Wissenschaftsstreit: Aufforstung bleibt effizientestes Mittel gegen den Klimawandel

21. Oktober 2019 Drucken
Wissenschaftsstreit: Aufforstung bleibt effizientestes Mittel gegen den Klimawandel
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Eine Studie von ETH-Forschern vom Juli, die eine Wald-Aufforstung als effizienteste Maßnahme gegen den Klimawandel bewarb, hat eine Debatte in Wissenschaftskreisen ausgelöst. Die Studienautoren der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich haben nun reagiert, doch an ihrer Kernaussagen hält die Forschungsgruppe weiterhin fest, präzisiert aber einige Formulierungen.

900 Millionen Hektar weltweit wären für die Wiederaufforstung geeignet. Einmal ausgewachsen könnten diese neuen Bäume der Atmosphäre 205 Gigatonnen CO2 entziehen und damit einen Großteil des bisher vom Menschen ausgestoßenen CO2s – laut Studie rund 300 Gigatonnen. Dies sei das effizienteste Mittel, das die Menschheit derzeit zur Verfügung habe, um den Klimawandel zu bremsen. Dieses Szenario zeichneten Forscher um Thomas Crowther von der ETH Zürich in einer viel beachteten Studie im Fachblatt „Science“ vom vergangenen Juli.

Kritik von Forscherseite

Die Studie sorgte für Diskussionen. Besonders die Aussage, die Aufforstung auf allen dafür geeigneten und nicht für andere Zwecke benötigten Flächen weltweit sei das effizienteste Mittel gegen den Klimawandel, das die Menschheit habe. In mehreren Kommentaren im Fachblatt „Science“ antworteten verschiedene Forschungsteams weltweit nun ganz offiziell auf die Studie und erhoben Fragen. Darunter auch ein internationales Forschungsteam um Sonia Seneviratne, ebenfalls von der ETH Zürich. Seneviratne und Kollegen weisen zum einen darauf hin, dass die Menschheit bereits rund 600 Gigatonnen CO2 ausgestoßen habe. Die von der Crowther-Gruppe genannten 300 Gigatonnen beziehen sich demnach nur auf den in der Atmosphäre verbliebenen Teil. Den Rest schluckten die Weltmeere und Landökosysteme.

Rechnung stimme nicht

Dieses Gleichgewicht zwischen atmosphärischem CO2 und gebundenem CO2, das seit Beginn der Aufzeichnungen konstant ist, hätten die Forscher um Crowther berücksichtigen müssen, so der Kommentar des Teams um Seneviratne. Dies habe einen entscheidenden Effekt auf die Schätzung, wie viel CO2 die Wiederaufforstung von 900 Millionen Hektar Wald der Atmosphäre entziehen würden. Oder einfacher ausgedrückt: Die vom neuen Wald gebundenen 205 Gigatonnen von den 300 Gigatonnen in der Atmosphäre subtrahieren kann man somit nicht.

Autoren bleiben dabei

So war es von dem Team um Crowther auch nie gemeint: In ihrer offiziellen Antwort halten die Wissenschafter um Crowther fest, dass ihre Formulierung womöglich missverständlich, aber nicht falsch gewesen sei: Ein beträchtlicher Teil des menschgemachten Kohlendioxids ließe sich durch Wiederaufforstung der Atmosphäre entziehen. In der Originalstudie präzisieren sie nun jedoch, dass die erwähnten 300 Gigatonnen CO2 den in der Atmosphäre verbleibenden Anteil bezeichnet und weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Balance zwischen atmosphärischem und gebundenem Kohlenstoff bestehen bleibt.

Aufforstung zeige größten Effekt

Auch die Formulierung, Aufforstung sei das effizienteste Mittel gegen den Klimawandel, präzisierte die Gruppe um Crowther: Sie wollten damit ausdrücken, dass ihnen keine andere Methode mit derartig großer Wirkung beim Entzug von CO2 aus der Atmosphäre bekannt sei. Wiederaufforstung sei natürlich nicht die alleinige Lösung gegen der Klimawandel. Die rasche Reduktion von CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen, sowie der Schutz bestehender Wälder seien unabdingbar, betont das Forschungsteam. Hauptaussage ihrer Studie sei gewesen zu zeigen, dass Aufforstung ein viel größeres Potenzial hätte, von der Menschheit ausgestoßenes CO2 zu reduzieren, als bisher angenommen. Bisher sei der Effekt unterschätzt worden, da Auswirkungen der Wiederaufforstung nur regional betrachtet worden seien. Und darüber, dass Aufforstung neben Emissionsreduktionen ein wertvolles Mittel gegen den Klimawandel sei, sei sich die Forschungsgemeinschaft einig.

Kontrolle durch Wissenschaftsgemeinde

Die Debatte der Forschenden zeigt beispielhaft, wie selbstkontrollierend und -korrigierend die Forschungsgemeinschaft funktioniert. „Der Klimawandel ist eine der komplexesten Herausforderungen unserer Zeit“, sagte Detlef Günther, ETH-Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen. „Um diesen zu meistern, ist eine offene Diskussion über alle möglichen Lösungsansätze auf gesellschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Ebene zentral.“ (APA)