E-Control glaubt an längerfristig tiefe Strom-Preise

19. November 2014 Drucken

Die heimische E-Wirtschaft stöhnt unter den tiefen Strompreisen im Großhandel und sieht weitere Kraftwerksinvestitionen gefährdet. Nicht einmal neue Wasserkraftanlagen würden sich heute rechnen, sondern nur geförderte Ökostrom-Erzeugung, kritisiert Oesterreichs-Energie-Präsident Wolfgang Anzengruber. In der E-Control hält man längerfristig niedrige Notierungen für möglich, auch weitere Rückgänge. Die E-Wirtschaft werde gegenüber den Haushaltskunden in Erklärungsnöte kommen.  Anhaltende Entwicklung […]

Die Regulatoren erwarten eine anhaltende tiefe Preissituation für Strom. die Erzeuger klagen über nicht gedeckte Gestehungskosten.  |©  APA

Die Regulatoren erwarten eine anhaltende tiefe Preissituation für Strom. die Erzeuger klagen über nicht gedeckte Gestehungskosten. |© APA

Die heimische E-Wirtschaft stöhnt unter den tiefen Strompreisen im Großhandel und sieht weitere Kraftwerksinvestitionen gefährdet. Nicht einmal neue Wasserkraftanlagen würden sich heute rechnen, sondern nur geförderte Ökostrom-Erzeugung, kritisiert Oesterreichs-Energie-Präsident Wolfgang Anzengruber. In der E-Control hält man längerfristig niedrige Notierungen für möglich, auch weitere Rückgänge. Die E-Wirtschaft werde gegenüber den Haushaltskunden in Erklärungsnöte kommen. 

Anhaltende Entwicklung

„Meine Prognose wäre: Die Großhandelspreise werden noch weiter sinken – jedenfalls sehr niedrig bleiben“, meinte Johannes Mayer von der Abteilung Volkswirtschaft des Regulators, am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion. Wenn dann Strom zeitweise gar nichts koste, öfter als jetzt, dann könnte die Politik im Hinblick auf das Erreichen von Effizienzzielen womöglich auf die Idee kommen, dass sie die Kilowattstunde mit Steuern und Abgaben belege anstelle des Preises, denn der könnte gelegentlich „Null“ sein. Er rechne künftig mit sehr niedrigen Energiepreisen über den Großteil des Jahres, sagte der E-Control-Experte. Die Branche werde dann freilich „ein großes kommunikatives Problem bekommen“, die Preise für die Haushaltskunden zu rechtfertigen. Als Haushaltsausgaben-Komponente dürfe sich Strom nicht verteuern, gestand Anzengruber zu, er dürfe kein „Luxusgut“ werden.

Der verzerrte Markt

In einer funktionierenden Marktwirtschaft dürfte es eigentlich gar keine negativen Preise geben, betonte Anzengruber beim Trendforum des Interessenverbandes der E-Wirtschaft. Dass das an den Strombörsen speziell bei Wind- oder Solarstromüberschuss und wenig Verbrauch aber doch immer wieder der Fall ist, zeige, dass es sich um einen verzerrten, imperfekten Markt handle. Ja, die Erneuerbaren seien falsch reguliert, räumte Mayer ein und meinte, angesichts der Marktsituation „könnte Stromverbrauch ein gutes Geschäft sein“, wenn man zu bestimmten Zeiten nämlich Geld für den Konsum von Elektrizität bekomme. Industriebetriebe und auch EVU könnten damit vielleicht gute Geschäfte machen – erste Pools, sogenannte „virtuelle Kraftwerke“, formieren sich ja bereits.
Anzengruber sieht durch die tiefen Stromnotierungen und gebremsten Investments freilich längerfristig die Versorgungssicherheit gefährdet, es handle sich hier um eine dünne „Eisschicht, auf der wir gehen“. Dass das Stromnetz zu 99,99 Prozent des Jahres stabil sei und nur 50 Minuten ausfalle, „ist nicht gottgegeben und muss nicht immer der Fall sein“. Irgendwann würden die kalorischen Kraftwerke als Back-up weg sein, da sich das ganze System „schief“ entwickle. Auch neue Stromnetze wolle niemand sehen, so der Verbund-Chef: „Strom will jeder haben, aber die Produktion und der Transport wird gehasst.“

