EZB-Geldflutung war laut Wifo-Chef richtig – bis zum Vorjahr

28. Oktober 2019 Drucken
EZB-Geldflutung war laut Wifo-Chef richtig – bis zum Vorjahr
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Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Christoph Badelt, gibt der Europäischen Zentralbank (EZB) recht beim Fluten der Märkte mit Geld, um über die ärgste Krise hinwegzuhelfen. Jedoch hätte die EZB schon 2018 ihre Politik ändern müssen.

Dies hätte bereits auch Ex-OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny kundgetan. Die Niedrigsparzins-Effekte relativierte Badelt am Sonntag in der TV-Pressestunde.

Entscheidung war 2012 richtig

Dass Mario Draghi im Juli 2012 erklärt habe, die EZB werde alles tun im Rahmen ihres Mandats, was nötig ist („whatever it takes“), um den Euro zu retten, bezeichnete Badelt als „ganz wichtige wirtschaftspolitische Entscheidung“, des Ende Oktober abtretenden EZB-Präsidenten. Doch jetzt, wo die Konjunktur schwächer werde, habe die EZB ihr Pulver bereits beschossen. Die Kritik des neuen OeNB-Gouverneurs Robert Holzmann, der das 2-Prozent-Inflationsziel der EZB für zu hoch ansieht, teilt der Wifo-Chef. An niedrigen Zinsen ist seines Erachtens auch nicht nur die EZB schuld – „das ist ökonomisch nicht der Fall“ -, sondern weil es weltweit ein Überangebot an Kapital gebe.

Keine Lebenskrise

Die realen Geldverluste von Sparern durch die niedrigen Zinsen relativierte Badelt ausdrücklich. Natürlich sei es ein Problem für Menschen, real Geld zu verlieren, aber das wirklich Entscheidende für eine Vorsorge sei, dass das Geld durch eine Hyperinflation oder eine Finanzkrise „nicht einfach weg“ sei. Natürlich sei es „nett“, beim Sparen auch etwas zu verdienen. Doch habe der „kleine Mann“ selten 10.000 Euro oder mehr eingelegt, da sei ein Prozent mehr oder weniger „ein Hunderter pro Jahr“, der die Zukunft des Betreffenden nicht so wahnsinnig mehr oder weniger sichere. „Da würde ich nicht die Lebenskrise aussprechen.“

Probleme liegen im Alltag

Den Satz „Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn man nicht vorsorgen kann?“ würde er eher bezüglich der Verteilung oder der Preise sehen, sagte Badelt. Denn er halte es für ein Problem, dass es für viele Menschen, die regulär arbeiten, immer schwieriger sei, ihren Alltag, insbesondere die Mieten , zu finanzieren – oder dass es für ein Akademikerpaar, bei dem beide verdienten, ein Ansparen auf ein Eigenheim nur möglich sei, wenn ihnen die Eltern ein paar 100.000 Euro drauflegen.

Probleme der hohen Immobilienpreise lösen

Schuld an einem Mangel an Wohnungen sei nicht nur, weil dieser Sektor als Anlageform beliebt sei – weil man wegen der niedrigen Zinsen weniger an andere Geldanlagen denkt -, sondern auch Grundstückspreise, die Widmungspolitik oder das Mietrecht, weil bei zu vielen Restriktionen Wohnungen nicht auf den Markt kämen, gab Badelt zu verstehen. Zum Berliner Mietendeckel zeigte sich der Wifo-Chef ablehnend: „Ich äußere mich dazu immer kritisch. Verbote helfen hier nicht.“ Es müsse das Wohnungsangebot vergrößert und dort, wo Menschen es benötigen, ihnen subjektiv geholfen werden.

Rezession nicht absehbar

Stellung bezog Badelt auch zur internationalen Eintrübung der Wirtschaft. Österreich brauche „im Augenblick kein klassisches Konjunkturpaket“, denn „wir rechnen nicht mit einer Rezession“, so Badelt. Man rechne zwar mit einer Verlangsamung des Wachstums, aber doch mit einem deutlich positiven Wachstum. Derzeit sei kein solches klassisches Konjunkturpaket nötig, umso mehr als noch von der alten Regierung als auch in der Übergangszeit eine Reihe von expansiven Maßnahmen insbesondere bei kleineren Einkommen, etwa auch der Familienbonus, beschlossen worden sei, die sich positiv auf die Konsumentwicklung auswirken würden. „Und der Konsum ist im Augenblick die tragende Säule der Konjunktur.“ In ihren Herbstprognosen haben Wifo und IHS für 2020 ein reales BIP-Wachstum von 1,4 bzw. 1,3 Prozent prognostiziert, für heuer von 1,7 bzw. 1,5 Prozent.

Abhängigkeit von Deutschland hat abgenommen

Die Abhängigkeit der österreichischen Wirtschaft von jener Deutschlands, die momentan besonders schwächelt, gelte in einem geringeren Ausmaß noch immer, aber die Abhängigkeit habe abgenommen. Heuer zeige Österreich eine „deutlich bessere Performance“, das sei aber nicht die Regel, das seien Einzelfälle. Badelt: „Ich glaube, es ist heuer ein besonderes Jahr, in dem es bei uns besser lief.“ Die Prognosen für 2020 würden für Deutschland auf etwa ein Prozent Wirtschaftswachstum lauten, für Österreich mit 1,4 Prozent etwas mehr. Langfristig könne sich Österreich der Abhängigkeit nicht entziehen, verwies der Wifo-Chef auf den 30-prozentigen Exportanteil in Richtung Deutschland.

Brexit bleibt Katastrophe

Den geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU nannte Badelt „an sich eine Katastrophe“ – jetzt sollte der Brexit aber einmal rasch erfolgen. Nachteilig könnte es nur dann werden, falls sich daraus ein massiver Handelskonflikt entwickelt, meinte er. (APA)