Leistbares Wohnen: Bauwirtschaft muss eigene Ineffizienz bekämpfen

13. September 2019 Drucken
Leistbares Wohnen: Bauwirtschaft muss eigene Ineffizienz bekämpfen
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Die Bauwirtschaft ist in Österreich der einzige Wirtschaftssektor, der in den letzten rund zwanzig Jahren an Produktivität verlor. Leistbares Wohnen wird ohne Effizienzsteigerung am Bau nicht realisierbar sein, heißt es in einer Studie von Kreutzer Fischer & Partner.

Die Eindämmung des Preisauftriebs bei den Wohnkosten ist im aktuellen Wahlkampf beherrschendes Thema. Eine Analyse von KFP sieht die Ursache für die explodierenden Mieten auch in der Entwicklung der Entstehungskosten. Die mangelnde Produktivität in der Baubranche wird nur in Fachkreisen diskutiert. Denn laut KFP sind die – infolge fehlender Produktivitätsgewinne –  steigenden Baupreise ein wesentlicher Grund für die Teuerung im Wohnbau. Die weiteren Faktoren sind die massive Immobiliennachfrage von Seiten institutioneller Anleger und rasant steigende Grundstückskosten.

Baubranche verliert ständig an Effizienz

Nominal wuchs die Bauwirtschaft seit 1995 um rund drei Prozent pro Jahr. Der Anstieg war aber ausschließlich preisgetrieben. Die erbrachte Bauleistung entwickelte sich – trotz des Baubooms der letzten Jahre zwischen 1995 und 2018 sogar negativ. Damit ist die Bauwirtschaft nicht nur der einzige der großen Wirtschaftsbereiche, der Wachstum ausschließlich über Preiserhöhungen realisierte, sondern auch jener, der in den letzten rund 25 Jahren keine Produktivitätsgewinne erzielen konnte. Ganz im Gegenteil, seit Mitte der 90er-Jahre verlor die Branche Jahr für Jahr an Effizienz.

Im Durchschnitt sank die Arbeitsproduktivität – bezogen auf die insgesamt geleisteten Arbeitsstunden – um 0,6 Prozent pro Jahr. Als Erklärung für die schwache Performance wird gerne die hohe Personalintensität in der Baubranche ins Feld geführt. Doch das Argument greift zu kurz, wie ein Vergleich mit dem ebenso personallastigen Tourismussektor zeigt. Denn Beherbergungsbetriebe und Gastronomie erzielten im selben Zeitraum zumindest moderate Produktivitätsgewinne von jährlich durchschnittlich 0,4 Prozent. Seit 1995 ist die Arbeitsproduktivität im Tourismus um 7,5 Prozent gestiegen, am Bau um 9,3 Prozent gesunken.

33 Prozent mehr Produktivität in 13 Jahren

Über alle Wirtschaftsbereiche hinweg erhöhte sich die Arbeitsproduktivität zwischen 1995 und 2018 um knapp 33 Prozent oder 1,7 Prozent pro Jahr. Spitzenreiter waren der Finanzsektor und die Landwirtschaft mit einem durchschnittlichen Wachstum von 4,8 Prozent bzw. 4,7 Prozent pro Jahr. Bergbau und Sachgütererzeugung schafften jährlich durchschnittlich plus 3,8 Prozent, der Informations- und Kommunikationsbereich (IKT) plus 1,2 Prozent. Auch der Handel konnte die Arbeitsproduktivität seit Mitte der 90er-Jahre anheben, im Durchschnitt – synchron mit der Gesamtwirtschaft – um 1,7 Prozent pro Jahr. KFP sieht damit das Argument widerlegt, dass sich längere Öffnungszeiten für den stationären Einzelhandel nicht rechnen.

Innovationsfeindlich

Für die zweifelsohne unzufrieden stellende Entwicklung der Arbeitsproduktivität in der Bauwirtschaft gibt es eine Reihe von Gründen. Die wichtigsten Ursachen liegen für Studienautor Andreas Kreutzer von Kreutzer Fischer & Partner in der mangelnden Industrialisierung und in einer im ausführenden Sektor insgesamt innovationsfeindlichen Grundhaltung.

Keine „Produktserien“

Wenn es ums Wohnen geht, ist vordergründige Individualität Trumpf. „Losgröße 1“ der Standard. Das bedeutet, dass Mehrparteienhäuser nicht in Serien errichtet werden. Dabei könnten laut Fischer schon Kleinserien im Umfang von rund 100 identischen Wohngebäuden die Baukosten um etwa ein Sechstel senken, wenn gleichzeitig auch der behördliche Genehmigungsprozess harmonisiert und vereinfacht wird. Österreichweit werden pro Jahr etwa 2.600 Wohngebäude mit mehr als drei Wohneinheiten errichtet. Eine Kleinserie beträfe daher nicht einmal jedes 25. neu errichtete Gebäude. Die Angst vor einem „Einheitslook“ im Wohnbau sei unbegründet.

Ineffiziente Produktprozesse

Zudem schafft es die Baubranche nicht, die Produktionsprozesse auf den Baustellen entscheidend zu optimieren. Nach übereinstimmenden Ergebnissen unterschiedlicher und unabhängig voneinander durchgeführten Studien, könnte auf Baustellen um gut ein Drittel effizienter gearbeitet werden. Allerdings erschwert auch eine vergleichsweise geringe Planungstiefe und das hierzulande beliebte „baubegleitende Planen“ ein Anheben der Produktivitätspotentiale.

Innovationsfeindliche Grundstimmung

Im Jahr 2015 (letzte verfügbare Zahlen) lag der Anteil der Ausgaben für Forschung und experimentelle Entwicklungen (F&E) bei gerade einmal 0,35 Prozent der Bruttowertschöpfung. Der Wert für alle Wirtschaftsbereiche lag bei 2,3 Prozent, also nahezu dem siebenfachen. Auch werden Innovationen aus der vorgelagerten Baustoffindustrie nur zögerlich aufgenommen. Ein anschauliches Beispiel ist etwa der Einsatz von Wohnraumlüftungen mit Wärmerückgewinnung. Obgleich es seit einigen Jahren taugliche Modelle gibt, die direkt mit den Fenstern montiert werden und wodurch man sich den üblichen Installationsaufwand zur Gänze erspart, setzt man nach wie vor auf klassische Systeme, die eine Montage von Lüftungskanälen erfordern. Elektroinstallationen werden im Wohnbau nur äußerst selten als Bus-System ausgeführt. Dabei ist nicht zuletzt die Verwendung dieser Technologie eine Voraussetzung, dass mit vorgefertigten Wandsystemen gebaut werden kann, in die nicht nur die Leerverrohrung integriert ist, sondern bereits auch Kabel eingezogen sind. Denn nur beim Einsatz eines Installations-Bus hat die Verkabelung keinen Einfluss auf die individuelle Schaltung. Die Liste mit mehr oder weniger gescheiterten Produktinnovationen könnte noch lange fortgesetzt werden. Der Studienautor kritisiert, dass – von der Diskussion über BIM abgesehen – Veränderung in der Bauwirtschaft eher Ängste auslöse. Fischer greift dabei zur Formulierung: „Nur nicht rühren“.

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