Covid-19 macht kranke Menschen kränker

11. Februar 2022 Drucken
Covid-19 macht kranke Menschen kränker
© APA (dpa)

Mehr als 400 Millionen Menschen sind weltweit seit Anfang 2020 an Covid-19 erkrankt, 5,8 Millionen der SARS-CoV-2 Infizierten gestorben.

Doch auch wenn damit die meisten Betroffenen die Erkrankung bisher überlebt haben, wissenschaftliche Untersuchungen zeigen immer deutlicher: Covid-19 macht Dutzende Millionen Kranke noch kränker. Das gilt laut aktuellen Studien aus Deutschland und den USA für Betagte und Personen mit Depressionen.

Andreas Czaplicki von der deutschen Stiftung für Depressionen und Co-Autoren des von der Stiftung finanzierten Forschungszentrums an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main haben den Effekt der Lockdown-Maßnahmen auf Menschen mit Depressionen untersucht. Die Studie ist am vergangenen Freitag in „Frontiers in Psychology“ erschienen.

Die Analyse basierte auf einer repräsentativen Umfrage unter 5.135 Menschen im Alter zwischen 18 und 69 Jahren. Von ihnen gaben 1.038 an, laut ärztlicher Diagnose an Depressionen zu leiden. 598 Personen hatten die Lockdowns in Deutschland vor allem in Isolation zu Hause durchlebt. 49 Prozent der Depressiven gaben an, dass die Anti-Covid-19-Maßnahmen ihre psychische Erkrankung negativ beeinflusst hätte: mehr depressive Phasen, Verschlechterung der Symptome, mehr suizidale Impulse, Suizidversuche oder andere negative Konsequenzen.

Schwierigerer Zugang zu Betreuung als Faktor

Die Betroffenen behinderte offenbar besonders das Zurückfahren der medizinischen Versorgung während der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie: 70 Prozent jener Menschen mit Depressionen, die einen schwieriger gewordenen Zugang zur Betreuung registrierten, berichteten von einer Verschlechterung ihres Zustandes, hingegen 36 Prozent der Patienten, die keine schlechtere Betreuung bemerkten. 58 Prozent der Depressiven, die einen Verlust an Tagesstruktur und weniger körperliche Aktivitäten registrierten oder mehr Zeit im Bett verbrachten, konstatierten eine Verschlechterung ihres Zustandes. Das waren doppelt so viele als Depressive, die nicht von einer solchen Situation berichteten.

Das Fazit der Autoren: „Diese Ergebnisse zeigen die Bedeutung, dass auch das Leid und das höhere Suizidrisiko, das mit Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 einhergeht, berücksichtigt werden muss. Bei Pandemie-Maßnahmen sollte eine Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Unsere Studie zeigt aber auch die Bedeutung von Maßnahmen, um auch in Krisensituationen die Gesundheitsversorgung von Menschen mit dringendem Bedarf an Leitlinien-orientierten Therapien sicherzustellen.“

Gesundheitsbelastung für Senioren

Eine riesige Gesundheitsbelastung ist Covid-19 auch für Dutzende Millionen Senioren nach der akuten Erkrankung. Das ergab eine Studie aus den USA, die jetzt im angesehenen British Medical Journal (BMJ, 2022; DOI: 10.1136/bmj-2021-068414) erschienen ist. Ken Cohen von Optum Labs, einer Beratungsfirma aus Minnetonka bei Minneapolis, und Co-Autoren haben die Daten von 87.337 Betagten ausgewertet, die ihre medizinische Versorgung über das staatliche US-Medicare-System erhielten und sich 2020 mit SARS-CoV-2 infiziert hatten. Die Wissenschafter ermittelten, wie viele genesene Senioren danach wegen anderer Erkrankungen in Behandlung waren. Gewählt wurde ein Zeitraum von 120 Tagen ab dem 21. Tag nach der Diagnose von Covid-19, wie jetzt das Deutsche Ärzteblatt berichtete.

Da Folgeerkrankungen nicht zwangsläufig mit Covid-19 im Zusammenhang stehen müssen, bildeten die Forscher vier Vergleichsgruppen: Im Jahr 2020 an Covid-19 Erkrankte, nicht an Covid-19 Erkrankte, Senioren mit ihren Gesundheitsdaten aus dem Jahr 2019 (vor der Pandemie) und Menschen, die an Pneumonien aus anderen Ursachen erkrankt waren.

„Die Forscher ermittelten, dass 32 Prozent der Genesenen in der postakuten Phase (Covid-19; Anm.) wegen einer oder mehrerer neuer oder anhaltender Erkrankungen einen Arzt aufgesucht hatten. Der Anteil lag um elf Prozentpunkte-Punkte höher als in der Vergleichsgruppe ohne Covid-19 aus dem Jahr 2020“, schrieb das Deutsche Ärzteblatt am Donnerstag. Die Genesenen erkrankten häufiger an Atemversagen (plus 7,55 Fälle pro 100 Personen), Abgeschlagenheit (plus 5,66 Fälle), Bluthochdruck (plus 4,43 Fälle), Gedächtnisstörungen (plus 2,63 Fälle), Nierenfunktionsstörungen (plus 2,59 Fälle), psychische Erkrankungen (plus 2,50 Fälle), Gerinnungsstörungen (plus 1,47 Fälle) und Herzrhythmusstörungen (plus 2,19 Fälle).

Covid-19: Herausforderungen durch Folgeschäden

Alle diese Folgeerkrankungen waren insgesamt auch häufiger als in der Vergleichsgruppe der Senioren mit den Daten aus dem Jahr vor der Pandemie (2019). Im Vergleich zu den Genesenen von anderen Erkrankungen der unteren Atemwege (Pneumonien) kam es bei den Covid-19-Genesenen häufiger zu schweren Atembeschwerden, Demenz und Müdigkeit (plus 2,39, 0,71 beziehungsweise 0,18 Fälle pro 100 Personen). Besonders deutlich waren die Unterschiede bei Patienten über 75 Jahren und bei Personen, die im Rahmen ihrer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt worden waren. Laut den Autoren könnten damit auf das Gesundheitswesen auch noch Jahre nach der Covid-19-Pandemie größere Herausforderungen durch Folgeschäden herankommen. (APA/red)

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„Modellbasierte Schätzung des Immunisierungsgrades in Österreich“