Energiewende laut Studie beschleunigt, aber noch zu langsam

26. April 2022 Drucken
Energiewende laut Studie beschleunigt, aber noch zu langsam
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Im Corona-Jahr 2020 sind die CO2-Emissionen zwar durch den Wegfall von Reisen und geringere Industrieaktivitäten leicht gesunken, 2021 sind sie aber erneut um 5 Prozent gestiegen und nun wieder fast auf dem Niveau vor der Coronaepidemie.

Die Energiewende hat zwar weltweit massiv an Tempo gewonnen, allerdings sind wir noch nicht schnell genug, sagte der Energiexperte Markus Wilthaner vom Beratungsunternehmen McKinsey mit Verweis auf die Studie „Global Energy Perspective 2022“.

„Eine überwiegende Mehrheit der Regierungen hat sich das Ziel gesetzt, Net-Zero zu erreichen“, sagte Wilthaner im Gespräch mit der APA. Fast 90 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung werde von Ländern erbracht, die sich als Ziel gesetzt hätten, klimaneutral zu werden. „Aber diese Ziele sind ferner in der Zukunft“, so Wilthaner, nämlich 2040, 2050 oder 2060. „Entscheidend sind aber eigentlich die nächsten zehn Jahre. Die nächste Dekade entscheidet, ob wir den Klimawandel unter Kontrolle bekommen, oder nicht. Wenn wir fünf, zehn Jahre warten, dann sind wir auf einem Kurs, wo wir nicht mehr korrigieren können.“

Schlüsseltechnologien reichen noch nicht zur Energiewende

Erneuerbare Stromerzeugung und Wasserstoff seien zwei der Schlüsseltechnologien, erklärte McKinsey-Partner Wilthaner. Die dritte Schlüsseltechnologie sei Carbon Capture, also das Einfangen der CO2-Emissionen in der Industrie. „Ohne diese drei Technologien werden wir die Wende nicht schaffen, aber besonders die ersten beiden brauchen wir: Erneuerbaren Strom, um unseren Strom-Mix zu grünen, und Wasserstoff, um diesen Strom dort zu verwenden, wo wir nicht direkt elektrifizieren können.“ Die Transition sei mit hohen Kosten verbunden, „aber wenn man sich die Gesamtkosten ansieht und vergleicht mit den Kosten, wenn man nichts tut, dann sieht man, dass die Rechnung eine positive ist“.

Heute stamme die Energie überwiegend von fossilen Quellen in Ländern, die sehr viel Öl, Gas und Kohle haben, nämlich im Nahen Osten, in Südamerika, den USA, Russland und Südostasien. Das seien im Vergleich zu den Nutzern von Energie relativ wenige Länder. „Deutlich mehr Länder haben die Möglichkeit, Erneuerbare sehr günstig zu produzieren, als es Länder gibt, die fossile Kraftstoffe sehr günstig produzieren können. Es wird eine Verschiebung geben von Wertschöpfung, die heute in Petro-Ländern stattfindet, zu Ländern, die sehr günstig Erneuerbare produzieren können – also von Petro-States zu Elektro-States“, so Wilthaner. Der Ausbau von großen Windkraft- und Solaranlagen werde aber auch viele Rohstoffe erfordern, etwa Kupfer oder Lithium. „Die Länder, die da entsprechend ausgestattet sind, werden sicher auch zu den Profiteuren zählen.“

Kosten höher als erwartet

Die Kosten der Energiewende würden wohl zunächst höher sein, der Payoff sei eher längerfristig. Nach wie vor werde aber wesentlich mehr in die fossilen Energien investiert als in Erneuerbare, sagte Wilthaner. „Die Kosten der Energiewende sind im Vergleich zu dem, was unser ganzes Energiesystem kostet, viel niedriger.“ Im Verkehr gehe der Trend ebenfalls ganz klar in Richtung Elektrifizierung. Elektroautos seien jetzt zwar für die meisten Nutzer noch teurer, mittelfristig dürften sie aber für fast alle Nutzer kostengünstiger sein als Autos mit Verbrennungsmotoren. Für die kommerzielle Nutzung sei es jetzt schon attraktiv, auf Elektroautos umzusteigen. Auch sei die Volatilität beim Strompreis deutlich geringer als beim Ölpreis. Die Regulierung und Förderungen würden ebenfalls eine große Rolle spielen. So seien etwa in Norwegen bereits 90 Prozent der neu zugelassenen Autos Elektroautos.

Die Prognosen, wann Peak Oil erreicht werde, also das Fördermaximum bei Erdöl, hätten sich in den letzten Jahren immer weiter nach vorne verschoben. „Noch vor ein paar Jahren gingen wir davon aus, dass das erst nach 2030 passieren wird. Mittlerweile rechnen wir mit Peak Oil zwischen 2024 und 2027.“ Peak Coal sei bereits erreicht. „Kohle kommt gerade zurück als Gasersatz und aus Gründen der Energiesicherheit, aber wir erwarten, dass das nur kurzfristig sein wird. Unsere Szenarien zeigen, dass Nachfrage nach Kohle weiterhin rückläufig ist.“ Bei Gas gebe es jetzt durch die Ukraine-Invasion eine große Unsicherheit, „wir sehen aber schon noch eine wichtige Rolle für Gas, Europa ist nicht die ganze Welt“. Bei Gas sehen die McKinsey-Experten bis in die 2030-er Jahre eine weltweite Zunahme um 10 Prozent, wenn auch unterschiedlich je nach Region. „Die Invasion in der Ukraine beschleunigt sicherlich noch einmal den Shift in Europa weg von Gas hin zur Elektrifizierung.“

Der Strombedarf werde durch den Umstieg stark steigen. In Österreich gebe es zwar schon sehr viel Erneuerbare Energien, dennoch müsse man noch sehr viel dazu bauen, um die Dekarbonisierung voranzutreiben. „Da werden wir sicher an unsere Grenzen stoßen.“ Die Frage sei, ob man die Erneuerbaren schnell genug ausbauen könne und ob es überhaupt genug Erneuerbare gebe. Man werde deshalb in Österreich und in Zentraleuropa mittelfristig über den Import von grüner Energie in Form von Strom und Wasserstoff Energie von außen beziehen müssen.

Einige Länder mit Überschuss

Es gebe aber auch Länder mit einem Überschuss an Erneuerbaren – so habe etwa Spanien sehr gute Bedingungen für Solarstrom und Windenergie. „Spanien hat das Potenzial, deutlich mehr grünen Strom zu produzieren als es selber nutzen wird, könnte also ein Stromexporteur werden. Auch die Ukraine hat hervorragende Windverhältnisse, vor allem im Süden und Südosten des Landes und auch Potenzial für Laufkraftwerke.“ Durch den Krieg sei das jetzt „auf Pause, aber mittel- und langfristig ist die Ukraine auf jeden Fall ein möglicher Energielieferant“. Die vorhandenen Pipelines könnte man umbauen, um dann zum Beispiel Wasserstoff aus der Ukraine nach Österreich und Deutschland zu bringen.

Auch die Atomkraft werde global gesehen noch eine Rolle spielen, auch wenn sie in vielen Bereichen teurer sei als die erneuerbare Option. „Die Frage ist, ob wir aus Gründen der Energiesicherheit teurere Atomkraft produzieren, damit wir das im Land haben und nicht abhängig sind von Importen und weil wir sehr schnell die Energiewende schaffen möchten.“ Wenn man keinen Erneuerbaren habe, dann sei Atomenergie wahrscheinlich eine Alternative, um emissionsarmen Strom zu produzieren. (APA/red)