Automobilindustrie: Wie die Branche auf die Digitalisierung reagiert

12. Dezember 2018 Drucken
Automobilindustrie: Wie die Branche auf die Digitalisierung reagiert
© Continental AG

Die Konsolidierung der Automobilindustrie geht weiter: Rund 100 der insgesamt 257 Unternehmen, die 2017 ihren Eigentümer wechselten, wurden von Unternehmen aus der klassischen Automobilindustrie übernommen.

Die Automobilindustrie rüstet sich mit Zukäufen für die digitale Zukunft. Vor allem asiatische Unternehmen steigen derzeit bei deutschen und österreichischen Zulieferern ein.  Umgekehrt gibt es kaum Aktivitäten.

Das sind Ergebnisse der Berylls M&A-Studie 2017, die Übernahmemuster von insgesamt 257 Automobilunternehmen in der DACH-Regien ausgewertet hat.

Einbahnstraße

Der Umsatzwert aller verkauften Firmen lag bei hohen 41,4 Milliarden Euro. Europa und hier insbesondere Deutschland sind dabei das beliebteste Shoppingziel für Automotive-Unternehmenskäufer. Knapp 42 Prozent der Verkäufe gingen in den außereuropäischen Raum, ein Großteil nach China und Fernost. Umgekehrt kaufen deutsche oder europäische Unternehmen jedoch kaum im asiatischen Raum zu.

Zwei Brennpunkte

Die Studie offenbart zwei parallele Entwicklungen, die die Branche nachhaltig verändern werden:

  • „Think digital“ ist in der Branche angekommen. Ein Drittel der M&A-Targets 2017 waren „Digitale Player“ und Start-ups.
  • Die Konsolidierung der Automobilindustrie geht weiter: Rund 100 der insgesamt 257 Unternehmen, die 2017 ihren Eigentümer wechselten, wurden von Unternehmen aus der klassischen Automobilindustrie übernommen, davon 84 von ausländischen Käufern, mehrheitlich aus Europa.

Kaufen statt entwickeln

Die Weiterentwicklung ihrer bereits vorhandenen klassischen Technologien (Connectivity, autonomous Driving, shared Services, E-Mobility) treibt die OEMs (Original Equipment Manufacturer) wie BMW, Daimler und Volkswagen und Tier 1-Zulieferer (Bosch, Continental, Mahle) gleichermaßen. Statt digitales Know-how langwierig im eigenen Haus aufzubauen, wird zugekauft. Auch unter Einsatz hoher finanzieller Mittel, wie die umfassende Studie von Berylls Strategy Advisors, die Merger & Acquisitions (M&A oder Firmenübernahmen) der Automobilwelt innerhalb Europas und speziell der DACH-Region (Deutschland, Österreich und Schweiz) zeigt.

Viele kleine Übernahmen

Ein Blick auf die Zahl der Digital Player, die in 2017 übernommen wurden, weist ihnen mit 91 Übernahmen oder 35 Prozent, scheinbar einen enormen Transaktions-Anteil der insgesamt veräußerten 257 Unternehmen zu. Die zugehörigen Mitarbeiterzahlen (8,9 Prozent respektive 13.714 Personen) oder etwa der Umsatz der Unternehmen (1,5 Milliarden beziehungsweise 3,8 Prozent vom Gesamtvolumen 2017), rücken die Übernahmen jedoch in ein anderes Licht.

Klassische Zulieferer-Käufe aber in der Mehrheit

Denn nach wie vor ist der weitaus wichtigere Sektor der Handel mit Zulieferer-Unternehmen die klassische Komponenten herstellen (M&A in 2017: 102 Unternehmen, 15,7 Milliarden Umsatz, 89.000 Mitarbeiter). Einen Sonderfall stellt die Übernahme von Opel (34.500 Mitarbeiter, 17,7 Milliarden Euro Umsatz) durch den französischen PSA-Konzern dar, denn der Kauf eines kompletten Automobilherstellers fällt aus dem üblichen M&A-Rahmen und hat erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse der Betrachtungen.

150.000 MitarbeiterInnen mit neuen Eigentümern

Insgesamt analysiert die Studie die Verkäufe von Unternehmen, aus den Sektoren:

  • Engineering & Software,
  • Produktionstechnologie,
  • Automobilzulieferer,
  • Fahrzeugproduktion,
  • Vertrieb,
  • After Sales und
  • Mobility Operations.

