Kapital und Wachstum: So finanziert sich Österreichs Mittelstand

05. Juni 2019 Drucken
Kapital und Wachstum: So finanziert sich Österreichs Mittelstand
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Österreichs Mittelstand setzt bei Finanzierungsfragen zu zwei Drittel auf Bankdarlehen. Nur jeder siebte Mittelständler (14  Prozent) sieht steigende Bedeutung von alternativen Finanzierungsinstrumenten, heißt es in einer Umfrage von EY Österreich. 

Gute zehn Jahre nach der globalen Finanzkrise sieht der Großteil der  österreichischen mittelständischen Unternehmen die Kreditvergabe der österreichischen Banken immer noch unverändert als restriktiv an: Knapp jeder dritte heimische Mittelständler (29 Prozent) gibt an, dass die Kreditvergabe der Banken in den vergangenen drei Jahren sogar noch restriktiver geworden ist – 2018 zeigte mit 30 Prozent dasselbe Niveau. Nur ein knappes Fünftel der Mittelständler (19 Prozent) ist positiv gestimmt und ortet einen erleichterten Zugang zu Krediten. Trotzdem steigt die Bedeutung von Bankdarlehen als zweitbeliebteste Finanzierungsform deutlich: Während 2018 die Hälfte der Mittelständler auf Kredite setzte, sind es 2019 schon knapp zwei Drittel (65 Prozent). Das sind die Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, für die 900 mittelständische Unternehmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeitern in Österreich befragt wurden.

Situation entspannt sich

Bei den Kreditkonditionen sei aber ein deutlicher Entspannungseffekt spürbar, so die Studie. Die Nachwehen der Kreditkrise laufen aus, die Wirtschaft hat sich erholt und die Banken haben wieder Polster aufgebaut – das resultiert in einer leichteren Kreditvergabe. Bei Unternehmen mit Top-Bonitäten sind die Konditionen so günstig wie zuletzt vor zehn Jahren. Die Kreditmargen haben sich bei guten Bonitäten wieder auf Vorkrisenniveau eingependelt.

Teuerungen werden erwartet

Trotzdem erwartet ein Drittel der österreichischen Mittelständler (29 Prozent), dass die Finanzierungskosten 2019 im Vergleich zum Vorjahr steigen werden. Mit sinkenden Finanzierungskosten rechnet – unabhängig von der Unternehmensgröße – nur jeder 20. Befragte (fünf Prozent). Bei Unternehmen mit Umsätzen von mehr als 30 Millionen bis 100 Millionen Euro sind es sogar nur drei Prozent, bei Großunternehmen, die mehr als 100 Millionen Euro im Jahr umsetzen, vier Prozent. Auf Branchen bezogen sind Transporteure, Immobilienunternehmen und Dienstleister vergleichsweise optimistisch, wenn auch auf einem sehr niedrigen Niveau: Immerhin knapp jedes zehnte Transport- und Verkehrsunternehmen (neun Prozent) geht von besseren Kreditkonditionen aus, bei Real Estate sind es acht Prozent, bei Dienstleistern sieben Prozent. Im Life Sciences- und Healthcare-Sektor denken dagegen nur zwei Prozent, in der Tourismusbranche drei Prozent der Unternehmen, dass die Finanzierungskosten dieses Jahr sinken werden.

Eigenkapital behält Wert

Der österreichische Mittelstand hält es bei der Finanzierung wie schon im Vorjahr gerne „klassisch“: Am häufigsten ist die Innenfinanzierung aus einbehaltenen Gewinnen und laufendem Cashflow (77 Prozent, 2018: 58 Prozent), auf Platz zwei folgen Bankdarlehen (65 Prozent, 2018: 52 Prozent). Auch Leasing, das heuer wieder auf Platz drei rangiert, zeigt eine deutliche Steigerung von 38 auf 53 Prozent. Öffentliche Förderprogramme werden 2019 mehr als doppelt so stark genützt wie im Vorjahr (43 Prozent im Vergleich zu 20 Prozent in 2018). Wie im vergangenen Jahr finanziert sich rund ein Fünftel der Unternehmen (21 Prozent) über Kapital aus Gesellschaftereinlagen (2018: 19 Prozent). Das anhaltende Niedrigzinsniveau schüttet weiterhin viel Liquidität in den Markt und trotz der anziehenden Inflation haben sich die Langfristzinsen nur leicht erhöht. Gleichzeitig steigt der Finanzierungsbedarf, weil viele Unternehmen aufgrund von optimistischeren Konjunktureinschätzungen auch mehr investieren wollen.
Für anstehende Expansionsvorhaben ist es sinnvoll, frühzeitig für die notwendigen Finanzierungen vorzusorgen und die aktuelle Finanzierungsbereitschaft der Banken zu nutzen,

Interesse an alternativen Finanzierungen steigt

Rund jeder siebte Mittelständler (14 Prozent) rechnet damit, dass die Bedeutung alternativer Finanzierungsinstrumente wie Leasing, Factoring, Schuldscheindarlehen etc. für das eigene Unternehmen 2019 steigen wird. Nur jeder 50. Befragte hält dagegen und ortet eine abnehmende Bedeutung. Gerade Großunternehmen weisen alternativen Modellen große Bedeutung zu: 19 Prozent sehen diese im Aufwärtstrend.

Unabhängig von der Größe der befragten Unternehmen ist Leasing die beliebteste alternative Finanzierungsform und wird von mehr als der Hälfte der Mittelständler (53 Prozent) gerne in Anspruch genommen. 2018 waren es dagegen nicht einmal vier von zehn Betrieben (38 Prozent), die auf Leasing setzten. Factoring verliert dagegen an Bedeutung. Im Vorjahr nutzten es neun Prozent, derzeit nur mehr drei Prozent. Der Anteil bei Anleihen, Investorenmodellen, Schuldscheindarlehen liegt bei nur zwei Prozent, Mezzaninfinanzierungen sogar nur bei einem Prozent.

Gerade bei der Nutzung alternativer Finanzierungsmodelle ist die Unternehmensgröße entscheidend: Große Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz setzen mit 13 Prozent Nutzern weitaus stärker auf Factoring als jene mit weniger als 30 Millionen Umsatz – hier sind es nur drei Prozent. Auch bei Schuldscheindarlehen sind Großunternehmen die Speerspitze. Acht Prozent nutzen diese Finanzierungsform, dagegen nur ein Prozent der weniger umsatzstarken Mittelständler. Dafür setzen kleinere Betriebe stärker auf Leasing (53 Prozent) als Großunternehmen (46 Prozent).

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