Geschlechtergleichstellung verliert in heimischen Unternehmen an Bedeutung

04. März 2022 Drucken
Geschlechtergleichstellung verliert in heimischen Unternehmen an Bedeutung
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Vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Arbeitskräftemangels gewinnt die Gleichstellung von Frauen und Männern am heimischen Arbeitsmarkt vermeintlich zunehmend an Bedeutung. Laut einer Deloitte Umfrage sind Österreichs Unternehmen mehrheitlich aber noch weit von echter Chancengleichheit entfernt. Die Bedeutung der Geschlechtergleichstellung ist in den Betrieben sogar gesunken.

Anlässlich des Weltfrauentages 2022 untersuchte das Beratungsunternehmen Deloitte den Status quo zur Geschlechtergleichstellung in österreichischen Unternehmen. Das Ergebnis: In Österreich ist eine echte Chancengleichheit auf breiter Ebene derzeit noch in weiter Ferne. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Bedeutung der Gleichstellung von Frauen und Männern in den Unternehmen sogar von 47 Prozent auf 43 Prozent gesunken.

„Lediglich vier von zehn Befragten denken, dass in ihrem Unternehmen das Thema Gleichberechtigung bereits gut verankert ist und entsprechende Maßnahmen wirklich umgesetzt werden“, betont Gundi Wentner, Partnerin bei Deloitte Österreich. Auffällig ist dabei: Männer und Frauen nehmen den Gleichstellungsgrad bei ihren Arbeitgebern unterschiedlich wahr. „Während 60 Prozent der Männer ihrem Unternehmen einen hohen Reifegrad hinsichtlich der Chancengleichheit bescheinigen, erkennen diesen nur 40 Prozent der Frauen. Solange Frauen den Fortschritt nicht in ihrem Arbeitsalltag wahrnehmen, müssen Unternehmen weitergehende Maßnahmen zur Gleichstellung setzen“, so Gundi Wentner.

Breite Anwendung der flexiblen Arbeitszeitgestaltung

Durch die Coronakrise mussten zahlreiche Unternehmen rasch neue Flexibilitätsmodelle etablieren. 88 Prozent der befragten Frauen und 96 Prozent der Männer geben an, ihre Arbeitszeit nun flexibler gestalten zu können. „Es ist beachtlich, dass die überwiegende Mehrheit der befragten Angestellten ihre Arbeitszeit heute flexibler gestalten kann. Das zeigt, wie viel Bewegung es bei diesem Thema gerade bei Bürotätigkeiten in den Unternehmen gegeben hat – war doch eine flexible Arbeitszeitgestaltung vor der Pandemie eher unüblich“, erläutert Wentner.

Im Vergleich zu den Männern geben die Frauen jedoch häufiger an, noch immer eher unflexible Arbeitszeiten zu haben. Diese Diskrepanz kann auf die Funktionen der Befragten zurückgeführt werden: Während unter den Männern mehr Befragte in Führungsfunktionen tätig sind, finden sich unter den Frauen viele Mitarbeiterinnen. „Als Führungskraft kann man sich seine Arbeitszeit flexibler einteilen – und gerade die Führungsebenen der heimischen Unternehmen sind noch immer männerdominiert“, so Wentner.

Auswirkungen der neuen Flexibilität auf Frauenkarrieren

Positive Auswirkungen hat die neue Flexibilität für fast die Hälfte der befragten Frauen auf die Work-Life-Balance und für mehr als ein Drittel auf ihre Mitwirkung an Geschäftsmeetings. „Die gesamte Arbeitsleistung der Mitarbeitenden verbessert sich, wenn Berufs- und Privatleben unter einen Hut gebracht werden können“, erklärt dazu Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte Österreich.

Die neue Flexibilität kann aber auch den Arbeitsdruck erhöhen: Für 39 Prozent der Frauen wirkt sie sich negativ auf das Arbeitspensum aus. Zum Vergleich: Nur rund ein Fünftel der Männer spürt hier durch die neue flexible Arbeitszeitgestaltung eine Verschlechterung. „Frauen arbeiten unter flexiblen Bedingungen oft mehr als ihre männlichen Kollegen. Das erklärt sich dadurch, dass Frauen häufig in Teilzeitjobs arbeiten und dann an den Randzeiten Überstunden machen. Bei Männern in überwiegend Vollzeitjobs ist das viel seltener der Fall“, betont Elisa Aichinger. „Es gilt, das Spannungsfeld bei der Vereinbarkeit von Familie und Karriere bestmöglich aufzulösen. Auf individuelle Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen muss mit geeigneten Maßnahmen reagiert werden.“

Angepasste Rahmenbedingungen, wie die virtuelle Teilnahme an Besprechungen, ein höheres Maß an Selbstorganisation und die freie Einteilung der Arbeitszeit, werden von vielen Unternehmen bereits angeboten. Das ist aber noch nicht genug: „Frauen wünschen sich von den Arbeitgebern insbesondere mehr finanzielle Unterstützung von Betreuungs- und Pflegeangeboten, regelmäßige Gespräche zur Arbeitsauslastung und klar vereinbarte Kernarbeitszeiten“, ergänzt Aichinger.