZB-Entscheidung. Bank-Austria-Chef Willibald Cernko kann „negative Nominalzinsen für unsere Kunden ausschließen“, wie er der APA ausrichtete. Gleichlautendes kam von Raiffeisen: „Wir bestrafen Kunden nicht, wenn sie sparen“, schloss der Vizechef der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien, Georg Kraft-Kinz, nominale negative Zinsen aus.
Die Zinssenkung der EZB dürfte zumindest in Österreich kaum Effekte haben, erwartet Erste-Bank-Österreich-Vorstand Thomas Uher. Er stellte klar: negative Sparzinsen wird es bei der Erste Bank nicht geben. Bei der BAWAG könnten nach der jetzigen EZB-Leitzinssenkung und der weiteren Euribor-Entwicklung folgend viele Kreditkunden beim nächsten Zinsanpassungstermin auf eine „vertragskonforme“ Absenkung der Zinssätze hoffen. Negative Zinssätze aufs Sparbuch wird auch die mehrheitlich dem US-Fonds Cerberus gehörende BAWAG P.S.K. nicht verhängen.

Mehr Kredite in den Südländern

Wie EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag erklärte, soll die Kreditvergabe an private Haushalte und Unternehmen mit billigem Zentralbankgeld im Volumen von bis zu 400 Milliarden Euro angeschoben werden. Dazu werden mit den Banken eine Reihe von Refinanzierungsgeschäften durchgeführt (Targeted longer-term refinancing operations, TLTRO). Die Laufzeit dieser TLRTO beträgt vier Jahre. Über das Programm können sich die Banken bis zu sieben Prozent ihrer gegenwärtigen Kreditvergabe an Zentralbankgeld leihen. Die Kosten hierfür errechnen sich aus dem Leitzins zuzüglich 0,1 Prozentpunkten.
Darüber hinaus will die EZB den in Verruf geratenen Markt für Kreditverbriefungen wiederbeleben. Sie stellt in Aussicht, „einfache und transparente“ ABS (Asset Backed Securities) zu erwerben. Die Absichtserklärung folgt auf eine gemeinsame Initiative der EZB und der Bank of England. Der ABS-Markt war als Folge der Immobilienkrise in den USA auch in Europa eingebrochen, obwohl die Ausfallraten laut EZB und Bank of England diesseits des Atlantiks viel geringer gewesen sind.

EZB sorgt weiterhin für Liquidität durch Sonderzuteilungen

Zudem können die Banken im Währungsraum noch länger als bisher auf billiges Geld zählen. Gegen Sicherheiten können sie sich so viel Zentralbankgeld wie gewünscht bis mindestens Ende 2016 besorgen. Bisher war dies bis Mitte 2015 möglich. Diese „Vollzuteilung“ war eine Reaktion auf die seit der Finanz- und Schuldenkrise gestörte Funktionsfähigkeit der Interbankenmärkte, auf denen die Geldhäuser überschüssiges Zentralbankgeld handeln.
Außerdem verzichtet die EZB darauf, überschüssiges Geld aus einstigen Staatsanleihekäufen krisengeschwächter Euroländer dem Bankenmarkt wieder zu entziehen. Unter dem mittlerweile eingestellten „Securities Markets Program“ (SMP) hatte die Notenbank zwischen 2010 und 2012 Staatsanleihen von Ländern wie Spanien oder Italien für insgesamt mehr als 200 Mrd. Euro erworben. Um Bedenken zu zerstreuen, dies könnte zu höherer Inflation führen, wurde das mit den Käufen geschaffene Geld wieder aus dem Markt genommen. Als Folge der jetzt beschlossenen Aussetzung erhöht sich die Liquidität am Interbankenmarkt um rechnerisch mehr als 100 Mrd. Euro. (APA/red)