Autowirtschaft: Warum die Konzerne immer mehr Start-ups übernehmen

03. Oktober 2017 Drucken
Autowirtschaft: Warum die Konzerne immer mehr Start-ups übernehmen
Smart Vision EQ fortwo © Daimler

Der Umbau der Automobilwirtschaft bringt neue Strukturen. Eine internationale Analyse von Oliver Wyman zeigt einen Boom bei Partnerschaften und Beteiligungen der Autobauer in Technologie-Start-ups. Dabei stehen die deutschen Premiumhersteller in vorderster Reihe

BMW und Daimler geben Gas

Automobilbauer (OEM) setzen verstärkt auf Beteiligungen und Partnerschaften, um den Zugriff auf Zukunftstechnologien wie autonomes Fahren und umweltfreundliche Antriebe zu sichern. Über die vergangenen Jahre haben sich die deutschen Hersteller BMW und Daimler unter den Top-3-Investoren weltweit platziert – neben dem US-Hersteller GM. Doch die Analyse zeigt auch Handlungsbedarf auf, denn viele Autobauer investieren nach Meinung von Oliver Wyman wenig fokussiert. Der Druck auf die Autohersteller wächst, weil kapitalstarke Unternehmen aus mehreren technologiegetriebenen Branchen wie IT und Telekommunikation in den Mobilitätssektor drängen.

Zukauf von Innovation: 52 Investements

Klassische Automobilbauer drücken aufs Tempo, um nicht bei neuen Technologien abgehängt zu werden. Bis Anfang September diesen Jahres sind die führenden Hersteller (OEM) bei 52 überwiegend jungen Tech-Firmen eingestiegen, die sich im Mobilitätssektor positionieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse von Oliver Wyman, die die Beteiligungsstrategien von zwölf Marken untersucht – darunter BMW, Daimler, Volkswagen und Audi aus Deutschland. 2016 lag die Zahl der Risikokapitalinvestitionen erst bei 41. Schon das bedeutete einen Zuwachs von fast 150 Prozent gegenüber 2015. Mit zusammen gut 70 Prozent bilden Mobilitätsdienstleistungen (32%), Green Vehicles (22%) – dazu zählen beispielsweise Fahrzeuge mit Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb – sowie vernetzte und autonome Fahrzeuge (16%) den Schwerpunkt.

Opel-Rak-e © Opel

Reise ins Ungewisse

Allerdings fehlt den Beteiligungsstrategien vieler Autobauer eine klare Ausrichtung: Man sehe, dass viele Hersteller noch unsicher sind, wo die Reise hingehe, so die Beratergruppe in einer Aussendung. Erste Hersteller hätten das erkannt: Daimler beispielsweise investiert massiv in den Bereich Mobility Services, während GM den Einstieg bei Techniklieferanten für nachhaltige Fahrzeuge in den Mittelpunkt gerückt hat.

Deutsche Premiumhersteller mit der höchsten Aktivität

Im langfristigen Ranking liegen zwei deutsche Unternehmen weit vorne: Mit 37 Beteiligungen führt BMW die Rangliste knapp an – vor Daimler mit 36 und GM mit 35 Investitionen. Volvo (27), Ford (24) und Toyota (18) finden sich im Mittelfeld. Volkswagen (12), Honda (9) und Audi (8) liegen nur knapp vor den französischen Herstellern Renault und PSA, die mit je sieben bzw. sechs Beteiligungen in diesem Zeitraum das Schlusslicht bilden.

Investieren über Beteiligungsfonds

Einige Hersteller holen aber stark auf. So haben Toyota und PSA eigene Beteiligungsfonds aufgesetzt – nach dem Vorbild des Pioniers BMW, der bereits 2011 seinen Fonds „i Ventures“ ins Leben gerufen hat. Mit einem bereitgestellten Kapital von 500 Millionen Euro liegen die Münchener hier weit vorne. Volkswagen etwa eröffnete in diesem Jahr den eigenen Inkubator „IDEATION:HUB“ – nach dem Vorbild von Daimler und BMW, die schon länger eigene Einheiten für die Förderung von Start-ups unterhalten. Toyota hat jüngst einen Fonds mit 100 Millionen US-Dollar ausgestattet, der ausschließlich im Bereich der künstlichen Intelligenz investiert. Künstliche Intelligenz hilft einerseits im Fahrzeug etwa bei der Auswertung von Straßenschildern, aber auch bei der Steuerung des Angebots von Mobilitätsdienstleistungen.

Neue Herausforderer für die OEMs

Neue Player wie Uber und DiDi Chuxing drängen in den Markt und fordern die etablierten Hersteller heraus. Auch sie beteiligen sich verstärkt an Start-ups und haben inzwischen je 21 Investitionen abgeschlossen. Zudem positionieren sich Unternehmen wie die japanische Softbank Group. Der Telekommunikations- und Medienkonzern hat jüngst 5,5 Milliarden US-Dollar in den chinesischen Fahrdienstvermittler DiDi Chuxing investiert und bereitet Medienberichten zufolge zudem eine Investition in Höhe von zehn Milliarden US-Dollar in den DiDi-Konkurrent Uber vor. Eine Investorengruppe um Softbank, Dragoneer Investment Group und General Atlantic dürfe für 1,00 bis 1,25 Milliarden Dollar neue Uber-Aktien auf Basis eines Firmenwertes von 69 Milliarden kaufen. Außerdem dürfe sie 14 bis 17 Prozent der Anteile aktueller Aktionäre zu einem ermäßigten Preis übernehmen. Softbank hatte Anfang August Interesse an einer Beteiligung an Uber angemeldet.Neben weiteren Beteiligungen bei Mobilitätsdiensten wie OLA und Grab strebt Softbank auch mit mehreren Investitionen in den Bereich autonomes Fahren. Die OEMs müssen Unternehmen wie Softbank als ernstzunehmende Konkurrenten betrachten, so die Münchner Berater. Sie raten den OEMs, zunächst „zweigleisig zu fahren“. Neben den Investitionen in Start-ups sei es nötig, weiter auf Inkubatoren zu setzen.

 

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