Aufsichtsräte als Wegweiser für Nachhaltigkeit in den Unternehmen

28. Februar 2022 Drucken
Aufsichtsräte als Wegweiser für Nachhaltigkeit in den Unternehmen
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Green Deal, Taxonomieverordnung oder Kreislaufwirtschaft – eine Reihe von neuen Vokabeln prägen das Arbeits- und Pflichtenregime von Unternehmen seit einigen Jahren. Für den Aufsichtsrat bedeutet dies eine Ausweitung der bisherigen Aufgaben im Rahmen des Leitens und Überwachens des Vorstands.

Nachhaltigkeit ist für Unternehmen längst kein Nice-to-have mehr: Investoren erwarten sie ebenso wie Verbraucher. „Nachhaltigkeit ist aber nicht nur Zusatzarbeit und Belastung, sondern bietet Unternehmen auch eine große Chance, neue Möglichkeiten zu erarbeiten. Der Aufsichtsrat hat nunmehr behutsam diese Transformation mitzubegleiten, kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren“, so Susanne Kalss, WU-Professorin und Leiterin des Instituts für Unternehmensrecht, Initiatorin des 12. Österreichischen Aufsichtsratstags an der Wirtschaftsuniversität Wien.

„Künftig wird das Augenmerk des Kontrollgremiums verstärkt auch darauf liegen, dass der Vorstand rechtstreu ist, denn Gesellschaften müssen Emissionsgrenzwerte und sonstige Regelungen einhalten. Auch die Nachhaltigkeitsberichterstattung wird künftig einem deutlich detaillierteren und vereinheitlichten Standard unterworfen. Aber entscheidend ist, dass im Nachhaltigkeitsthema nicht primär eine regulatorische Pflicht, sondern eine unternehmerische Chance gesehen wird, sich durch ambitionierte ESG-Ziele zusätzliche Wettbewerbsvorteile zu erschließen“, ergänzt Werner Hoffmann, Leiter des WU-Instituts für Strategisches Management.

Nachhaltigkeit als Kernbereich in der Unternehmensstrategie

Wie der Aufsichtsrat die Transformation zu einem nachhaltig agierenden Unternehmen begleiten kann, damit setzten sich auch Friedrich Rödler, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Erste Group Bank AG, Bettina Breiteneder, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Immofinanz AG, und Christa Geyer, Vorsitzende des Aufsichtsrats der ASFINAG, beim Aufsichtsratstag 2022 auseinander. Der Aufsichtsrat – darin war sich das Podium einig – muss gemeinsam mit dem Vorstand Nachhaltigkeit in der Gesamtstrategie des Unternehmens verankern. Der Kernbereich soll keinesfalls an einen Ausschuss delegiert werden, sondern Nachhaltigkeit sei ein Kulturthema, das sich durch alle Departments eines Unternehmens ziehe.

Der Aufsichtsrat braucht, so die Vortragenden, hier vor allem die entsprechende Qualifikation, um dem Vorstand ein kompetenter Sparringpartner zu sein. Intern sei man intensiv gerade damit beschäftigt Know-how aufzubauen, so Rödler. Auch soll darauf geachtet werden, Nachhaltigkeitsziele vernünftig zu stecken, um mit gewissen Kriterien die Wirtschaft nicht abzuwürgen, meinte Breiteneder. Wir befinden uns hier gerade in einem Transformationsfluss, ergänzte Geyer die Diskussion Insbesondere die zukünftige Nachhaltigkeitsberichterstattung wird große Unternehmen und damit auch den Aufsichtsrat vor Herausforderungen stellen. Die dem Aufsichtsrat auferlegte Aufgabe hier zu prüfen, muss in der gleichen Tiefe erfolgen wie die finanzielle Prüfung. Hier gibt es jedoch etablierte Standards und anerkannte Kriterien, während in der Nachhaltigkeitsberichterstattung im Gegensatz dazu diese bislang gänzlich fehlen.

