Klimawandel: WU-Ökonomin fordert umfassendes Informationssystem

07. September 2021 Drucken
Klimawandel: WU-Ökonomin fordert umfassendes Informationssystem
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Die WU-Umweltökonomin Sigrid Stagl fordert zur Bekämpfung des Klimawandels ein „mehrdimensionales makroökonomisches Informationssystem“. „Das BIP ist nicht das Maß, das es in der Nachkriegszeit war“, sagte Stagl, am Dienstag bei einer Online-Diskussionsveranstaltung.

Das türkis-grüne Regierungsprogramm sieht Klimaneutralität bis 2040 vor. Welche Maßnahmen notwendig sind, um dieses Ziel gegen den fortschreitenden Klimawandel zu erreichen, und ob sich das überhaupt noch ausgehen kann, darüber scheiden sich die Geister.

Eine Steigerung des BIP habe in der Nachkriegszeit einer verarmten Bevölkerung praktisch durchwegs höheren Wohlstand gebracht, erklärte die WU-UmweltökonominStagl bei einer Online-Veranstaltung des Wirtschaftsmediums „Börsianer“ zum Thema „das Geschäft mit dem Klimawandel“. Damals habe es allerdings nur lokale Umweltprobleme gegeben und die soziale Ungleichheit sei nicht so groß gewesen. Zu dieser Zeit sei es sinnvoll gewesen, auf die Steigerung des BIP zu setzen.

Klimawandel: Globale und lokale Umweltprobleme

In der heutigen, globalisierten Gesellschaft seien die Problemlagen deutlich andere, es gebe globale Umweltprobleme zusätzlich zu den lokalen, deshalb brauche es eine differenzierteres, mehrdimensionales Informationssystem, in dem neben dem BIP auch CO2-Emissionen, Biodiversität, soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Inflation abgebildet werden, so die WU-Ökonomin. Es stimme, dass viele makroökonomische Modelle nur funktionieren, wenn sie Wachstum produzieren, aber dann müsse man eben „bessere makroökonomische Modelle bauen“, und zwar solche, „die biophysische Grenzen kennen und nicht nur Effizienzsteigerung“.

„Uns sollte klar sein, dass das Wachstum, das wir in Österreich oder Deutschland erwirtschaften, seit langem gar nicht der Mehrheit der Gesellschaft nützt, weil es so ungleich verteilt wird“, sagte Rackete. Die Ungleichheit steige und gleichzeitig würden wir unsere Lebensgrundlage zerstören. Das Hauptproblem sei der sogenannte „Rebound-Effekt“, der besagt, dass Effizienzsteigerungen, die Ressourcen und Emissionen sparen, zu einer Steigerung des Energieverbrauchs an anderer Stelle führen, indem freigewordene Kapazitäten für eine Erhöhung der Produktion genutzt werden oder, auf Mikroebene, gespartes Geld in neue Produkte gesteckt wird, die davor gar nicht notwendig waren. Grünes Wachstum könne es deshalb gar nicht geben, so die Umweltaktivistin.

Das ganze 20. Jahrhundert und die Entwicklung und der Wohlstand der Menschen habe stark auf wirtschaftlichem Wachstum aufgebaut, sagte Barbara Potisk-Eibensteiner, Finanzvorständin beim Papierkonzern Heinzel Group. Wachstum sei auch notwendig, um Pensionen und teilweise das Gesundheitssystem abzusichern. Wie ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum funktionieren soll, könne sie sich nicht vorstellen. Nachhaltigkeit müsse ein klarer Bestandteil der Strategie von Unternehmen werden, „das muss vom Vorstand gelebt werden“, beispielsweise in den Investitionsentscheidungen, so Potisk-Eibensteiner.

Unternehmen in der Verantwortung

Darüber hinaus gehe es auch ein Stück weit darum, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen, zum Beispiel für ihrer Supply Chain, und die Herkunft und Produktion ihrer Rohstoff hinterfragen. Wenn man in einem Konzern „gewisse Business-Ethincs“ habe, und sage „so und so machen wir nicht Geschäfte“, dann spiele das auch hinein in die Themen „wie gehen wir mit unserer Umwelt um, und wie gehen wir mit anderen Stakeholdern um“, erklärte die Heinzel-Finanzvorständin.

Die Frage, ob es bereits zu spät den Klimawandel noch zu bremsen, solle man sich gar nicht stellen, sagte Daniela Heilinger, Partnerin bei der Wirtschaftsprüfungskanzlei BDO Austria. Entscheidender sei die Frage , wie könne man die Umweltmaßnahmen beschleunigen? Der öffentliche Sektor müsse deshalb mit gutem Beispiel voran gehen und auch seine Geschäftspartner danach aussuchen, das würde den Druck in der Gemeinschaft erhöhen. Es sei wichtig, „das Thema Nachhaltigkeit zu leben und es sich nicht nur auf die Visitenkarte zu schreiben“. (APA/red)