Gestehungskosten 50 Euro – Verkaufspreis 33 Euro

Wenn Strom aus neuen Kraftwerken 50 Euro die Megawattstunde (MWh) koste, im Großhandel aber nur zu 33 oder 34 Euro je MWh abgesetzt werden könne, „wird niemand mehr investieren“, warnte Anzengruber – „das machen ja nur Idioten“. Die CO2-Preise seien zu niedrig, um die schmutzigen Braunkohle- und danach auch die Steinkohlekraftwerke vom Netz zu bringen. „Wir hatten schon 30 Euro pro Tonne CO2, derzeit kostet die Tonne 6,50 bis 6,80 Euro.“ Dies führe dazu dass sich etwa eine Tonne Zement, bei deren Produktion 500 Kilogramm CO2 anfallen würden, nur um drei, vier Euro verteuere. Für eine Tonne Stahl mit 1,5 Tonnen CO2-Emission betrage die Belastung lediglich 9 bis 10 Euro.
Von der Politik wünscht sich Verbandspräsident Anzengruber Zurückhaltung bei Steuern und Abgaben, die heute schon mehr als ein Drittel des Strompreises für Haushaltskunden ausmachten, sowie ein marktwirtschaftliches Umfeld und Maßnahmen in Richtung CO2-Freiheit. Gegenüber 2007/08 seien die Stromnotierungen um über 50 Prozent gesunken, dadurch entstehe bei den Versorgern „Druck auf die Bilanzen und Erträge“. Angebot-Nachfrage sei aus dem Gleichgewicht, selbst ohne Nachfrage kämen bevorrangt große geförderte Strommengen zu fixen Abnahmepreisen ins Netz. Die Sicherheit der Versorgung, nämlich zu jeder Zeit und in jeder Menge Strom zu bekommen, wie es die EVU gewährleisten würden, sei nicht bepreist, „dafür wird nichts bezahlt“.

11 Prozent Öko-Strom

Kritisiert wurde beim Trendforum, dass Ökostrom nur elf Prozent der heimischen Erzeugung stelle, aber angesichts des Förderaufwands von 657 Mio. Euro so viel koste wie ein Viertel des Marktwerts der Gesamterzeugung in Österreich. Durch die gefallenen Stromnotierungen sei der Marktwert der im Inland produzierten Elektrizität von 2011 bis 2014 von 4,7 auf 2,7 Mrd. Euro gesunken, zugleich aber der Anteil der Regulierungskosten daran von 9 auf 16 Prozent gestiegen.
In ihrer Rechnung kommt Oesterreichs Energie auf 461 Mio. Euro Kosten der Regulierung für die E-Wirtschaft. Davon seien 440 Mio. Euro im Jahr regulatorische und andere staatlich induzierte Kosten für die Erzeugung, vor allem Wärme- und Wasserkraft, was die Wettbewerbsposition heimischer Produzenten gegenüber den ausländischen Konkurrenten verschlechtere. Weitere 21 Mio. Euro für die „Regulierungsbürokratie“ müsse der Stromhandel und -vertrieb tragen. Die öffentliche Hand nehmen laut Interessenverband aktuell jährlich 4,15 Mrd. Euro durch die Aktivitäten der E-Wirtschaft ein – und zwar 2,15 Milliarden aus den Abgaben und Steuern auf Elektrizität, weitere 1,5 Mrd. Euro an Steuern aus der Tätigkeit der Unternehmen sowie rund 500 Millionen aus Dividendenzahlungen. (APA)