Warum sich chinesische Investoren in Europa zurückhalten

20. August 2019 Drucken
Warum sich chinesische Investoren in Europa zurückhalten
@ Audi AG

Chinesische Investoren verlieren ihr Interesse an europäischen Unternehmen. Im ersten Halbjahr 2019 sank die Zahl der Firmenübernahmen durch chinesische Investoren in Europa deutlich. In Österreich gab es gar keine derartigen Transaktionen.

Die Zurückhaltung chinesischer Unternehmen bei Firmenübernahmen in Europa hält an: Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden europaweit nur 81 Übernahmen und Unternehmensbeteiligungen gezählt – 28 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, als noch 113 europäische Unternehmen einen chinesischen Besitzer bekamen. In Deutschland wurden nur noch elf entsprechende Transaktionen verzeichnet. Großbritannien löste mit 17 Transaktionen Deutschland als beliebtestes Investitionsziel ab. Da es kaum große Beteiligungsprojekte gab, ging das Investitionsvolumen sogar um 84 Prozent von 15,3 auf 2,4 Milliarden US-Dollar zurück. Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, die M&A-Investitionen chinesischer Unternehmen in Europa untersucht.

Handelskonflikt sorgt für Unsicherheit

„Die Transaktionsaktivitäten in Europa lagen im ersten Halbjahr zwar deutlich niedriger als im Vorjahreszeitraum; sie haben sich aber immerhin auf dem niedrigen Niveau des zweiten Halbjahres 2018 stabilisiert. Damit dürfte die Talsohle erreicht sein“, heißt es in der Aussendung von EY Österreich. Der Hauptgrund für die Zurückhaltung der chinesischen Investoren ist die Lage auf dem chinesischen Heimatmarkt: Die konjunkturelle Lage in China ist schwierig, die Unsicherheit groß – nicht zuletzt aufgrund des US-chinesischen Handelskonflikts. Zudem sind einige der chinesischen Unternehmen, die in der Vergangenheit auf dem europäischen M&A-Markt sehr aktiv waren, derzeit entweder mit der Integration der erworbenen Unternehmen oder mit dem Weiterverkauf beschäftigt. Neue Zukäufe stehen bei diesen Unternehmen vorerst nicht auf der Agenda.“ Zudem war es insgesamt ruhig auf dem europäischen Transaktionsmarkt: „Es gibt derzeit relativ wenige attraktive Übernahmekandidaten, die für die Chinesen interessant waren.“ All diese Faktoren führen seit einiger Zeit dazu, dass vor allem große Transaktionen seltener werden und dass deutlich selektiver investiert werde als etwa im Boomjahr 2016.

Interesse an europäischen Firmen bleibt bestehen

Das Interesse chinesischer Unternehmen an europäischen Firmen sei allerdings grundsätzlich immer noch groß – auch wenn immer weniger Transaktionen tatsächlich abgeschlossen werden, so das China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz bei EY. Nach wie vor kaufen einige chinesische Unternehmen in Europa Kompetenzen für ihre Strategien. Als Beispiel wird die Einkaufstour des chinesischen Evergrande-Konzerns im Bereich der Elektromobilität angeführt. Auf der anderen Seite interessieren sich chinesische Unternehmen immer noch sehr für klangvolle Namen aus Europa – etwa im Konsumgüterbereich.

BAIC-Einstieg bei Daimler

Dass punktuell auch noch große Transaktionen möglich sind, habe zudem gerade erst der Einstieg des chinesischen Autokonzern BAIC bei Daimler gezeigt. „Nach wie vor sind Deals oberhalb der 1-Milliarde-Grenze machbar. Wenn sich die Konjunktur erholt und der Handelskonflikt zwischen den USA und China beigelegt wird, werde es wieder eine deutliche Zunahme bei den Transaktionsaktivitäten geben. Für die zweite Jahreshälfte seien noch einige Transaktionen im dreistelligen Millionenbereich in der Pipeline.

Keine Transaktion in Österreich

Der Rückgang in Österreich hat sich auch im ersten Halbjahr 2019 fortgesetzt: Erstmals seit dem ersten Halbjahr 2013 gab es keine Übernahme eines chinesischen Investors in Österreich. In den letzten sechs Jahren gab es in jedem Halbjahr Übernahmen durch chinesische Investoren. 2019 war aber noch kein einziger Deal zu verzeichnen. Österreich befindet sich nach wie vor nur am Rande des Radars chinesischer Investoren, ist aber trotz der bisherigen Nullrunde im Jahr 2019 nicht davon verschwunden. Die M&A-Aktivitäten der letzten Jahre zeigen, dass chinesische Investoren auch in Österreich gezielt nach einzelnen Top-Betrieben mit hoher Spezialisierung, starken Marken und führenden Technologien Ausschau halten. Das wird auch in den nächsten Jahren so sein. Der mit einem Volumen von 930 Millionen US-Dollar europaweit mit Abstand größte Deal war der Einstieg der chinesischen Evergrande Group bei NEVS, dem Saab-Nachfolgeunternehmen und heutigen Hersteller von Elektroautos. Anschließend erwarben Evergrande und NEVS für gut 170 Millionen US-Dollar einen Anteil von 20 Prozent bei der schwedischen Supersportwagenmarke Koenigsegg – der zweitgrößte Deal des Halbjahres.

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