Warum der Hype um digitale Uni-Kurse im Sand verlaufen ist

05. März 2019 Drucken
Warum der Hype um digitale Uni-Kurse im Sand verlaufen ist
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Akademische Bildung höchster Qualität für (fast) kein Geld, ohne Vorbedingungen für jeden abrufbar – die Erwartungen an Massive Open Online Courses (MOOCs) waren enorm.  Mehr als sechs Jahre später zeigen Studien: Die Demokratisierung der universitären Ausbildung hat nicht stattgefunden

Die meisten Nutzer digitaler Uni-Kurse der größten Anbieter kommen aus reichen Ländern, nur wenige schließen die Kurse auch ab, für immer mehr MOOCs muss bezahlt werden.

Enttäuschung – trotz 100 Millionen Anmeldungen

Eine aktuelle Studie erklärt den 2012 ausgerufenen MOOC-Hype für beendet, auch wenn die Zahlen zunächst anderes vermuten lassen. Mehr als 100 Millionen Anmeldungen gab es 2018 laut dem ICEF Monitor bei den größten Anbietern, die in der MOOC-Suchmaschine Class Central gelistet sind.

Keine Reichweite in ärmeren Regionen

Die erhoffte Demokratisierung der akademischen Bildung ist damit allerdings nicht einhergegangen: Vier von fünf Nutzern kommen laut einer im Jänner veröffentlichten Studie in „Science“ aus Industriestaaten. Die Hoffnung, dass junge Erwachsene in Gegenden mit wenig klassischer Hochschulbildung durch Online-Zertifikate profitieren könnten, hat sich laut Justin Reich und Jose A. Ruiperez-Valiente vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) nicht erfüllt.

Wenige Abschlüsse

Die Studie der MIT-Forscher zeigt außerdem massive Probleme, MOOC-Nutzer bei der Stange zu halten: Mehr als die Hälfte der Angemeldeten klicken sich demnach gar nicht bis zu den Kursunterlagen durch. Die Kurs-Abschlusszahlen liegen seit Jahren im einstelligen Bereich. Unter jenen, die kostenpflichtige „verifizierte“ Kurse belegt haben, hat immerhin rund die Hälfte den Kurs erfolgreich beendet. In den untersuchten Jahren haben außerdem maximal zwölf Prozent der MOOC-Nutzer auch im Folgejahr einen der Online-Kurse gebucht. Ähnliche Ergebnisse zeigt eine auf der Plattform „Inside Higher Ed“ veröffentlichte Untersuchung von Mitte Jänner.

Rosinenpicken

Die Anbieter trösten sich damit, dass die Abschlussquoten nicht unbedingt der beste Erfolgsmaßstab sind: Viele Teilnehmer würden sich einschreiben, um ihre Wissbegier zu stillen und hätten nie vorgehabt, auch einen formalen Abschluss zu erlangen, heißt es etwa aus einer der Einrichtungen in der Online-Ausgabe der „Financial Times“ am Montag. „Wir sehen Abschlussraten nicht als Ziel. Die Leute schauen herum, um Teile von Kursen zu finden, die ihnen vielleicht helfen – sie machen halt nicht unbedingt jedes Modul.“

Zeugnis gegen Geld

Offene Kurse sind immer seltener. Zwar ist die Teilnahme vielfach noch kostenlos, ein Zertifikat gibt es aber nur gegen Bares. Anstelle der versprochenen Neuordnung der Hochschulbildung gehe es zunehmend um ein viel älteres Geschäftsmodell, nämlich das Auslagern der Online-Weiterbildungsmasterprogramme. Das schließen Reich und Ruiperez-Valiente aus ihrer Analyse von MOOCs der Harvard University und des MIT auf deren gemeinsam gegründeten Plattform EdX in den Jahren 2012 bis 2018.

Programme statt einzelner Kurse

Laut „University World News“ bietet EdX seit Oktober komplette Online-Weiterbildungsmaster an. Andere große Anbieter wie Coursera und Udacity hätten bei ihren Online-Weiterbildungsmasters schon davor Paywalls hochgezogen. Mit den Zertifikatskursen reagiere man laut Coursera-Mitgründerin Daphne Koller nur auf das Bedürfnis der meisten MOOC-Nutzer, ihre beruflichen Fähigkeiten zu verbessern. Auch EdX-Chef Anant Agarwal betont im „Harvard Magazin“, dass man mit den kostenpflichtigen Weiterbildungsprogrammen darauf reagiert habe, dass ältere Weiterbildungswillige eher nach Programmen als einzelnen Kursen verlangen. Für ihn ist es nach sieben Jahren außerdem auch zu früh zu sagen, ob die neue Lerntechnologie erfolgreich sein kann oder nicht.

Verkaufen als Zweck

Für Coursera-Chef Jeff Maggioncalda sind die kostenlosen Online-Kurse indes ein „Lockvogelangebot“, wird er in „Forbes“ zitiert. Der Schluss des Wirtschaftsmagazins: „Bei MOOCs geht es jetzt ums Verkaufen, nicht ums Lernen.“ (APA)