In diesem Firmen arbeiteten 2017 153.450 Mitarbeiter. Offensichtlich hält der Trend zur Konsolidierung innerhalb der Branche weiter an. Interessant ist die starke Tendenz zum Verkauf deutscher und europäischer Unternehmen nach China/Fernost und in den NAFTA-Wirtschaftsraum.

DACH-Unternehmen in Asien wenig kauffreudig

Insgesamt wurden 84 Unternehmen aus dem deutschsprachigen Gebiet mit einem Gesamtumsatz von 34,1 Milliarden Euro ins Ausland verkauft. Dort haben im DACH-Raum beheimatete Unternehmen dagegen lediglich Firmen mit einem kumulierten Umsatz von lediglich zwei Milliarden Euro erworben. Die zugekauften Firmen beschäftigen obendrein nur wenige Angestellte (insgesamt 2.475), während der „Abfluss“ an qualifiziertem Personal an die neuen ausländischen Besitzer mit 62.881 Mitarbeitern ungleich größer ist. Unter den Top 10 der Verkäufe, ging nur ein Unternehmen an einen deutschen Käufer (Solvay S.A.), aber vier nach China (Grammer AG, Bosch Starter Motors Generator Holding, ZF Geschäftsfeld Fahrzeugbediensysteme, Feuer Powertrain).

© Berylls

Bedeutungsverlust des Zulieferer-Mittelstandes

Wie die genannten Beispiele zeigen, stehen Zulieferer ganz oben auf der Einkaufsliste ausländischer Investoren. Die US-Amerikaner haben mit 18 Übernahmen die größte Anzahl von Firmen aufgekauft, an zweiter Stelle stehen chinesische Investoren mit 12 Zukäufen. Diese Unternehmen vereinen einen Gesamtumsatz von 5,8 Milliarden Euro. Und ihr Verkauf beschleunigt den Bedeutungsverlust des deutschen Zulieferer-Mittelstandes, dem zusätzlich die Marktkonsolidierung zu schaffen macht. Denn wie die Berylls M&A-Studie zeigt, treten vor allem die großen Unternehmen der weltweiten Top 100 Supplier als Käufer auf und stärken damit weiter ihre Bedeutung im Markt. So werden die Großen immer mächtiger.

„Made in Germany“ übertrumpft Know how-Gewinn

Der viel beschworene Know how-Abfluss Richtung China findet dagegen nicht im befürchteten Maß statt. Tatsächlich kaufen chinesische Investoren überwiegend klassische Technik ein, wie das Beispiel der Bosch Starter Motors Generator Holding zeigt. Die Chinesen setzen auf solide Technologie mit dem Prädikat Made in Germany. Ihr Interesse gilt etablierten und renommierten Marken, die über ein erfahrenes Management verfügen und sich in stabilen Geschäftsbeziehungen befinden.
Neben den strategischen Investoren aus der Automobilbranche haben sich Finanzinvestoren als Käufer automobiler Unternehmen als feste Größe etabliert. Sie investieren ebenfalls in traditionelle Werte und sehen bevorzugt deutsche Automobilausrüster und -zulieferer als Ziele. In 2017 haben sie mit 67 Unternehmen 26 Prozent der Transaktionen getätigt. Üblicherweise halten sie ihre Zukäufe etwa fünf Jahre, bevor sie sie weiterverkaufen. Zu den Käufern gehören vielfach chinesische Konglomerate.

2018 bleibt ein Verkäuferjahr

Laut Berylls-Studie ist die Nachfrage nach Übernahmekandidaten in der Autoindustrie höher als die Verfügbarkeit. Damit bleibe es 2018 bei einem Verkäufermarkt. Steigende Preise würden dazu gehören, denn der Automobilsektor gewinne durch die zunehmende Digitalisierung stark an Attraktivität.

Starke Finanzinvestoren

Das gilt insbesondere auch für finanzstarke Player außerhalb der Branche. Dazu gehören die Venture-Capital-Fonds, die eine relativ neue Käufergruppe am Automotive-M&A-Markt sind. Zusätzlich nimmt der Wachstumsdruck, der auf den Zulieferern lastet, zu und die Finanzierungskosten sind niedrig. Die Berylls-Experten beobachten, dass weiteres Risikokapital für Start-ups im Mobilitäts-Umfeld nach Deutschland fließt. Risikokapital mit dem Wetten auf die Zukunft und die Suche nach den „Automotive Unicorns“ finanziert werden, etabliert sich zunehmend als fester Bestandteil der automobilen M&A-Aktivitäten.

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