„Grexident“: Ausscheiden Athens hätte dramatische Folgen

16. März 2015 Drucken
„Grexident“: Ausscheiden Athens hätte dramatische Folgen
EU-Ratspräsident Donald Tusk warnt vor unfallartigem Ausstieg Griechenlands: "Es geht um mehr als nur um Geld". |© APA © APA

EU-Ratspräsident Donald Tusk hat die 28 europäischen Mitgliedstaaten eindringlich davor gewarnt, das gegen die Zahlungsunfähigkeit kämpfende Griechenland versehentlich aus der Gemeinschaft ausscheiden zu lassen. „Wir haben ein solches idiotisches Szenario zu verhindern“, sagte Tusk in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ und fünf anderen europäischen Blättern. Auch der Erste Weltkrieg sei „das Resultat von Missverständnissen, […]

EU-Ratspräsident Donald Tusk hat die 28 europäischen Mitgliedstaaten eindringlich davor gewarnt, das gegen die Zahlungsunfähigkeit kämpfende Griechenland versehentlich aus der Gemeinschaft ausscheiden zu lassen. „Wir haben ein solches idiotisches Szenario zu verhindern“, sagte Tusk in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ und fünf anderen europäischen Blättern. Auch der Erste Weltkrieg sei „das Resultat von Missverständnissen, Unfällen und dummen Telefonaten“ gewesen.

Nicht nur Frage des Geldes

Der Verbleib Griechenlands in der Eurozone sei nicht nur eine Frage des Geldes, sondern in geopolitischen Zusammenhängen zu sehen, sagte Tusk. Angesichts der Krise in Libyen, der fragilen Lage auf dem Balkan, in Moldawien, Transnistrien und auf Zypern, sei ein „so dramatischer Akt wie das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone“ eine Katastrophe. „Die Konsequenzen wären nicht nur finanzielle. Ein Ausscheiden Griechenlands wäre das dramatischste Kapitel in der gesamten Geschichte der Europäischen Union. Wir müssen Griechenland helfen, das ist unstrittig.“ Er forderte alle Akteure auf, einander in Würde und Achtung zu begegnen.

„Geringfügiges“ Liquiditäsproblem

Trotz zunehmend leerer Kassen in Athen hält der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis die Lage nicht für dramatisch. Es handle sich um ein „unbedeutendes Liquiditätsproblem“, das Europa nicht auseinander treiben dürfe, sagte er am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Günther Jauch“. Auf die Frage, ob sein Land noch vor Monatsende zahlungsunfähig werden könne, wich er aus: „Wir in der griechischen Regierung tun unser Bestes, um sicherzustellen, dass alle Gläubiger ihr Geld zurückbekommen.“ Gleichzeitig müssten auch Rentner, Pensionisten und Staatsbedienstete rechtzeitig ihr Geld bekommen.

Griechenland muss in kommenden Wochen 2,6 Mrd. Euro zurückzahlen

Auch der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hat am Sonntag Berichte dementiert, wonach seinem Land noch in diesem Monat die Pleite droht. „Es gibt absolut kein Liquiditätsproblem“, sagte Tsiprasin Athen. Tsipras und Varoufakis reagierten auf Berichte, dass Athen offenbar schon Ende des Monats die Pleite drohe. Diese Befürchtung habe Tsipras am Freitag gegenüber EU-Parlamentspräsident Martin Schulz geäußert, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Der Zeitung zufolge muss Athen kommende Woche Kredite von fast einer Milliarde Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen sowie für 1,6 Milliarden Euro eine auslaufende Staatsanleihe ersetzen. Um flüssig zu bleiben, bis die Eurogruppe weitere Hilfe freimacht, will Tsipras neue Schulden bei der EZB aufnehmen. Dem Bericht zufolge fordert er von der Zentralbank, den Rahmen für kurzfristige Anleihen (T-Bills) um zwei bis drei Milliarden Euro zu erhöhen. Das lehnte die Bank mangels verbindlicher Sparzusagen aus Athen bisher ab.

„Grexident“ ist denkbar

Die Regierung in Rom hält Warnung vor einem Euro-Austritt Griechenlands für übertrieben: „Die Risiken für Italien würden bei einem ‚Grexit‘ nicht steigen“, sagte Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan am Wochenende. Die Finanzminister von Österreich und Deutschland, Hans Jörg Schelling (ÖVP) und Wolfgang Schäuble (CDU) halten einen ungeplanten, unfallartigen Austritt Griechenlands aus der Eurozone, einen sogenannten „Grexident“, für möglich.