Unternehmen ändern ihre Einkaufsstrukturen

13. August 2020 Drucken
Unternehmen ändern ihre Einkaufsstrukturen
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In einer Umfrage nach April 2020 haben Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich (BMÖ), STÖHR FAKTOR Unternehmensberatung und International School of Management Unternehmen aus Österreich und Deutschland nach den Auswirkungen der Corona-Krise befragt. Auch im Fokus: Kunden-Lieferanten-Beziehungen und Digitalisierung.

Aktuell rechnen 40 Prozent der befragten Unternehmen mit Umsatzeinbrüchen zwischen minus 11 bis minus 30 Prozent im laufenden Jahr. Gut ein Drittel vermag die negativen Auswirkungen noch nicht zu quantifizieren. Kleinere Unternehmen sind in größerem Ausmaß betroffen. Die Insolvenzen werden nach Einschätzungen der 55 Teilnehmer ansteigen und sich mindestens verdoppeln. Die Mehrheit der befragten Unternehmen rechnet damit, mindestens bis Jahresende im Krisenmodus operieren und ihre Einkaufsstrukturen ändern zu müssen.

Die Mehrheit geht davon aus, dass bis zu einer „Normalisierung“ mehr als neun Monate verstreichen werden. Einkauf und Supply Chain Management kommt im Unternehmen eine erfolgskritische Bedeutung zu, im Fokus stehen vor allem die Sourcing-Strategie, Risikomanagement und Versorgungssicherheit. Weitere Ergebnisse der Umfrage zusammengefasst:

Lieferketten und Strategien

  • Digitalisierung (65 Prozent), Risikomanagement,
    Lieferantenmanagement (je 62 Prozent) sowie Prozesseffizienz (55 Prozent) sind die dringendsten Aktionsfelder der Einkaufsleiter (CPOs);
  • 68 Prozent berichten von Verzögerungen in der Lieferkette, die Hälfte von Lieferausfällen;
  • 38 Prozent sahen sich mit höheren Preisen konfrontiert;
  • 28 Prozent wollen mehr Multiple Sourcing (Ordern bei „parallelen“ Quellen) betreiben. 64 Prozent werden weiter in bestehenden Regionen agieren; 24 Prozent wollen Regional Sourcing stärken.

Digitalisierung

  • Künstliche Intelligenz (KI) und Blockchain wird hohes Entwicklungspotenzial bescheinigt.
  • In Sachen Lieferantenmanagement und Echtzeit-Berichterstattung werden mehr bzw. bessere technische Lösungen gewünscht.
  • Größte Hindernisse der Digitalisierung: mangelnde Kompatibilität zu Schnittstellen und Systemen (55 Prozent), nicht ausreichendes Investitionsbudget (49 Prozent), mangelnde Datenqualität bzw. Datentransparenz (43 Prozent) und festgefahrene Arbeitsweisen (40 Prozent).

Schlanke Prozessstruktur für Supply Chain

Die Auswirkungen von Covid-19 machen deutlich: Dem ausgewogenen Management von Kosten und Risiken kommt erfolgskritische Bedeutung zu. Eine kontinuierliche Risikobewertung der Liefermärkte wird nach dem Krisenmodus zu einer zentralen Anforderung an Einkauf und SCM. Dabei sind professionelle Simulationsmodelle unabdingbar. Weiterzuentwickeln sind u.a. Lieferantenbewertung, Integration des Sublieferantenmanagements und der gezielte Aufbau neuer Bezugsquellen. Innerhalb des Einkaufs ist eine noch höhere Prozesseffizienz in operativen Arbeitsabläufen durch Digitalisierung erforderlich. Nur so werden Kapazitäten für operatives Krisenmanagement und Zukunftsstrategien frei. Gleichzeitig gilt es in der gesamten Supply Chain eine schlanke Prozessstruktur für agiles Handeln zu schaffen. Kollaborationsplattformen und digitale Lösungen, wie Process Mining, sind auszubauen.

„Es ist wahrscheinlich, dass in Folge von Covid-19 mehr Unternehmen in Schwierigkeiten geraten, als zunächst angenommen wurde. Das gilt auch für Insolvenzanmeldungen. Daraus erwächst für Einkauf und SCM die dringende Aufgabe, sehr viel stärker als bisher auf finanzielle Stabilität und technologische Zukunftsfähigkeit ihrer Lieferanten zu achten. Preise sind zu relativieren. Wenn Digitalisierung im Einkauf und in der Supply Chain mancherorts durch vergleichsweise zu geringe Investitionsbudgets und dann noch zusätzlich durch festgefahrene Arbeitsweisen behindert wird, verschenken Unternehmen Zukunftspotenzial“, sagt Heinz Pechek, geschäftsführender Vorstand des BMÖ.

„Die Corona-Krise hat weltweit die Wirtschaft auf eine bisher kaum vorstellbare Talfahrt geschickt. Die massiven Verzögerungen in den Lieferketten und vorübergehende Produktionstopps bringen eine enorme Kostenbelastung für viele Unternehmen mit sich. Als Konsequenz zeichnet sich weltweit eine Veränderung ab: Künftig wird für viele Unternehmen die Beschaffungssicherheit eine besonders hohe Priorität darstellen. Dieser Tatbestand wird die Beschaffungsorganisation und -abwicklung nachhaltig verändern. Digitalisierung ist der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit. Die Umfrage hat deutlich gemacht, dass im Einkauf nach wie vor ein hohes Digitalisie- rungspotenzial vorhanden ist. Das gilt es dringend zu heben, um Versorgungssicherheit zu erreichen und die finanzielle Stabilität wiederzuerlangen“, ergänzt Patrick Stöhr, Geschäftsführer von der STÖHR FAKTOR Unternehmensberatung GmbH.