Alpbach: Digitalisierung funktioniert als Kostenbremse

25. August 2020 Drucken
Alpbach: Digitalisierung funktioniert als Kostenbremse
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Personalisierte Medizin inklusive Big Data könnte in Zukunft auch als Kostenbremse in der Medizin wirken. Wäre es möglich, die extrem teuren klinischen Studien durch die Auswertung von Patientendaten aus der realen Welt ersetzen, wäre das ein wesentlicher Fortschritt.

Das sagte am Dienstag Roche-Vorstandsvorsitzender Severin Schwan bei den Gesundheitsgesprächen in Alpbach.“Es gibt ein enormes Potenzial für Kostenreduktionen. Derzeit bilden wir Hypothesen und testen in klinischen Studien an Patienten, ob etwas wirkt oder nicht. Es ist keine Frage, dass wir mit Big Date aus der realen Welt schneller und besser werden könnten“, erklärte der Roche-Vorstandsvorsitzende.

Bei der online übertragenen Podiumsdiskussion mit Schwan und dem belgischen Digitalisierungs-Experten Bart De Witte ging es primär um die Frage, ob Präzisionsmedizin in Zukunft die Rolle einer Haute Couture oder von Pret-a-porter spielen wird. Bart De Witte tritt laut seinen eigenen Worten für einen „verantwortungsvollen Kapitalismus“ ein. Es sei zu hinterfragen, wenn der Pharmakonzern Novartis für eine Gentherapie gegen angeborene spinale Muskeldystrophie 2,1 Millionen US-Dollar verlange.

Alpbach auch Online als wichtige Diskussionsplattform

„Die Entwicklungskosten von ‚Zolgensma‘ (patentierte Gentherapie gegen die spinale Muskeldystrophie; Anm.) sind bei 75 Millionen US-Dollar (63,28 Mio. Euro) gelegen“, sagte Bart De Witte. Der Schweizer Konzern habe dann das Unternehmen, das diese Therapieform „erfunden“ habe, um 8,7 Milliarden US-Dollar (7,34 Mrd. Euro) gekauft. Der nunmehrige Preis für die Behandlung sei ähnlich wie das Handeln einer Person, die jemanden, der an einer Klippe hänge, die Hand mit den Worten „Geben Sie mir ihr ganzes Geld“ entgegenstrecke.

Schwan verteidigte die Patentrechte auch der Pharmaindustrie: „Würden wir den Schutz unseres geistigen Eigentums verlieren, wäre das ein sehr gefährlicher Weg. Könnten wir unser Know-how nicht schützen, würde uns niemand mehr Geld geben. Es ist nicht wahr, dass sich Kapitalismus und Gesundheit nicht miteinander vertragen. Wir brauchen uns auch nicht dafür entschuldigen, dass wir Gewinn machen.“ Geistiges Eigentum und ein möglichst gleicher Zugang zu Dienstleistungen im Gesundheitswesen seien kein Widerspruch.

Bart De Witte wiederum betonte den Wert solidarischer Systeme: „Was man in der derzeitigen Krise sieht? Systeme mit einem relativ gleichen Zugang zum Gesundheitswesen kommen – anders als beispielsweise die USA – besser aus der Krise heraus.“ Der gemeinsame Feind SARS-CoV-2 bringe sogar die größten Machtblöcke der Erde zu einer Zusammenarbeit. „Was früher Monate oder Jahre benötigte, geschieht jetzt innerhalb von Wochen“, betonte auch der Roche-Vorstandsvorsitzende. Covid-19 habe zu einer enormen Verbesserung der Kooperation der Pharmaindustrie mit Zulassungsbehörden und der Pharmaindustrie intern geführt. (APA/red)