Nach Corona: Deutschlands Wirtschaft erholt sich

12. August 2021 Drucken
Nach Corona: Deutschlands Wirtschaft erholt sich
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Deutschlands Wirtschaft ist zurück auf Wachstumskurs und erholt sich damit von der Pandemiedelle vom Jahresbeginn. Im zweiten Quartal ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal um 1,5 Prozent gestiegen, nach einem Einbruch von 2,1 Prozent im ersten Quartal.

Im Detail ist das Bild aber durchwachsen: Während Dienstleister und Einzelhändler von den Lockerungen der Corona-Maßnahmen profitieren, wird die Industrie von Materialmangel und Lieferengpässen gebremst. Dabei hat sich die Auftragslage der Industrie zuletzt weiter verbessert: Laut jüngsten Daten des statistischen Bundesamts stieg der preisbereinigte Auftragseingang im Juni überraschend deutlich um 4,1 Prozent gegenüber dem Vormonat. Ökonomen hatten im Schnitt einen nicht einmal halb so starken Anstieg von 1,9 Prozent erwartet. Die Aufträge liegen damit auch schon um 11,2 Prozent über dem Niveau von Februar 2020, dem letzten Monat vor dem Start der Lockdowns.

Beigetragen hatte dazu die gute Nachfrage in den Bereichen EDV und Optik, aber auch der für Deutschlands Wirtschaft wichtige Maschinenbau kann sich über steigende Aufträge freuen. So hat der deutsche Maschinenbauverband VDMA zuletzt für das erste Halbjahr ein Auftragsplus von 29 Prozent für die Branche gemeldet.

Doch noch schlägt sich die gute Nachfrage nicht in Produktion und Umsätzen nieder: Anhaltende Lieferengpässe bremsen Deutschlands Industrie aus. So war die Produktion im verarbeitenden Gewerbe im Juni überraschend um weitere 1,3 Prozent geschrumpft. Das vom deutschen ifo-Institut ermittelte Barometer der Industrie-Erwartungen fiel zudem im Juli um 5 auf 22 Punkte.

Chipmangel bremst Automobilbranche

Hintergrund sind die anhaltenden Engpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen wie etwa Containern, Computerchips und Bauholz. 83,4 Prozent der Unternehmen spürten im Juli laut einer Umfrage des ifo-Instituts das Fehlen von Vorprodukten. Laut den Umfragedaten ist das der größte Material-Mangel seit 30 Jahren.

Neben den Herstellern von Elektrogeräten ist die für Deutschland wichtige Automobilindustrie besonders von dem anhaltenden Engpass bei Computerchips betroffen. Die Autobauer können wegen des Halbleitermangels derzeit nicht so viele Autos bauen, wie sie verkaufen könnten. Die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland brachen entsprechend im Juli wieder um rund ein Viertel auf 235.400 Fahrzeuge ein, zeigen Daten des Kraftfahrt-Bundesamts.

Die Autohersteller selbst warnten zuletzt trotz guter Geschäftszahlen vor den Folgen des Chipmangels. So stellt sich etwa Volkswagen angesichts des Halbleitermangels auf ein „sehr herausforderndes“ drittes Quartal ein. Der Autobauer verweist vor allem auf Lieferengpässe in Südostasien, wo es in mehreren Ländern mit wichtigen Standorten der Halbleiterindustrie wegen der neu aufflammenden Pandemie zu Produktionsstillständen gekommen ist. Auch BMW gab sich bei der Präsentation eines unerwartet starken zweiten Quartals für den Ausblick vorsichtig: Der Halbleitermangel und höhere Rohstoffpreise dürften auch das zweite Halbjahr belasten, warnte der Konzern.

Einzelhändler und Dienstleister profitieren von Öffnungen

Positiv entwickelten sich hingegen zuletzt dank der Lockerungen der Corona-Beschränkungen der Einzelhandel und der Dienstleistungssektor. Die deutschen Dienstleister sind im Juli gemessen am IHS-Einkaufsmanagerindex so stark gewachsen wie überhaupt noch nie: Der vom Institut IHS Markit auf Basis von monatlichen Umfragen ermittelte Index stieg gegenüber dem Vormonat um 4,3 auf 61,8 Punkte. Ab 50 Punkten signalisiert das Barometer Wachstum.

Das schlägt sich bereits im Arbeitsmarkt nieder. „Viele Firmen stellten mit neuer Rekordrate zusätzliche Mitarbeiter ein“, erklärte der Markit-Ökonom Andrew Harker. Damit ist die Arbeitslosigkeit im Juli zuletzt weiter gesunken, das war seit 15 Jahren der erste Rückgang in dem traditionell schwachen Urlaubsmonat. Normalerweise steigt die Arbeitslosigkeit in diesem Monat wegen der Sommerpause in vielen Bereichen, doch dieser Effekt wurde nun durch die starke Erholung am Arbeitsmarkt überkompensiert.

Die deutschen Einzelhändler spürten das Ende der Corona-Lockdowns und den Effekt der Wiedereröffnungen von Geschäftslokalen naturgemäß besonders stark. Ihre Einnahmen stiegen im Juni inflationsbereinigt überraschend kräftig um 4,2 Prozent. Ökonomen hatten nur ein Plus von 2,0 Prozent erwartet. Im April hatten die Lockdown-Verordnungen laut dem Statistischen Bundesamt noch für Einbußen von 6,8 Prozent gesorgt, im Mai schlugen sich die ersten Öffnungen dann in einem Plus von 4,6 Prozent nieder.

DAX nahe Rekordhoch, Corona-Delta-Variante und Inflation bleiben Unsicherheitsfaktoren

An der Börse schlug sich die Wirtschaftserholung zunächst in neuen Höchstständen nieder, zuletzt zeigte sich der Markt aber unentschlossen. Der deutsche Aktienindex DAX bewegt sich nun schon seit Wochen knapp unterhalb seines im Sommer erreichten Rekordhochs bei gut 15.800 Punkten. Den guten Aussichten vieler Branchen stehen die Sorgen wegen der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus gegenüber. Vor allem Dienstleister fürchten die damit möglicherweise drohenden neuen Lockdowns.

Dazu kommen noch Ängste wegen der mit einem Wirtschaftsaufschwung einhergehenden Inflation und drohenden Gegenmaßnahmen der Notenbanken in Form einer schrittweisen Abkehr von ihrer aktuell konjunkturstützenden Geldpolitik. Dazu beigetragen hat die jüngste Rohstoffpreisrally, die sich zunehmend in Endprodukten und damit den Verbraucherpreisen niederschlägt.

Im Juli waren die deutschen Verbraucherpreise um 3,8 Prozent zum Vorjahresmonat gestiegen, das war der stärkste Preisanstieg seit 1993. „Verantwortlich für den weiteren Anstieg der Inflationsrate im Juli 2021 ist insbesondere ein Basiseffekt, der auf die coronabedingte Senkung der Mehrwertsteuersätze im Juli 2020 zurückzuführen ist“, erklärten die Experten vom statistischen Bundesamt. Die deutsche Regierung hatte die Mehrwertsteuer 2020 im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie temporär gesenkt, was viele Waren und Dienstleistungen günstiger machte. Nun kehrt sich dieser Effekt um. (APA FINANCE / ERSTE AM COMMUNICATIONS)

Wichtige rechtliche Hinweise: Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.