Übernahmen in der Chipindustrie schaffen neue Branchenstrukturen

01. Dezember 2015 Drucken

In der Chipindustrie grassiert das Übernahmefieber: Infineon kauft Rectifier, NXP kauft Freescale, Avago kauft Broadcom – eine milliardenschwere Akquisition jagt die nächste.  Im laufenden Jahr sind Reuters-Daten zufolge Transaktionen im Wert von rund 125 Milliarden Dollar (118 Mrd. Euro) zustande gekommen. Eine Übernahmelawine Jahrzehntelang gab es in der Branche mit ihren sehr eigenen Gesetzen so […]

Infineon gab zu Jahresanfang den Startschup Wie ein Startschuss wirkte zu Jahresbeginn die Übernahme der US-Firma International Rectifier durch Infineon. |© Infineon Villach

Infineon gab zu Jahresbeginn mit der Übernahme der US-Firma International Rectifier den Startschuss für eine Übernahmelawine. |© Infineon Villach

In der Chipindustrie grassiert das Übernahmefieber: Infineon kauft Rectifier, NXP kauft Freescale, Avago kauft Broadcom – eine milliardenschwere Akquisition jagt die nächste.  Im laufenden Jahr sind Reuters-Daten zufolge Transaktionen im Wert von rund 125 Milliarden Dollar (118 Mrd. Euro) zustande gekommen.

Eine Übernahmelawine

Jahrzehntelang gab es in der Branche mit ihren sehr eigenen Gesetzen so gut wie keine Übernahmen. Nur der Platzhirsch Intel betätigte sich ab und zu als Käufer. Wie ein Startschuss wirkte zu Jahresbeginn die Übernahme der US-Firma International Rectifier durch Infineon. Dialog Semiconductor griff bald danach für 4,6 Milliarden Dollar nach dem US-Konkurrenten Atmel, die niederländische NXP steigt mit Freescale zu Europas Marktführer auf. In den USA erwarb Avago Technologies für 37 Milliarden Dollar den Rivalen Broadcom – der bisher teuerste Deal der Branche. Texas Instruments scheint nun Maxim Integrated schlucken zu wollen. Branchenprimus Intel wiederum will sich mit Altera stärken. Am Freitag verkündete Toshiba, sich möglicherweise von Teilen seiner Chipsparte trennen zu wollen. Die Reihe ließe sich noch fortführen.

Kostendruck zwingt zu Übernahmen

Ein Grund für diesen Trend ist der Sparzwang, der angesichts schwacher Wachstumszahlen verstärkt auf den Unternehmen lastet. Nur durch Kostensenkungen ließen sich mit Chips noch vernünftige Gewinne schreiben, urteilen die Analysten von Morgan Stanley. Das Marktforschungsinstitut Gartner erwartet in diesem Jahr ein Weltmarktwachstum von vier Prozent auf 354 Milliarden Dollar – in ihren besten Zeiten war die Branche zweistellige Zuwachsraten gewohnt. Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz aus China. Durch Übernahmen könnten Firmen bei der Produktion, dem Einkauf, Vertrieb sowie auch bei Forschung und Entwicklung sparen.

Outsourcing bringt dicke Kapitaldecke

Auf der anderen Seite hat die Chipbranche auch mehr Kapital für Übernahmen zur Verfügung. Da viele Hersteller die Produktion an Auftragsfertiger in Asien auslagerten und nicht in eigene Anlagen investieren mussten, blieb Geld übrig. Und wegen der weltweit niedrigen Zinsen ist Kapital einfach zu beschaffen. Das Geld können die Konzerne sinnvoll anlegen und sich neue Entwicklungen oder Patente ins Haus holen, erläutert Experte Ford. Das hebt auch Infineons Strategievorstand Arunjai Mittal hervor: „Die Volatilität ist viel weniger geworden. Die Unternehmen generieren einen starken Cashflow aus ihrem Geschäft. Daher ist es auch viel leichter für sie, an Kredite zu kommen.“ Die Branche sei in einer gewissen Weise erwachsener geworden. Für die Kunden bedeutet das Fusionsfieber durch den geringeren Wettbewerb aber dauerhaft höhere Preise.

Heterogene Struktur

Allerdings gibt es im Konsolidierungskurs der Branche große Unterschiede – je nach dem, welche Art von Halbleitern die Konzerne herstellen. So sind im Massenmarkt für Speicherchips wegen eines langjährigen Vernichtungswettbewerb nur wenige Anbieter übrig geblieben. In diesem Segment dürfte sich wenig verändern. Dagegen geht es bei den Bauteilen für Smartphones, Unterhaltungselektronik und Computertechnik derzeit rund. Dort sind die Innovationszyklen kurz und es gibt im Vergleich zu früher nur noch wenige Chipkunden. Wer heute seine Chips für Smartphones in nennenswerter Stückzahl verkaufen will, hat mit Apple und Samsung im Grunde nur noch zwei Abnehmer. Die Verhandlungsmacht der Geräteanbieter ist enorm gestiegen. Als Zeichen dafür, dass dem auch eine Konsolidierung der Zulieferer folgt, kauft Dialog Semiconductor nun Atmel. (APA)