Kaufkraft der Wiener stagniert

13. Februar 2015 Drucken
Kaufkraft der Wiener stagniert
Die Wiener werden beim Einkaufen mobiler und nehmen längere Wegstrecken über Bezirksgrenzen hinaus in Kauf. |© Foto Hiero/pixelio.de © Foto Hiero/pixelio.de

Wien steuert auf ein massives Strukturproblem zu. Denn die Verkaufsflächen wachsen enorm, während die Kaufkraft zurückgeht. Das wird nicht ewig ohne Konsequenzen bleiben“, sagten Vertreter der Wirtschaftskammer Wien im Rahmen einer kürzlich durchgeführten Pressekonferenz. Präsentiert wurde eine Studie der WK Wien zur Wiener Kaufkraft. Neben dem realen Verlust an Kaufkraft (-0,6 Prozent im Vergleich zu […]

Wien steuert auf ein massives Strukturproblem zu. Denn die Verkaufsflächen wachsen enorm, während die Kaufkraft zurückgeht. Das wird nicht ewig ohne Konsequenzen bleiben“, sagten Vertreter der Wirtschaftskammer Wien im Rahmen einer kürzlich durchgeführten Pressekonferenz. Präsentiert wurde eine Studie der WK Wien zur Wiener Kaufkraft. Neben dem realen Verlust an Kaufkraft (-0,6 Prozent im Vergleich zu 2006, inflationsbereinigt) bereitet auch das exorbitante Verkaufsflächenwachstum (+20 Prozent) Sorge. Die größten Zuwachsraten gibt es bei den Fachmarktagglomerationen am Stadtrand (+38 Prozent) und den nicht integrierten Einkaufszentren. Aber auch die Verkaufsfläche in den Einkaufsstraßen ist seit 2006 um 15 Prozent gewachsen.

Folgen des Flächenzuwachs

Die Folge des vor allem am Stadtrand ungezügelten Flächenwachstums sind geringere Umsätze und Gewinne pro Verkaufsfläche, übersteigerter Konkurrenzdruck, uniformiertes Angebot, wachsender Leerstand, Rückgang der Nahversorgung, strukturschwache Grätzel und frequenzschwache Fachmarktagglomerationen auf der grünen Wiese. Was die Studie zeigt, es fehlt ein Generalkonzept mit konkreten Projekten zur Weiterentwicklung der Wiener Einzelhandelsstrukturen. Und es werden Prioritäten falsch gesetzt, worunter auch Einkaufsstraßen wie beispielsweise die Favoritenstraße im 10. Bezirk leiden. Denn diese hätte durchaus das Zeug, wieder zu einer attraktiven Shoppingmeile, zu einem zusätzlichen City-Hotspot zu werden. Allerdings wäre dafür eine längst überfällige Oberflächensanierung und Revitalisierung notwendig. Der ideale Zeitpunkt beim Bau des Hauptbahnhofs Wiens wurde aber versäumt. Stattdessen wurde das Geld in die ohnehin gut funktionierende und mit Abstand umsatzstärkste Einkaufsstraße Österreichs gesteckt.

Wichtigste Fakten zur Wiener Kaufkraft-Studie

Das Kaufkraft-Volumen der Wiener Bevölkerung ist seit 2006 inflationsbereinigt um -0,6 Prozent gefallen. Nominell ist sie um 17,5 Prozent angestiegen. Bevölkerungsgewinne von 7 Prozent sowie Steigerungen in den Verbrauchsausgaben der Haushalte begründen das Wachstum des Kaufkraft-Volumens von 8,25 Mrd. Euro auf 9,69 Mrd. Euro.

Kaufen die Wiener in Wien?

82,3 Prozent des Wiener Kaufkraftvolumens bleibt in der Stadt. Das ist eine Steigerung um nur 0,6 Prozentpunkte im Vergleich zu 2006, trotz 20-prozentigem Verkaufsflächenwachstum. In der Langfristbetrachtung seit 1998 hat sich dieser Wert um 0,4 Prozentpunkte verringert.

Einkaufen: Wiener sind mobiler

Die Wiener werden beim Einkaufen mobiler und nehmen längere Wegstrecken über Bezirksgrenzen hinaus in Kauf. Dies wird durch die Kaufkraft-Bindung in andere Bezirke erkennbar, die um 2,1 Prozent zugenommen hat. Ergebnis ist eine Verschiebung der Kaufkraft-Verflechtungen zwischen den Bezirken und eine Konzentration auf wenige große Einkaufsdestinationen.

Kaufkraft-Bindung innerhalb Wiens: Gewinner und Verlierer

In der Langfristbetrachtung seit 1998 hat sich die Kaufkraft-Eigenbindung in vielen Bezirken deutlich abgeschwächt bzw. rückläufig entwickelt. Einige Bezirke konnten die Kaufkraftbindung ihrer Bewohner seit 1998 steigern (Innere Stadt, Liesing, Donaustadt, Landstraße), meist begleitet von großflächigen Verkaufsflächenentwicklungen. Auf der anderen Seite aber verlieren auch Bezirke kontinuierlich an Kaufkraft-Eigenbindung (Rudolfsheim-Fünfhaus, Floridsdorf, Simmering, Margareten).

Kaufkraftbilanz Wiens: Saldo noch positiv, aber um 66 Prozent gesunken

Die Bilanz der Kaufkraft-Abflüsse (1.716 Mio. €) und Kaufkraft-Zuflüsse (1.837 Mio. €) bringt Wien ein positives Saldo von 121 Mio. €. Seit 2006 (Saldo von 353 Mio. €) hat sich die Bilanz um 66 Prozent verschlechtert.

Kaufkraft-Abflüsse nach Niederösterreich

Ein negativer Kaufkraft-Saldo von -213 Mio. Euro besteht gegenüber Niederösterreich, vor allem aufgrund der großflächigen Handelsagglomerationen in Bereich SCS Vösendorf/Brunn sowie dem neuen Einkaufszentrum/Fachmarktagglomeration G3 in Gerasdorf.

Kaufkraft-Zuflüsse

Eine positive Kaufkraftbilanz (+275 Mio. €) hat Wien mit den meisten anderen Ländern – speziell die Slowakei und Ungarn kann man hier hervorheben. Auch die Zuflüsse aus unregelmäßigen Einkaufsfahrten inklusive Ausgaben von Tages- und Nächtigungsgästen (=Streuumsätze) von ca. 605 Mio. Euro sind hoch geblieben.