Sorge und Zurückhaltung: Wie der Coronavirus die globalen Börsen infiziert

24. Januar 2020 Drucken
Sorge und Zurückhaltung: Wie der Coronavirus die globalen Börsen infiziert
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Wolfgang Zemanek, Zins-Chef der Erste Asset Management, spricht im Erste Asset Management-Blog über die Ansteckungsgefahr des Coronavirus für die Börsen und andere Risikofaktoren, die derzeit die Kapitalmärkte beeinflussen.

Welchen Einfluss hat der Coronavirus auf die Börsen?

Die Situation erinnert frappant an die Sars-Epidemie in den Jahren 2002 und 2003. Damals starben weltweit fast 800 Menschen. Der Virus hat die Schlagzeilen und auch die Haltung der Investoren beeinflusst. Dieses Mal ist es nicht anders. China hat Wuhan, eine Stadt mit 11 Millionen Einwohnern, quasi geschlossen. Sämtliche Flüge und Zug- und Busverbindungen wurden storniert, U-Bahn und Transferdienste innerhalb der Stadt suspendiert. Zum aktuellen Zeitpunkt sind etwa 30 Mio Menschen unter Quarantäne und damit mehr Einwohner als z.B Australien hat. Das sorgt für Unruhe auch an den Börsen und beeinflusst das ansonsten recht gute Investmentklima, da davon auch ein Risiko für die volkswirtschaftliche Entwicklung ausgeht.

Welche anderen Risiken bestehen?

Politisch sind es primär die US-Wahlen. Die Frage ist ob Trump im November wieder gewählt wird, oder vielleicht doch ein demokratischer Kandidat mehr Chancen hat. In dieser politischen Unsicherheit verbergen sich Risiken, da die Börsianer mögliche Steuererhöhungen seitens eines demokratischen Kandidaten negativ interpretieren könnten. Das kann die Märkte negativ beeinflussen. Von der Handelskonfliktseite hat sich das Risiko etwas gelöst. Die Handelsgespräche mit China werden vor den US Wahlen als Erfolg vermarktet, vom Tisch ist der Konflikt allerdings noch lange nicht. Dazu gibt es geopolitische Risiken, Stichwort Iran, die nicht einschätzbar sind.

Die Anleihemärkte legten im Vorjahr kräftig zu. Was waren die Hauptgründe?

Die Hauptgründe dafür war, wenn wir in der Börsensprache bleiben „the large negative sentiment shock“, den wir ausgelöst durch den Handelskonflikt USA-China letztes Jahr hatten. Dieser Faktor hat das ganze Jahr über die Stimmung an den Börsen und damit auch das Investitionsverhalten der Unternehmen massiv beeinflusst. Die sehr vorsichtige Einschätzung was die Konjunktur betrifft führte auch dazu, dass die Zentralbanken die Geldpolitik massiv lockerten um den abwärts gerichteten konjunkturellen Aussichten rasch entgegenzuwirken. Die Inflation blieb tief und entfernte sich teilweise von den Vorstellungen der Zentralbanken. Viele Zentralbanken u.a. EZB und US-Fed senkten ihre Leitzinsen. Die EZB nahm das  Anleihenankaufprogramm wieder auf. Dies war ausschlaggebend für die sehr gute Performance der Anleihenmärkte.

Warum sind die Renditeaufschläge aufgrund der schwächeren Konjunktur nicht angestiegen?

Auch hier spielen die Notenbanken eine wichtige Rolle. Das schnelle Reagieren der Zenktralbanken auf die Eintrübungen am Konjunkturhimmel reduzierte die Abwärtsrisiken erheblich. Die Notenbankenhaben die Märkte mit Liquidität geflutet. Die EZB kauft Unternehmensanleihen mit guten und sehr guten Bonitäten und hat dadurch auch anderen Anleihenanlageklassen positiv beeinflusst. Das zieht sich über viele Anlageklassen.

Wie ist das Marktstimmung aktuell?

Das Marktsentiment hat sich etwas verbessert, vor allem durch die Einigung des Phase I Deals im Handelskonflikt zwischen USA und China. Das führte dazu, dass zum Beispiel die Bank of Japan die Konjunkturerwartungen für heuer und 2021 nach oben genommen hat. Andere Zentralbanken könnten diesem Beispiel folgen. Die Situation rund um den Coronavirus darf man jedoch nicht aus den Augen verlieren.

Wird es Zinserhöhungen geben?

Die Zentralbanken sind in einer abwartenden Position, sozusagen „on hold“. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich den Spielraum komplett offen gelassen. Solange die Inflationsziele (Anmerkung: zwei Prozent) nicht erreicht sind, wird die lockere Geldpolitik anhalten. Für heuer ist davon auszugehen, dass seitens der EZB nichts kommen wird, die Leitzinsen werden vermutlich unverändert bleiben. Auch die US-Notenbank wird aus heutiger Sicht on hold sein. Das ist derzeit eingepreist. Sollten die Konjunkturdaten etwas fester ausfallen als erwartet, gibt es Spielraum für leichte Renditeanstiege. US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit rentieren derzeit bei etwa 1,80 Prozent. Wenn man das mit der Bewertung von vor dem letzten Sommer in etwa vergleicht, bevor die große Angst der Rezession die Märkte beeinflusst hat, waren diese Renditeniveaus etwa 20 bis 40 Basispunkte höher. In diesem Jahr ist ein Renditeanstieg in dieser Höhe durchaus möglich. Ausnahme ist Großbritannien. In UK könnten wir eine Leitzinssenkung sehen. Eventuell bereits Ende Jänner, Hauptgrund ist die Unsicherheit durch die möglichen negativen Auswirkungen des Brexit auf die Konjunktur in UK.

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