Orbanisierung: So geht es Ungarns Wirtschaft wirklich

07. März 2019 Drucken
Orbanisierung: So geht es Ungarns Wirtschaft wirklich
Regierungssitz auf dem Budapester Burgberg © ruhaltinger

Entscheidungsträger betonen, dass sich Ungarns Wirtschaft im Normalbereich bewege. István Kovács, Portfolio Manager Erste Asset Management Ungarn, analysiert, ob Europa von einer Normalisierung der Geld- und Fiskalpolitik in den kommenden Jahren ausgehen kann. 

Was ist „normale“ ungarische Geld- und Fiskalpolitik, und worauf deuten die Signale hin? Normale Fiskalpolitik bedeutet einen Maßnahmen-Mix, der auf professioneller volkswirtschaftlicher Kompetenz beruht und nachhaltiges Wachstum sowie die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Landes unterstützt. Eine normale Geldpolitik erfordert eine glaubwürdige, unabhängige Zentralbank, die Inflation bekämpft und finanzielle Stabilität zum Ziel hat.

Ein Blick hinter die Zahlen

Im Bereich der Fiskalpolitik ist zu sehen, dass sich die wichtigsten Makrozahlen verbessert haben und während der Orbán-Regierung unter Kontrolle gebracht worden sind;

  • das Verhältnis von Verschuldung zu Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt langsam;
  • das Defizit der Regierung beträgt seit fünf Jahren etwa zwei Prozent vom BIP.
  • Es wird Jahr für Jahr ein Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaftet und
  • die Beschäftigung verzeichnet Rekordstände.

Wachstum auf Grund externer Faktoren

Die Zahlen per se sehen gut aus, doch sind sie zu hinterfragen, um deren Nachhaltigkeit zu prüfen. Die Wirtschaftsstruktur hat sich kaum verändert: Die Wirtschaft wächst nach wie vor aufgrund multinationaler Industrieinvestitionen und Produktion sowie der sehr zyklischen Aktivität im Bausektor über ihrem Potenzial. Ungarn ist noch immer sehr exponiert gegenüber dem globalen Wirtschaftswachstum und damit ökonomisch verwundbar, wenngleich die größten Rating-Agenturen anerkennen, dass Ungarn große Fortschritte hinsichtlich seiner Widerstandsfähigkeit gegen Wirtschaftsschocks gemacht hat. S&P und Fitch haben Ungarn soeben auf zwei Stufen über Investment-Grade hinaufgestuft.

Nachhaltigkeit der Geldpolitik

Die Geldpolitik der Orbán-Ära sieht ähnlich aus. Es gibt zahlreiche positive Ergebnisse, wie z.B. die deutlich verminderte Brutto- und Nettoverschuldung gegenüber dem Ausland,  niedrige Inflationsraten, niedrige Renditen und ein stabiler Forint. Zwei Faktoren waren dabei entscheidend: die weltweit lockere Geldpolitik und die sich langsam verbessernde Glaubwürdigkeit der Zentralbank (obwohl letztere eher auf dem Erreichten als auf der Unabhängigkeit der Bank selbst beruht).

Nationalbank-Gouverneur bleibt

Nun ist es Zeit für den Gouverneur und das Team der Zentralbank zu beweisen, dass der bereits erreichte Fortschritt der ungarischen Geldpolitik ein nachhaltiger ist. – Gutes Timing, da Gouverneur Matolcsy gerade für eine zweite sechsjährige Amtsperiode gewählt wurde. Noch Ende letzten Jahres machte das Gerücht die Runde, dass Gouverneur Matolcsy es vorzöge, das Amt eines Ministers mit Verantwortlichkeit für die volkswirtschaftliche Strategie des Landes zu bekleiden, doch es sieht danach aus, als ob Herr Orbán dem bekannten Prinzip aus der Sportwelt folgte: Never change a winning team!

Schlussfolgerung

István Kovács geht davon aus, dass die geldpolitische Normalisierung heuer beginnen sollte, wenn die ungarische Zentralbank die hart erkämpfte Glaubwürdigkeit behalten möchte. Der Ton der Zentralbank hat sich schon dahingehend geändert, dass sie nun betont, dass sich angesichts des von der Wirtschaft erreichten Potenzialwachstums die Geldpolitik nun einzig auf die Inflationszielerreichung fokussieren sollte; dabei wird die steueradjustierte Kerninflationsrate als Haupt-Benchmark für die Ausrichtung der Geldpolitik eingesetzt. Die Zukunft wird zeigen, ob das neue Sechsjahres-Mandat erfolgreich sein wird oder nicht.

Mehr zum Thema