„Overtourism“: Wien darf nicht Venedig werden

13. Dezember 2018 Drucken
„Overtourism“: Wien darf nicht Venedig werden
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Immer mehr Städte beginnen unter den Auswirkungen des Massentourismus zu leiden. Nach einer Studie von Roland Berger kämpft Salzburg bereits mit den Auswirkungen des „Overtourism“. Wien macht dies verträglicher.

Städtereisen boomen: Seit 2008 stieg die Zahl der Übernachtungen um 57%. Um „Overtourism“ zu vermeiden, brauchen Städte eine nachhaltige Tourismusstrategie, die die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt. Nur so können sie ihr Image erhalten und langfristig von touristischer Wertschöpfung profitieren. Laut Studie wächst der Städtetourismus doppelt so schnell wie der nationale Tourismus (26 Prozent seit 2008). Auch ungeregelte Sharing Economy erweisen sich als Turbo für das Phänomen des Overtourism.

Kleinere Städte stärker belastet

Das Problem ist für Wien kein Thema. Die Bundeshauptstadt liegt – gemeinsam mit London, Rom, München oder Berlin – im Bereich der „Shining Stars“, wie es in der Studie bezeichnet wird, mit einem „optimalen Verhältnis“ zwischen Touristen und Einheimischen. Salzburg, das ebenfalls in der Studie inkludiert wurde, hat dagegen mit dem Problem des „Overtourism“ zu kämpfen. Eine besonders hohe Dichte an Touristen bei gleichzeitig verhältnismäßig geringer Wertschöpfung haben außerdem Prag, Bordeaux und Brügge.

Verstopft und überlaufen

Für die besuchten Städte ist das einerseits eine gute Einnahmequelle, doch wenn die Zahl der Touristen zu hoch wird, leiden sie darunter. Die gravierendsten Folgen des so genannten „Overtourism“: Lärm, verstopfte Straßen, überfüllte Restaurants, genervte Einwohner, Verlust lokaler Identität und Kultur. Ein bekanntes Beispiel für eine untragbar hohe Zahl an Besuchern ist Venedig.

Methode

Die Hintergründe für das Phänomen des „Overtourism“ und mögliche Strategien für einen erfolgreichen Städtetourismus haben die Experten von Roland Berger und die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) in ihrer Studie „European city tourism study 2018: Protecting your city from overtourism“ analysiert. Dafür haben sie Daten von 52 europäischen Städten erhoben und ausgewertet. Zentrales Ergebnis: Viele Städte haben sich in der Vergangenheit nur darauf konzentriert, immer mehr Touristen anzuziehen. Dabei haben sie vergessen, eine eigene Tourismusstrategie aufzusetzen, um die Interessen von Gästen und Einheimischen, Stadtentwicklung und Tourismusplanung gleichermaßen zu berücksichtigen.

Hamburg macht es gut

Anhand der Kriterien Wertschöpfung und Tourismusintensität (Verhältnis von Zahl der Touristen zu Einwohnerzahl) haben die Studienautoren Cluster gebildet, um den aktuellen Stand der einzelnen Städte abzubilden. Dabei zeigen die vier untersuchten deutschen Großstädte ein sehr unterschiedliches Bild: Berlin und München gehören mit einem gesunden Tourismus und einem erfolgreichen Zusammenspiel von Stadtplanung und touristischer Entwicklung zu den sogenannten „Shining Stars“. Hamburg schafft es hingegen in die Kategorie „Sustainable Quality“. Die Stadt bietet zwar ein hochwertiges Angebot an Kultur, Hotels, Restaurants und gut ausgebauter Infrastruktur, die Zahl der Touristen hält sich aber in Grenzen – und könnte mit geeigneten Maßnahmen weiter gesteigert werden, um das wirtschaftliche Potenzial besser zu nutzen.

Businesskunden bringen weniger Wertschöpfung

In Frankfurt am Main steigt die Zahl der Übernachtungen seit Jahren überproportional im Vergleich zur Einwohnerzahl, während gleichzeitig die Wertschöpfung eher auf einem geringen Niveau verharrt. Dies ist sicherlich auch durch den starken Fokus auf das Business Segment zu erklären. Wenn der Trend zu günstigen Übernachtungen geht und auch sonst wenig Geld für Restaurants, Museen und öffentliche Einrichtungen ausgegeben wird, ist der Massentourismus nicht weit, warnt Roland Berger: „Das schlägt sich dann schnell negativ auf das Image einer Stadt nieder und verprellt Gäste, die qualitativ hochwertigen oder sogar Luxusurlaub machen wollen.“

Tourismus braucht eine passende Strategie

Um einen unkontrollierten Tourismusfluss zu vermeiden, sollten Städte frühzeitig eine ganzheitliche Tourismusstrategie mit einer langfristigen Stadtentwicklungsplanung entwickeln. Im Fokus sollten etwa die Verbesserung der Infrastruktur und Lebensqualität stehen, aber auch Umweltbelange und Smart City-Angebote. Um die Innenstädte zu entlasten, sollten weniger frequentierte Stadtviertel wiederbelebt und mit neuen, attraktiven Angeboten aufgewertet werden.

Politische Rahmenbedingungen

Dazu kommen regulierende Eingriffe, etwa bei der Zahl der Hotelbetten – aber auch der privaten Unterkunftsangebote. Sharing Economy bedingt eine unregulierte Vermietung von Privatwohnungen, was einen enormen Effekt auf die Übernachtungskosten und damit auf die Zahl der Touristen in einer Stadt habe. Alle anderen Bemühungen im Kampf gegen den „Overtourism“ blieben wirkungslos, wenn die Politik hier keinen klaren Rahmen vorgebe.

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