Medienhäuser suchen immer noch Weg in das digitale Nachrichtengeschäft

17. Juni 2014 Drucken

Die „Zeit des Übergangs“ prägt die Befindlichkeit der Medienbranche. Wie konkrete Lösungsansätze für den digitalen Wandel aussehen könnten, wurde beim „Media Innovation Day“ im Wiener Museumsquartier diskutiert. Trotz eines für die Branche üblichen Pessimismus gab es dabei etliche Lichtblicke und die Aufforderung, den Misserfolg nicht zu fürchten. Der Übergang zum Bezahlcontent wird immer noch gesucht.  […]

Die digitale Revolution verlangt von den Verlagen Systembrüche. Manche Experten glauebhn nicht, dass Werbung den Journalismus länger finanzieren kann.  |© pepsprog/pixelio.de

Die digitale Revolution verlangt von den Verlagen Systembrüche. Experten glauben nicht, dass Werbung den Journalismus länger finanzieren kann. |© pepsprog/pixelio.de

Die „Zeit des Übergangs“ prägt die Befindlichkeit der Medienbranche. Wie konkrete Lösungsansätze für den digitalen Wandel aussehen könnten, wurde beim „Media Innovation Day“ im Wiener Museumsquartier diskutiert. Trotz eines für die Branche üblichen Pessimismus gab es dabei etliche Lichtblicke und die Aufforderung, den Misserfolg nicht zu fürchten. Der Übergang zum Bezahlcontent wird immer noch gesucht. 

Order to Chaos

US-Medienexperte Ken Doctor (passend gekleidet in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Order to Chaos, Chaos to Order“) sprach zum Auftakt der prominent besetzten Veranstaltung des Forum Journalismus und Medien Wien (fjum) über die grundsätzliche Fragestellung: Wie sieht die Zukunft für professionellen Journalismus aus? „Es gibt viele Wege, wie es funktionieren könnte, aber es wird nicht einfach sein, dort hinzukommen.“ Wenig überraschend steht dabei meist das liebe Geld im Mittelpunkt.

Editieren und Aggregation

Ein zentraler Punkt aus seiner Perspektive, der auch bei den anschließenden Kleinrunden hervorgestrichen wurde, sind die Beziehungen in und zu den Communities. „Und wenn wir uns fragen, warum etwa Buzzfeed so erfolgreich ist: Das ist nicht Magie, das ist Editieren und Aggregation.“ Die Verleger müssten erkennen, dass es zunächst einmal heißt: Zurück an den Start. „Wie kleine Kinder müssen wir Stein auf Stein setzen, um wieder zum Wachstum in der Branche zu gelangen. Und das wird gelingen.“
Während Doctor damit einen positiven Ausblick bot, gelang John Paton, CEO des US-Unternehmens Digital Media First, schneller zu einer für viele wohl unangenehmen Sachlage: „Es gibt kein Geschäftsmodell, das die klassischen Medien erfolgreich in das Digitale hebt. Das Internet hat das alte Geschäftsmodell kaputt gemacht.“ Anstatt das aber als Tatsache anzunehmen, würden viele Medienhäuser nach wie vor versuchen, zur Rettung anzusetzen. Wobei Patton keinesfalls Print ignorieren will. „Aber wir sollten unsere Energie besser in die Zukunft investieren.“

„Misserfolg ist eine Option!“

Wie dies mitunter erfolgreich, aber jedenfalls mit viel Verve gelingen könne, würden tagtäglich diverse Start-ups unter Beweis stellen. Von diesen könne man in punkto Risikobereitschaft etliches lernen. „Und uns muss klar sein: Zu anderen Unternehmen aufholen zu wollen, ist etwas für Verlierer. Das gelingt nicht. Wir brauchen vielmehr eine neue DNA und müssen etwas Neues schaffen.“ Dafür habe man dank der technologischen Entwicklungen auch einen neuen, nämlich globalen Markt. „Mit den iOS und Android Stores können wir alles global verbreiten, und dennoch versuchen viele die App für die Nachbarschaft zu bauen“, so Paton. Und er betonte: „Misserfolg ist eine Option!“
Unabhängig von diesen Überlegungen sei für ihn aber klar: „Die Leute wollen nach wie vor unser Kernprodukt, den Journalismus. Wir müssen nur den Wandel annehmen, uns anpassen und etwas anderes werden.“ Dass dabei Aspekte wie Video, soziale Anwendungen oder mobile Nutzung im Kern zu stehen haben, ist in der Branche wohl schon seit längerem angekommen.

Paywall bleibt hart

Etwas anders verhält es sich bei dem Thema Paywall: Diesbezüglich haben gerade die Diskussionen in den Kleingruppen dargelegt, dass es unterschiedliche Denkansätze nicht nur gibt, sondern wohl auch braucht. Denn trotz der gemeinsamen Herausforderungen für die Medienhäuser wurde deutlich, welche Rolle traditionell- wie neugewachsene Medien- und Unternehmensidentitäten spielen können, wenn es um die Zahlungsbereitschaft der User und die Monetarisierung von Inhalten geht. „Wir müssen uns eingestehen: Unser Geschäftsmodell, egal wie es künftig aussehen kann, wird nicht von Dauer sein, sondern sich stetig wandeln“, erklärte etwa Stefan Plöchinger von der „Süddeutschen Zeitung“. Die Herausforderung sei aus seiner Sicht aber gerade am deutschsprachigen Markt dank eines noch immer recht stabilen Zeitungsmarktes „beherrschbar“.

Träge Supertanker

Kritischer sah George Nimeh, Digital-Chef des „Kurier“, die derzeitige Sachlage: „Die harten Entscheidungen werden nicht gemacht.“ Während sich die Welt schnell bewege, würden gerade die klassischen Medienhäuser sich wie träge Supertanker verhalten. Ändere man das nicht, „werden andere an unsere Stelle treten“. Die stellvertretende „Stern“-Chefredakteurin Anita Zielina pochte darauf, dass Medienhäuser mehr als eine Säule benötigen würden, um sich im heutigen Umfeld zu halten. „Wichtig ist aber, dass dieses Bündel insgesamt über die Jahre auf der Einnahmenseite wächst.“ So könnten auch einzelne Einbrüche kompensiert werden.
Die Paywall-Debatte wird für sie derzeit wiederum zu dogmatisch geführt. „Es geht nicht um ein prinzipielles Ja oder Nein, sondern darum, ob sie zu meiner Marke passt.“ Gerold Riedmann, Geschäftsführer von Russmedia Digital, machte sich indes keine Illusionen, dass Werbung künftig den Journalismus wieder finanzieren könnte. „Das wird nicht der Fall sein. Und wenn man Online wiederum nur als Unterstützung für die Print-Abos sieht, ist das gefährlich.“ (APA)