USA versus China: Wettlauf um die Nummer 1 am Globus

19. Dezember 2018 Drucken
USA versus China: Wettlauf um die Nummer 1 am Globus
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Thomas Oposich, Senior Fondsmanager in der Erste Asset Management, besuchte China zuletzt Anfang November  anlässlich einer Investorenkonferenz.  Dort traf er auf völlig unterschiedliche Grundhaltungen bei den internationalen Kapitalmarktvertretern und der chinesischen Unternehmen. Lesen Sie seine Analyse über das Kopf an Kopf-Rennen USA versus China. 

Thomas Oposich begegnete in China zwei unterschiedlichen Stimmungslagen: auf der einen Seite durch die Tarifstreitigkeiten zwischen den USA und China verunsicherte Investoren, auf der anderen Seite selbstbewusste chinesische Unternehmer, die darauf vertrauen, dass die Staatsführung die Geschicke des Landes lenkt. In mehreren Grafiken vergleicht er die beiden Supermächte.

G20-Treffen im Schatten des Tarifstreits zwischen USA und China

Der Tarifstreit hielt die Investorenwelt bis zum G20-Treffen Anfang Dezember in Atem. Die Präsidenten Xi Jinping und Donald Trump haben sich bei einem bilateralen Treffen am 1. Dezember in Buenos Aires darauf geeinigt, die nächste Zollrunde im Handelskrieg USA versus China zu verschieben. Gemäß der Erklärung des Weißen Hauses hat sich China verpflichtet, seine Importe aus den USA mit Schwerpunkt auf Agrar-, Energie- und Industrieerzeugnissen zu erhöhen. Die USA und China werden unverzüglich mit den Verhandlungen über „strukturelle Veränderungen“ in den Bereichen Schutz des geistigen Eigentums, nichttarifäre Handelshemmnisse und Dienstleistungshandel beginnen. Wenn innerhalb von 90 Tagen keine Einigung zu diesen Fragen erzielt wird, haben die USA gedroht, die zuvor für den 1. Januar geplanten Maßnahmen umzusetzen und den Zollsatz für chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar von 10% auf 25% anzuheben. In diesem Fall würde dann China höchstwahrscheinlich Vergeltungsmaßnahmen ergreifen.

Beginn eines geopolitischen Konflikts?

Würde es nach der Bevölkerungsgröße gehen, hat China gegenüber den USA den Führungsanspruch schon für sich gewonnen. 1.390 Mrd. ChinesInnen (IWF Schätzung für 2023: 1.420,9 Mrd.) stehen 2017 325 Mio. (IWF Schätzung für 2023: 338,6 Mio.) US-AmerikanerInnen gegenüber.
Auch in Punkto Wirtschaftsleistung (siehe Abbildung 1) wird es eng für die USA. 1990 betrug Chinas Wirtschaft laut IWF 1.100 Mrd. US-Dollar PPP (in Kaufkraftparitäten gerechnet). Das waren damals nur 19 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung. Dann kam die rasante Entwicklung.

  • 2000: 3.700 Mrd. IWF US-Dollar PPP; IWF (36 Prozent der USA)
  • 2017: 23.000 Mrd. IWF US-Dollar PPP; IWF (119 Prozent der USA)

IWF Schätzungen zu Folge werden für 2023 37.000 Milliarden US-Dollar PPP erwartet. Das sind 151 Prozent der USA.

Abb 1. Quelle: IWF

Es lassen sich weitere gute Gründe anführen, warum die USA noch in diesem Jahrhundert von China als Supermacht abgelöst werden kann.

Verteidigungshaushalt

2017 waren die globalen Militärausgaben so hoch wie nie. Nach Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri sind die Militärausgaben im vergangenen Jahr auf 1,7 Billionen Dollar gestiegen. Das sind umgerechnet mehr als 1.400 Milliarden Euro und 1,1 Prozent mehr als noch ein Jahr davor. Die Erhöhung erfolgt vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen China und seinen Nachbarn sowie den USA. Die USA belegt mit 610 Mrd. US-Dollar den ersten Platz gefolgt von China mit 228 Mrd. US-Dollar, die den zweit größten Militärhaushalt stellen. Danach folgen die Schwellenländer Saudi-Arabien (69 Mrd. US-Dollar), Russland (66 Mrd. US-Dollar) und Indien (64 Mrd. US-Dollar). Auch wenn China noch deutlich hinter den USA liegt, ist doch die dynamische Entwicklung eindeutig auf Seiten Chinas.

