Industrie nach Coronavirus: Der große Sturm steht noch bevor

20. Mai 2020 Drucken
Industrie nach Coronavirus: Der große Sturm steht noch bevor
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Die Industrie-Konjunktur wird auch mit Ende der Coronavirus-Krise erst mit Verzögerung wieder anspringen. Die Investitionsgüterindustrie startet laut Experten in ein Jahrzehnt der Besinnung. Unternehmen müssten die Trägheit der ungebremsten Wachstumsphase ablegen.

Pessimistisch fällt die Prognose der Wiener Unternehmensberatung Advicum Consulting für die kommenden 12-18 Monate der europäischen Industrie aus, insbesondere im Bereich Maschinen- und Anlagenbau. Schuld daran ist die Coronavirus-Pandemie. „Die Auftragseingänge werden bis auf weiteres tief bleiben. Das Anspringen der Konjunktur wird zuerst die Konsumgüterindustrie befeuern und erst anschließend auf die Investitionsgüterindustrie durchschlagen“, ist Advicum Partner Daniel Knuchel überzeugt.

Eine harte Selektion sei daher nicht nur auf Unternehmensebene, sondern auch auf der Ebene der Beschäftigten zu erwarten. „Die Arbeitslosenzahlen in den Kernbranchen werden steigen, da auch die Kurzarbeitsmodelle nicht ausreichen, um das Personal zu halten“, so Knuchel. Neue Investoren werden auf den Märkten auftauchen, und die Regierungen werden genau prüfen, wer welche systemrelevanten Unternehmen kauft. Knuchels Conclusio: „Der Kampf um die europäische Industrie hat gerade erst begonnen“.

Coronavirus: Erste Tiefausläufer haben uns erreicht

Ganz überraschend komme die wirtschaftliche Krise der Industrie nicht, auch wenn Corona natürlich unvorhersehbar war, meinen die Advicum-Berater. Vor allem im Maschinen- und Anlagenbau lagen die Auftragseingänge bereits 2019 um rund zehn Prozent unter dem Vorjahr, aktuell wird mit Umsatzeinbrüchen bis zu dreißig Prozent gerechnet. „Wie in vielen anderen Branchen sind dies lediglich die ersten Tiefausläufer, die volle Wucht wird uns erst noch treffen“ fürchtet Daniel Knuchel. So wurden Versuche der Automobilindustrie, ihre Werke wieder hochzufahren, aufgrund fehlender Nachfrage und fehlender Teile bereits teilweise wieder gestoppt.

Die Auftragseingänge brechen nachhaltig ein, bestehende Aufträge werden storniert. Nach wie vor sind die internationalen Zuliefer- und Abnahmeketten unterbrochen. Anfang Mai lagen über 500 der größten Frachtschiffe der Welt vor Anker, da kaum internationaler Gütertransport nachgefragt wurde. Das Problem: Lieferketten sind nicht nur europäisch, sondern weltweit aufgebaut. Fällt ein Glied der Kette aus, ist die Wertschöpfung unterbrochen und die Werke kommen zum Stillstand.

Neuer Fokus: erhalten und vernetzen

„Nach über einem Jahrzehnt der Hochkonjunktur, in dem die Unternehmen gewachsen sind und hohe Investitionen getätigt haben, steuern wir nun deutlich in ein Jahrzehnt der Besinnung“, heißt es in der aktuellen Advicum-Analyse. Investitionen werden auf ein Minimum reduziert und bestehende Anlagenparks gewartet und erhalten – „Predictive Maintenance“ ist das Schlagwort der Stunde.

Bestehende Maschinenparks werden miteinander vernetzt, um so Flexibilität und Leistungsfähigkeit zu gewinnen, die sich die Unternehmen noch vor 12-18 Monaten einfach durch neue Anlagen „erkauft“ hätten. Der Fokus wird verlagert – aus Überzeugung, aber auch aufgrund fehlender Nachfrage.

Weg mit der Trägheit, her mit echtem Unternehmertum

Um die Leistungsfähigkeit des europäischen Maschinen- und Anlagebaus wieder zu stabilisieren, müssen Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen ergriffen werden, empfiehlt Advicum-Berater Knuchel:

  • Auf politischer Ebene müssen so rasch wie möglich wieder Rahmenbedingungen geschaffen werden, die zumindest europäischen Export wieder ermöglichen.
  • Zugleich müssen die Unternehmen sich selbst und ihr Geschäftsmodell hinterfragen und sich einer Reihe wichtiger Themen stellen. Dazu zählen die Entwicklung eines bestmöglichen mittelfristigen Kernmodells unter konservativen Annahmen, ein Trade-off zwischen Wachstum und Wertschöpfung bei Nutzung bestehender Potenziale und die Schaffung struktureller und finanzieller Flexibilität für die „Ramp-Up-Phase“. Wann immer diese letzten Endes kommen wird.

„Die Industrie wird akzeptieren müssen, dass die Krise ein bis eineinhalb Jahre dauern wird. Eine Lehre, die wir aus der Corona Pandemie ziehen können, liegt aber auf der Hand: Die Unternehmen sind jetzt und in Zukunft gefordert, sich jeden Tag neu zu erfinden. Die Trägheit einer Dekade ungebremsten Wachstums muss abgelegt werden, und echtes Unternehmertum muss wieder Einzug halten.

Internationale Unternehmensnetzwerke mit flexiblen lokalen Wertschöpfungseinheiten werden die europäische Zukunft im Maschinen- und Anlagebau prägen“, so Daniel Knuchel abschließend.

Die wichtigsten Links von Behörden und Institutionen für Unternehmen rund um das Coronavirus finden sich hier.