Österreich bei Digitalisierung weiterhin nur Mittelmaß

15. Juni 2020 Drucken
Österreich bei Digitalisierung weiterhin nur Mittelmaß
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Der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (Digital Economy and Society Index, DESI) verfolgt die Fortschritte der Digitalisierung der EU-Mitgliedstaaten anhand von fünf Schwerpunkten: Konnektivität, Humankapital, Internetnutzung, Integration der Digitaltechnik und digitale öffentliche Dienste.

Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse der DESI-Studie 2020 zeigen, dass Finnland, Schweden, Dänemark und die Niederlande zu den digital führenden EU-Ländern zählen, während Österreich und Deutschland punkto Digitalisierung erneut nur im Mittelfeld zu finden sind.

Österreich belegt nach Platz 14 im Vorjahr heuer den 13. Platz mit einem Gesamtwert von 54,3 (Vorjahr: 51,1) und liegt damit knapp über dem EU-Schnitt von 52,6 (Vorjahr: 49,4). Der Abstand zu den leistungsstärksten Ländern hat sich allerdings vergrößert. Angesichts des rapide steigenden Einflusses der Digitalisierung ist das Gebot der Stunde – gerade in Zeiten der globalen Corona-Pandemie – die besten Köpfe des Landes im Rahmen des „Digitalen Aktionsplan Austria“ der Bundesregierung zu einen und neue Allianzen zu bilden, damit die digitalen Potentiale (Breitbandnutzung, Clouddienste, aber auch Artificial Intelligence & Co) auch in der Praxis nutzbar gemacht werden.

Österreich bei Humankapital und digitalen öffentlichen Diensten unter den Top 10

Was die Durchdringung mit Festnetz- und Mobilfunkbreitband betrifft, belegt Österreich derzeit nur noch Rang 22 (Vorjahr: 18). Daher ist die flächendeckende Versorgung aller Regionen mit Breitband ebenso erforderlich wie ein rascher 5G-Ausbau. Aufgrund der heimischen Topographie ist dies zwar kostenintensiv, aber notwendig, um die gesamte Bevölkerung von den digitalen Möglichkeiten profitieren zu lassen. Konnektivität ist die Basis für modernes Wirtschaften.

Im Bereich der digitalen Grundkompetenzen liegt Österreich auf dem guten neunten Rang (Vorjahr: 8). Der unter Anderem vom Handelsverband empfohlene stärkere Fokus auf die Vermittlung digitaler Kompetenzen, etwa das digitale Modul in der Einzelhandelslehre sowie die 2018 gestartete E-Commerce-Lehre haben sich also bereits bezahlt gemacht.

Rang 18 (Vorjahr: 16) und damit Nachholbedarf hat Österreich bei der Nutzung von Online-Inhalten, Kommunikation und Online-Transaktionen. 86 Bevölkerung der Bevölkerung nutzen demnach das Internet regelmäßig, und die Zahl derer, die es noch nie genutzt haben, ist auf 10 Prozent zurückgegangen. Nur 14 Prozent der heimischen Internetnutzer verkaufen online, gegenüber 23 Prozent im EU-Schnitt. Zielführend wären daher breite Awareness-Kampagnen über die Chancen der unterschiedlichsten Online-Anwendungen.

Integration der Digitaltechnik

Was den Digitalisierungsgrad der Wirtschaft und den Internethandel angeht, ist Österreich um zwei Plätze auf den 17. Rang geklettert – allerdings immer noch mit viel Luft nach oben. Der Anteil an KMU, die online vertreiben, hat erfreulicherweise um 6 Punkte zugelegt. Jedoch konnte der Umsatz im Internethandel mit 9 Prozent um nur zwei Punkte gesteigert werden, was darauf hindeutet, dass die digitalen Investitionen für viele (noch) nicht die gewünschten monetären Früchte getragen haben. Daher sind diesem Bereich Gegenmaßnahmen erforderlich.

Aus Sicht des Handels ist eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen im internationalen Kontext entscheidend, etwa durch Schaffung fairer Spielregeln und einer fairen Besteuerung für alle Marktteilnehmer – auch für internationale Digitalkonzerne. Nur so kann der heimische Handel auch im globalen eCommerce bestehen und der Kaufkraftabfluss beim Online-Shopping reduziert werden. Der Handelsverband unterstützt mittelständische Händler mit der Initiative KMU RETAIL und hat während der Corona-Krise das Onlineshop-Verzeichnis gegründet, dem sich bereits mehr als 4.000 KMU Händler angeschlossen haben. KMU RETAIL bietet eine umfangreiche Palette an Power Tools und Rechtsberatung kostenfrei an, um den digitalen Wirtschaftsstandort zu verbessern – und das ganz ohne Steuergelder.

Mit neuen Technologien die staatliche Effizienz steigern und für mehr Transparenz sorgen

Im Bereich der digitalen öffentlichen Dienste liegt Österreich mit Rang 8 (Vorjahr: 10) über dem EU-Schnitt. Bei der Verfügbarkeit öffentlicher Dienstleistungen, die online erledigt werden können, erzielt Österreich gute Ergebnisse. Das Portal oesterreich.gv.at ist zum Vorzeige-Portal avanciert und ermöglicht eine effiziente Erledigung öffentlicher Dienstleistungen online. Jetzt gilt es, das One-Stop-Shop-Konzept im Verwaltungsbereich zu forcieren und damit die Grundlage für eine erfolgreiche E-Government-Zukunft zu legen.

„Österreich entwickelt sich in Sachen Digitalisierung nur durchschnittlich weiter. Der Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr entspricht exakt dem EU-Schnitt. Lediglich bei der Digitalisierung öffentlicher Dienste sowie der Digitaltechnik-Integration konnten wir uns verbessern, ansonsten haben wir noch viel Luft nach oben. Gerade im Vergleich mit den leistungsstärksten skandinavischen Ländern hat sich der Abstand weiter vergrößert“, kommentiert Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will die Ergebnisse des jüngsten DESI-Berichts, „hierzulande sind zwar finanzielle Mittel und Fördertöpfe vorhanden, um den digitalen Wandel zu unterstützen, allerdings sollten diese effektiver verteilt werden. Es geht darum, bestehende praxisnahe Branchen-Hubs, die bereits erfolgreich funktionieren, zu verstärken und damit neue Wege zu gehen. Noch verharren wir vielfach in politisch motivierten Verteilaktionen, die dazu führen, dass aufgewendete Steuermittel nicht effektiv eingesetzt werden, um die digitalen Ziele in der Praxis deutlich zu verbessern.“

„Nur wenn wir neu denken, haben wir eine Chance, es unter die Top10 zu schaffen und Österreich vom Innovation-Follower zum Innovation-Leader im Bereich Digitalisierung zu machen.“ so Will. Mit dem „Ecommerce Europe Trustmark“ bietet der Handelsverband exklusiv ein eCommerce-Gütezeichen an, das in allen Ländern Europas bekannt ist und daher den grenzüberschreitenden Online-Vertrieb durch die Wiedererkennung auf Kundenseite signifikant verbessert.

Projekte um Boden gutzumachen gibt es jedoch. Das Land Niederösterreich etwa will mit dem Maßnahmenpaket „digi4KMU“ die Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen vorantreiben. Dazu werden etwa zehn Millionen Euro in die Hand genommen, einzelne Betriebe sollen ab 15. Juni Förderungen von bis zu 53.300 Euro beantragen können.