ESG: Know-how im Aufsichtsrat gefragt

Auch Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsche Bank AG, strich in seinem Vortrag heraus, wie maßgeblich Nachhaltigkeit zukünftig für Unternehmen sei. Man muss ESG nicht nur auf der Agenda haben, sondern es auch zu einem Teil der gelebten Praxis machen. So habe die Deutsche Bank bereits seit acht Jahren einen ESG-Ausschuss. Er betonte aber auch die immense Professionalisierung der Aufsichtsratsarbeit in den letzten Jahren. Die Ansprüche und die Anforderungen seien hoch, gerade dieses Know-how werde aber auch abgefragt und gleichermaßen erwartet von den Regulatorien.

Weiters beschäftigte er sich in seinem Beitrag mit den maßgeblichen Fragen eines Aufsichtsratsvorsitzenden, u. a. damit, wie man den Wert von Diversität noch besser in der Aufsichtsratsarbeit nutzen kann. Es sei nachgewiesen, dass diverse Gruppen bessere Ergebnisse erzielen, doch um die positiven Effekte unterschiedlicher Blickpunkte hervorzukehren, muss es gelingen divers zusammengesetzte Aufsichtsräte zu einem Team werden zu lassen, das an einem Strang zieht. Auch sei das Verhältnis zwischen Aufsichtsratsvorsitzendem und Vorstandsvorsitzendem von großer Bedeutung in der Corporate Governance. Es braucht Vertrauen, aber keine Kumpelei und vor allem Raum für Distanz, damit der Aufsichtsrat seine kritische Kontrollfunktion weiterhin wahrnehmen kann, so Achleitner.

Monika Henzinger, Professorin für Informatik an der Universität Wien und Mitglied des Aufsichtsrats der ams-OSRAM AG, erläuterte bei der Veranstaltung, wie ihre universitären Tätigkeiten und ihre Erfahrungen als Forschungsleiterin bei Google, ihr Verständnis von Aufsichtsratsarbeit geprägt haben. In der Wissenschaft geht es darum, kritisch nachzufragen. Hier sieht sie starke Parallelen zur Aufsichtsratsarbeit, wo sie das Prinzip Führen durch Fragen anwendet: Welche Aspekte habe der Vorstand noch nicht bedacht oder versucht, sich gar darüber hinwegzuschummeln? Zugleich muss man das Unternehmen auch ermutigen, vorauszudenken und auf dem Weg begleiten, Neues zu wagen, u.a. Kooperationen einzugehen und Kontakte zur Universität zu suchen.

Vertrauen als Basis erfolgreicher Aufsichtsratsarbeit

Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG, und Silvia Angelo, Mitglied des Vorstands der ÖBB-Infrastruktur AG und Mitglied des Aufsichtsrats der Infineon Technologies Austria AG, diskutierten abschließend, wie Vorstand und Aufsichtsrat einer Konzerntochter mit der Muttergesellschaft umgehen sollen und wie eine große Investition der Konzernmutter in der Tochtergesellschaft gelingen kann. Infineon hat vor sieben Monaten ein großes Chipwerk in Villach eröffnet – eine Mammutaufgabe in Europa. Von Vorteil war, dass gleich drei Mitglieder der Konzernmutter, u. a. der CEO, im Aufsichtsrat der Infineon-Tochter sitzen. In Ergänzung zu allen Analysen und Fakten, die für das Vorhaben gesprochen haben, habe man sich so über lange Zeit das Vertrauen erarbeitet, dieses ambitionierte Projekt umzusetzen. Es gab viele Gelegenheiten sich als fähiger Aufsichtsrat zu präsentieren und das Können der Konzerntochter unter Beweis zu stellen, erzählte Herlitschka.

Auch Nachhaltigkeit ist bei Infineon kein stiefmütterlich behandelter Punkt auf der Agenda. Nachhaltigkeit, so Angelo, bestimmt nicht nur die Debatten im Aufsichtsrat, sondern wird auch mit jedem Auftreten von Infineon verkörpert. Das Unternehmen setze auf langfristige Perspektiven und Ziele – sowohl der Mutterkonzern als auch die Tochter in Österreich. Die Infineon Technologies Austria AG verfügt daher auch über eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie, um den entsprechenden Fokus hier sicherzustellen, so die beiden Vortragenden.