WIFO: Warum sich Pensionsmythen hartnäckig halten

21. Februar 2020 Drucken
WIFO: Warum sich Pensionsmythen hartnäckig halten
WIFO-Chef Christoph Badelt © APA

Die Einschätzung der Bevölkerung zum österreichischen Alterssicherungssystem weicht teils deutlich von vergangener und prognostizierter Faktenlage ab. Die Pensionsmythen wuchern. 

Die Einschätzung der Bevölkerung zum österreichischen Alterssicherungssystem weicht teils deutlich von vergangener und prognostizierter Faktenlage ab. Die Pensionsmythen wuchern. 

Bei der Rückschau auf die vergangenen vier Jahrzehnte liegt die Bevölkerung vor allem bei der Entwicklung des Pensionsantrittsalters, der Lohn- und Pensionsdynamik und der Kaufkraft daneben, heißt es in  einer Untersuchung des WIFO. Im Blick nach vorne bis 2060 klaffen Meinung und Prognose etwa beim Anstieg des tatsächlichen Pensionsantrittsalters deutlich auseinander. Besonders pessimistisch wird der monetären Entwicklung entgegengeblickt. „Die Befürchtung starker Preissteigerungen ist weit verbreitet“, so der WIFO-Bericht.

Gute Einschätzung der eigenen Pensionshöhe

Weitaus höher lag die Trefferquote beim Gallup-WIFO-Meinungscheck bei der gegenwärtigen Pensionshöhe sowie dem aktuellen tatsächlichen Antrittsalter. Auch die zukünftige Entwicklung der Zahl der Pensionistinnen und Pensionisten und die prognostizierte Finanzierbarkeit ist zu einem großen Teil mit den WIFO-Berechnungen kompatibel.

Regelpensionsalter bleibt unverändert

62 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass das gesetzliche Pensionsantrittsalter für Männer in den vergangenen 40 Jahren gestiegen ist, einen Anstieg bei Frauen vermuten 60 Prozent. Im Durchschnitt nehmen die Befragten einen Anstieg von +3,6 Jahren bei den Männern und +3,3 Jahren bei den Frauen an. Die Wahrnehmung zum Ausmaß der Zunahme des gesetzlichen Antrittsalters ist offensichtlich stark von der medialen Präsenz des Themas und den gestiegenen Altersgrenzen bei den vorzeitigen Alterspensionen geprägt, das Regelpensionsalter (60 Jahre bei Frauen, 65 Jahre bei Männern) hat sich in den letzten vier Jahrzehnten nicht verändert.

Pensionshöhe  ist nachhaltig gestiegen

Ein Fünftel der Bevölkerung geht von einer Stagnation und ein weiteres Fünftel sogar von einem Sinken der durchschnittlichen Alterspension in den letzten vier Jahrzehnten aus. Nur sechs Prozent sagen, dass es einen starken Anstieg gegeben hat. Etwas weniger als die Hälfte (46 Prozent) meint, dass die Pensionen „etwas“ gestiegen sind. Tatsächlich ist die Alterspension, sie lag 2018 bei 1.324 Euro brutto im Monat, zwischen 1978 und 2018 real um 1,3 Prozent pro Jahr gestiegen.

Nur 41 Prozent nehmen Anstieg des Lebensstandards wahr

Für die Hälfte der Bevölkerung ist der Lebensstandard für Erwerbstätige in den letzten 40 Jahren besser geworden (15 Prozent viel besser, 35 Prozent etwas besser), für 19 Prozent ist er gleichgeblieben und für 28 Prozent sogar schlechter geworden. Was den Lebensstandard von Pensionistinnen und Pensionisten betrifft, gehen 34 Prozent der Befragten von einer Verschlechterung und 21 Prozent von einer Stagnation aus, 41 Prozent nehmen hingegen einen Anstieg wahr.

Real deutliche Verbesserung der Lebensqualität

Werden die menschlichen Grundbedürfnisse (Wohnen, Ernährung, Gesundheit und Bildung) zur Beurteilung herangezogen, zeigt sich ein in den letzten 40 Jahren deutlich gestiegener Lebensstandard. Alleine in den vergangenen drei Jahrzehnten stieg die Wohnfläche pro Person etwa um 18 m² auf durchschnittlich 55 m². Gemäß Konsumerhebung 1993 verwendeten die Haushalte 25 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel und Bekleidung, 2015 waren es nur noch 19 Prozent. Zudem stieg in den vergangenen 40 Jahren die Lebenserwartung, und damit die Restlebenserwartung z. B. für 65-jährige Männer um 5,8 auf 18,3 Jahre und für Frauen um 5,6 auf 21,1 Jahre, an. Auch die Bildungsstruktur der Wohnbevölkerung veränderte sich: Hatten 1971 noch 57,8 Prozent der 25- bis 64-jährigen die Pflichtschule als höchsten Bildungsabschluss, beträgt dieser Anteil jetzt nur noch 18,0 Prozent, 15,2 Prozent besitzen einen Hochschulabschluss, 1971 waren es lediglich 2,8 Prozent.

Anstieg des Pensionsantrittsalters wird erwartet

Die Österreicherinnen und Österreicher gehen von einem deutlichen Anstieg des tatsächlichen Pensionsantrittsalters in der Zukunft aus. Sie erwarten, dass Männer 2060 im Durchschnitt mit 67,3 Jahren und Frauen mit 64,3 Jahren ihre Pension antreten werden. Der Anstieg des tatsächlichen Pensionsantrittsalters wird damit von der Bevölkerung im Vergleich zur langfristigen WIFOPrognose überschätzt. Erwerbsprognosen ergeben, dass das tatsächliche Pensionsantrittsalter der Männer von aktuell 61,5 Jahre langfristig um bis zu zwei Jahre steigt, jenes der Frauen von 59,4 Jahre um bis zu vier Jahre.

Inflation überschätzt

Auch die bis 2060 prognostizierte Inflation wird von der Bevölkerung überschätzt. Die Mehrheit der Befragten (58 Prozent) glaubt, dass die Preise langfristig „stark ansteigen“. Das WIFO geht hingegen von einem leichten Anstieg von zwei Prozent pro Jahr aus, der historisch gut begründet ist. Schließlich lag der Anstieg der Verbraucherpreise seit dem EU-Beitritt im Durchschnitt sogar unter zwei Prozent pro Jahr.

Wider die gefälschten Nachrichten

Mit dem Gallup-WIFO-Meinungscheck starten das Österreichische Gallup Institut und das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) eine Initiative, um den oftmals emotional und ideologisch erhitzten Diskurs in unserer Gesellschaft zu versachlichen. Bei der gemeinsamen Untersuchungsreihe wird die Meinung der Bevölkerung zu volkswirtschaftlichen Themen erhoben und evidenzbasierten Informationen gegenübergestellt. Zum Auftakt wurden die Ergebnisse zum österreichischen Pensionssystem präsentiert. Es folgen Untersuchungen zu den Themen Abgabenquote, Pflegevorsorge sowie Klimapolitik und Ökosteuern.

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