Die Verteidigungsausgaben sind ein wichtiger Schlüsselfaktor für Innovationen in den Bereichen Kommunikation, Transport und Energie und eine Vielzahl anderer.

Abb 2. Quelle: SIPRI, Weltbank, eigene Berechnungen

Ausgaben für Forschung und Patentanmeldungen

Im Jahr 2000 lagen die Forschungs- und Entwicklungsausgaben (R&D) Chinas bei 0,9 Prozent des BIP (gegenüber 2,6 Prozent in den USA); zuletzt betrugen sie bei 2,1 Prozent (2,7 Prozent in den USA). Die durchschnittliche Wachstumsrate der letzten 15 Jahre belief sich in China auf 5,6 Prozent, im Vergleich dazu in den USA auf nur ca. 0,3 Prozent.
Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass China bei der Patentregistrierung im internationalen Patensystem (PCT) die Nase vorne hat. Mit Huawei Technologies, ZTE Corporation und BOE Technology schafften es drei chinesische Unternehmen unter die Top 10. Während Intel Corporation und Qualcomm Corporation auf Seiten der USA und Mitsubishi Electric Corporation und Sony Corporation aus Japan die aktivsten Unternehmen waren.

Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen

China gewinnt an Boden im Bereich Wissenschaft und Technik. Die Anzahl der Publikationen von Forschungsartikeln in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern (Science & Engineering = S&E) ist ein wichtiger Indikator für die zukünftige Innovationsstärke eines Landes. Im Jahr 2003 machte China gerade einmal mit 87.000 Veröffentlichungen nur 7,4 Prozent des globalen Gesamtvolumens aus, die USA mit 322.000 (27,2 Prozent), und Europa mit 389.000 (32,9 Prozent).
Das Bild hat sich verändert. China hat mit 426.000 Veröffentlichungen die USA mit 409.000 mittlerweile überholt. China hat somit mit 18,6 Prozent seinen Anteil mehr als verdoppelt, hingegen reduzierte sich der Anteil der USA deutlich auf 17,8 Prozent. Europa steht mit 614.000 (29,9 Prozent) weiterhin an der Spitze.
Betrachtet man die Detailzahlen aller Forschungsarbeiten, auf die sich China und der Rest konzentrieren, so handelt es sich bei China hauptsächlich um reine Ingenieurwissenschaften (28,9%), Biowissenschaften (14%) und medizinische Wissenschaften. (13.3%).

Abb 5. Quelle: National Science Foundation

Anzahl der STEM (Science, Technology, Engineering and Mathematics) Studenten

China wird nicht umsonst als eine der ältesten Zivilisationen und Hochkulturen der Menschheit bezeichnet. Denn Bildung boomt in China und das schon seit geraumer Zeit. Zwischen 2000 und 2014 ist die jährliche Zahl der chinesischen Bachelor-Absolventen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern von 359.000 auf 1,66 Millionen gestiegen. Im Gegensatz dazu ist die Anzahl der U.S. Absolventen von 483.000 auf 742.000 pro Jahr gestiegen.

Abb 6. Quelle: National Science Foundation

Günstiger Trend

Eine Reihe von strukturellen Faktoren spricht dafür, dass die Entwicklung vom uni- zum multipolaren System weitergeht. China gewinnt an Einfluss, die Dominanz der USA nimmt ab. Diese Entwicklung wird aber auch als Argument dafür verwendet, dass der Konflikt zwischen den USA und China nicht nur ein Handelsstreit ist. Die Aussetzung der geplanten Anhebung der Zölle auf chinesische Importe für 90 Tage sorgt wohl tatsächlich nur für eine kurze Entspannung in der säkularen Auseinandersetzung zweier rivalisierender Mächte respektive Systeme.

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