Landwirtschaft: Wie der Brexit die Lebensmittelexporteure trifft

21. Januar 2019 Drucken
Landwirtschaft: Wie der Brexit die Lebensmittelexporteure trifft
© BMLFUW/Martina-Siebenhandl

Ein ungeregelter „hard Brexit“ macht die österreichischen Lebensmittelexporteure besorgt. Die Verwerfungen würden größer sein als dies bei den Russlandsanktionen der Fall war. Österreichs Agrar-Exporte befinden sich auf einem Allzeithoch. 

Der (hard) Brexit ist auf der weltgrößten Agrarmesse, der Grünen Woche in Berlin, derzeit ein beherrschendes Thema. Zwar betonen alle Agrar- und Nahrungsmittelhandels-Experten, dass es derzeit noch nicht abschätzbar sei, was tatsächlich rund um Großbritanniens EU-Austritt herauskommt. Das sorgt aber zum Teil für noch größeres Kopfweh.

Irische Produktion drängt auf den „Continent“

„Ein hard Brexit könnte ein großes Problem bedeuten“, sagte der Präsident des ÖVP-Bauernbundes, Georg Strasser, im APA-Gespräch am Rande der Grünen Woche. Strasser ging auf zwei Beispiele näher ein, die Milchwirtschaft und das Rindfleisch. Etwaige Zölle, die Großbritannien bei einem ungeregelten Austritt einführen könnte, seien nicht das größte Problem. „Vielmehr rechnen Experten damit, dass der Schaden durch eine Verwerfung der Milch- bzw. Rindfleischmengen höher sein könnte als beim Russland-Embargo.“ Fällt Großbritannien als Abnehmer aus, so drängen die Mengen verstärkt in den EU-Markt. „Irland hat beim Rindfleisch 900 Prozent Eigenversorgung“, erklärte der Bauernbundchef exemplarisch. Ein ähnliches Beispiel sind Milchmengen aus Irland. „Das trifft die europäische und österreichische Molkereiwirtschaft direkt“, sagte Strasser. „Die Folgen sind nicht abschätzbar, kommt es zu solchen Verwerfungen. Abfedernde Maßnahmen werden notwendig werden.“ Andere Agrarier nannten auch die Schweinefleischmengen aus Dänemark als ähnliches Problem.

Exporte nach GB um 220 Mio. Euro

Im vorigen Jahr sind die Agrar- und Nahrungsmittelexporte nach Großbritannien um deutliche 19,7 Prozent auf 220 Mio. Euro gestiegen. Als Grund nannte AMA-Geschäftsführer Michael Blass vor Journalisten Vorziehkäufe wegen des Brexits. Er erwartet vor allem bei einem hard Brexit, dass sich die europäischen Exporteure auf den verbleibenden Märkten noch härter begegnen werden als bisher. „Die Situation schreit nach geordneten Verhältnissen“, sagte Blass und hofft auf „eine gute Lösung“.

Höhere Spezialisierung notwendig

Etwaige Auswirkungen dürften größer werden als durch die Russlandsanktionen, meinte auch der AMA-Chef. Österreichische Erzeuger könnten nur mit einer noch größeren Spezialisierung, Herausarbeitung der Stärken wie der Qualität und der Frische der Produkte antworten, so Blass, auch wenn der Druck höher werde, wenn andere auch nicht in UK absetzen könnten. Etwaige Auswirkungen zu quantifizieren sei unmöglich.

Agrar- und Nahrungsmittel-Exporte auf Allzeithoch

Dabei gilt es hohe Standards zu verteidigen. Denn die österreichischen Agrar- und Nahrungsmittelexporte haben 2018 ein Allzeithoch erreicht. Die Ausfuhren stiegen im Vergleich zum Jahr davor um 3,9 Prozent auf 11,55 Mrd. Euro. Die agrarische Außenhandelsbilanz ist damit zwar weiter negativ, das Minus verringerte sich aber auf 706 Mio. Euro. 2017 hatte sich der Saldo noch auf knapp 900 Mio. Euro belaufen, 2016 war er noch eine gute Milliarde Euro hoch gewesen.

Warenwert wächst

Der Anteil des Warenwerts von Agrarexporten an den gesamten Ausfuhren stieg seit dem EU-Beitritt Österreichs von 4,3 auf 7,8 Prozent im Vorjahr. Die absolut größte Export-Warengruppe machen bereits traditionell alkoholfreie Getränke aus, zu denen Energydrinks gehören. Der Gesamtwert belief sich auf 2,1 Mrd. Euro; Markenanteile werden nicht errechnet. Dahinter folgten laut den vorläufigen AMA-Zahlen 80.000 Tonnen Käse (622,5 Mio. Euro), Tierfutter (614,2 Mio. Euro), Backwaren (576,1 Mio. Euro), andere Lebensmittelzubereitungen (529,8 Mio. Euro), Rindfleisch (445,3 Mio. Euro) und Schokoladewaren (371,1 Mio. Euro). Die ausgeführte Warengesamtmenge aus allen Produktkategorien ist 2018 gegenüber 2017 minimal gesunken.

Deutschland absolute Nummer 1

Deutschland ist mit 30 Prozent der größte Abnehmer von österreichischen Agrar- und Nahrungsmittelprodukten. Die Deutschen importierten voriges Jahr Waren im Gesamtwert von 4,11 Mrd. Euro (plus 4,9 Prozent). Dahinter folgt Italien, wo es aber neuerlich ein Minus zu verzeichnen gab. Die Ausfuhren ins südliche Nachbarland sanken um 5,9 Prozent auf 1,21 Mrd. Euro, was Blass auf die wirtschaftliche Lage in Italien zurückführt. Dritter sind die USA (925 Mio. Euro, plus 3,8 Prozent). Hinter Ungarn (443,6 Mio. Euro, plus 6,8 Prozent) auf Platz 4 folgt die Schweiz auf Rang 5 (423,32 Mio. Euro, minus 0,8 Prozent). Hoffnungsmärkte sind laut Blass Drittstaaten wie die Schweiz, die stärker bearbeitet werden müsse, aber auch Länder des Westbalkans. (APA/red)