Argentinien weint: Wie ein Land in der Krise gefangen bleibt

06. September 2019 Drucken
Argentinien weint: Wie ein Land in der Krise gefangen bleibt
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Das einst reiche Argentinien befindet sich in einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Landeswährung Peso verlor im Zuge der Präsidentschaftswahlen seit August knapp 25 Prozent. Felix Dornaus, Senior Fondsmanager der Erste Asset Management, kommentiert die volkswirtschaftliche Position des Landes.

Da der Dollar für die von immer neuen Wirtschaftskrisen heimgesuchten Argentinier eine Art Ersatzwährung ist, gewann die Inflation weiter an Fahrt. Schon bisher lag die Jahresinflationsrate bei mehr als 50 Prozent. Bei der Präsidentenwahl am 27. Oktober zeichnet sich seit August nach den Vorwahlniederlage des amtierenden Präsidenten Mauricio Macri ein Sieg des Oppositionskandidaten Alberto Fernández ab.

Überraschende Entwicklung

Kein einziger Meinungsforscher hätte auf so einen Ausgang getippt, womit auch der Markt am falschen Fuß erwischt wurde. Fernandez gilt als dem Kirchnerismus verbunden, wobei er allerdings bestrebt ist, diesen Eindruck nicht zu bestätigen. Ungeachtet dessen ist seine Vizepräsidentschaftskandidatin Christina Kirchner, die vor Mauricio Macri das Präsidentenamt innehatte und für die vollkommene Isolation des Landes von den internationalen Kapitalmärkten verantwortlich zeichnet.

Kommende Wahlen verschrecken Anleger

Die letztlich ausschlaggebenden Wahlen werden am 27. Oktober abgehalten. Die Chancen für eine zweite Amtsperiode für Macris stehen schlecht. Diese Aussicht verschreckt die Anleger, da sie die Rückkehr zu einer unorthodoxen und populistischen Einstellung zum Markt sowie eine provokative Haltung dem IWF gegenüber unter einem Fernandez-Kabinett befürchten. In Folge fielen die Anleihekurse am Sekundärmarkt auf ein Niveau, das von einer anstehenden Zahlungsunfähigkeit des Landes ausgeht.

Probleme bei Refinanzierung

Die weit verbreitete Angst im Markt macht es bereits beinahe unmöglich für Argentinien, sich am lokalen Kapitalmarkt zu refinanzieren. Dies veranlasste die Behörden dazu, eine verpflichtende Reprofilierung für in Kürze fällig werdende, lokale Schuldtitel zu verhängen.

Kein Schuldenschnitt

Darüber hinaus kündigte Macri an, eine „freundschaftliche und freiwillige Reprofilierung“ der Auslandsschulden Argentiniens anzustreben, dies allerdings ohne Schuldenschnitt („haircut“). Auch verwies er auf die „Notwendigkeit“ von Gesprächen hinsichtlich der Rückzahlungsstruktur bestehender IWF-Kredite, womit er den Fonds – welcher das Macri-Kabinett bis dato nach Kräften unterstützt hat – womöglich vor den Kopf stoßen könnte. Fernandez ist konkrete Informationen bezüglich seiner Haltung zu derlei Maßnahmen bisher schuldig geblieben. Dies ist von Relevanz, da es im Falle eines Wahlsiegs womöglich seinem Kabinett obläge, selbige in die Tat umzusetzen.

Erste Runde an Kapitalkontrollen

Über das Wochenende implementierten die argentinischen Behörden die erste Runde an Kapitalkontrollen, um dem Abfluss von Devisenreserven Einhalt zu gebieten. Die Bedienung von Auslandsschulden ist bisher noch nicht von den Kontrollen betroffen. Mittlerweile steht das Land bei den meisten Rating-Agenturen auf „Selective Default“ (d.h. teilweise, selektive Bedienung bzw. Nichtbedienug von Schulden). Solch eine Situation wird vermutlich zu einem Kreditereignis am CDS-Markt führen. Es ist schwer abzuschätzen, ob die derzeitigen Preisniveaus ein Restrukturierungsergebnis exakt reflektieren, aber ceteris paribus sind wir unserer Meinung nach nahe an Verwertungsniveau.

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