Online-Simulation: Forscher stellen neuen Klima-Rechner vor

13. Februar 2020 Drucken
Online-Simulation: Forscher stellen neuen Klima-Rechner vor
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Ein Forschungsteam aus 14 Ländern hat ein neues Simulationsmodell zu Europas CO2-Ausstoß entwickelt. Nutzer können verschiedene Szenarien vorgeben und die Auswirkungen berechnen.

Über drei Jahre hinweg hat ein großes Forschungsteam an einem neuen Simulationsmodell zu Europas CO2-Ausstoß gearbeitet. Am Freitag, den 14.Februar 2020, wird der Klima-Rechner „EU Calculator“ (EUCalc) in Wien vorgestellt.

Politiker bis Schüler können damit in Echtzeit die verschachtelten Wege in Richtung Treibhausgasreduktion beschreiten. Dabei zeigt sich auch wie stark der Erfolg vom Verhalten jedes Einzelnen abhängt.

Kooperation von 14 Forschungsinstituten

Insgesamt 14 Forschungsinstitutionen aus Europa haben sich im Rahmen des Projekts daran gemacht, eine detaillierte, auch für Laien anschauliche und wissenschaftlich präzise Simulation zu erstellen. Mit der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) ist auch eine Einrichtung aus Österreich Teil des fächerübergreifenden Forschungskonsortiums, das von der EU mit rund 5,3 Millionen Euro unterstützt wurde.

Nutzer simuliert Auswirkungen

Seit kurzem kann mit dem CO2-Emissions-Rechner eines der zentralen Projektergebnisse online aufgerufen werden. Nachdem der Nutzer im Klima-Rechner definiert hat, ob die Erwärmung unter 1,5- oder Zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau bleiben soll, kann man den für Europa verbleibenden CO2-Ausstoß ein Stück weit als Zielparameter einstellen. „Daraus ergibt sich dann die Gesamtverantwortung der EU hinsichtlich Klimaschutz und damit gewissermaßen auch eine Grundlage für eine effektive und effiziente Teilung der Lasten“, erklärte ÖGUT-Experte Hannes Warmuth.

Mehrere Szenarien

Je nach Ambition, mit der die CO2-Reduktion angegangen werden soll, können dann verschiedene Szenarien detailliert durchgespielt werden. Von der Landwirtschaft, über den Verkehr, den Industriesektor bis zum Energieverbrauch von Gebäuden zeigen sich die Auswirkungen auf alle wichtigen Bereiche heruntergebrochen.

Systemische Verschiebungen werden erkennbar

Ende des Monats sollen Interessenten dann selbst in jedem der zahllosen Unterbereiche mehr oder weniger ambitionierte Handlungsoptionen einstellen können. Somit kann in der Simulation in Echtzeit zum Beispiel nachgesehen werden, welche Auswirkungen ein weitgehendes Umstellen auf Holz als Baustoff im Gesamtsystem hätte. Neben der Verbesserung der CO2-Bilanz im Bausektor ergeben sich dadurch natürlich weniger positive Effekte für Wald oder Biodiversität. So sollen Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung, Wissenschafter oder Schüler die wahrscheinlichen Auswirkungen ihrer Zielsetzungen auch auf Länderniveau durchspielen können.

Aufwändige Simulationen

Bisherige wissenschaftliche Modellrechnungen lieferten mitunter erst nach vielen Tagen Ergebnisse und es brauchte viel Expertenwissen dafür, sagte Warmuth, der vor allem für die Simulationen des Industriesektors zuständig ist. Eines der zentralen Erkenntnisse des Gesamtprojekts ist für den Forscher, welch großen Hebel zur CO2-Reduktion die Verhaltensänderung darstellt. Wichtige Stellschrauben sind nämlich die Ernährung – hier vor allem die Reduktion des Fleischkonsums – oder der Individualverkehr.

Klimawende ist keine reine Technologiegfrage

„Grundsätzlich muss man in allen Sektoren ambitioniert handeln“, so Warmuth, aber „auf rein technologischer Ebene wird man die Klimaziele nie erreichen. Es braucht auch Verhaltens- und Lebensstiländerungen.“ Ohne eine relativ starke Reduktion des Fleischkonsums könne beispielsweise der landwirtschaftliche Bereich nicht annähernd klimaneutral werden. Würde vom heutigen Stand aus 73 Prozent weniger Fleisch in Europa konsumiert, könnte das den CO2-Ausstoß – abhängig von den jeweiligen Annahmen – um gleich 15 Gigatonnen pro Jahr reduzieren. Zum Vergleich: Eine komplette Umstellung auf elektrisch betriebene KFZ würde im Jahr 2050 rund 20 Gigatonnen einsparen, so der Experte. Klar sei auch, dass im Gebäude- oder Industriebereich bereits jetzt Maßnahmen ergriffen werden müssten, damit sich um 2040 oder 2050 tatsächlich etwas zum Positiven verändert.

My2050

Neben der Simulation an sich, sind auch die zugrunde liegenden Überlegungen in wissenschaftlichen Publikationen und Analysen sowie der gesamte Quellcode öffentlich zugänglich. Unter dem Titel „My2050“ wird es auch eine für Lern- und Lehrzwecke vereinfachte des Simulationsmodells geben, die auf Jugendliche abzielt. Insgesamt hoffen die Wissenschafter, damit zur Bewusstseinsbildung für nachhaltigere Lebensstile in Politik und Gesellschaft beizutragen. (APA)

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