Klimaschutz hängt von Innovationen der chemischen Industrie ab

17. Mai 2022 Drucken
Klimaschutz hängt von Innovationen der chemischen Industrie ab
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Eine Analyse des Green Deals zeigt die Bedeutung der Branche beim Umstieg auf erneuerbare Energie, Reduzierung der Abhängigkeit von fossilen Trägern und CO2-Sparpotenziale.

Erstmals nach Vorstellung des EU-Green Deals weist eine wissenschaftliche Studie die Bedeutung der chemischen Industrie für den Klimaschutz in einzelnen Sektoren nach. Erstellt hat diese Analyse das WIFO im Auftrag des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO). Sukkus: Im Kampf gegen den Klimawandel spielt die chemische Industrie eine besondere Rolle. Einerseits benötigen alle Green Deal Technologien Stoffe und Vorprodukte aus der Branche. Andererseits müssen die Unternehmen ihre eigene Produktion künftig ebenfalls klimaneutral gestalten.

Der Ukraine-Krieg verstärkt noch die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu verringern. Studienautor Franz Sinabell, Forschungsbereichskoordinator für Umwelt, Energie und Landwirtschaft im WIFO, zu seinen Erkenntnissen: „Die chemische Industrie ist einer der wesentlichen Motoren der Transformation. Eine klimaneutrale Wirtschaft braucht Produkte, Technologien und Lösungen der Chemiebranche.“

Zudem haben die Unternehmen der Branche bereits viel in Richtung Klimaneutralität umgesetzt. Seit 1990 konnte die Chemieindustrie ihre prozessbedingten Emissionen bereits um über 50 Prozent senken. Die größten Herausforderungen liegen aber noch vor uns. Dafür muss die Politik den geeigneten Rahmen schaffen. Neben der Förderung von Investitionen und F&E für Zukunftstechnologien geht es vor allem um den Aufbau der notwendigen Infrastruktur – gerade im Energiebereich. „Klimaneutralität in Österreich ist nur mit einer wettbewerbsfähigen Chemiebranche möglich. Dafür braucht es ausreichende Mengen erneuerbarer Energie zu konkurrenzfähigen Bedingungen, die vor Produktionsverlagerungen schützen, ebenso wie gut aufeinander abgestimmte rechtliche Rahmenbedingungen und den Investitionszyklen angepasste Zeit für die Transformation“, so der WIFO-Ökonom.

Politik muss Krisenmanagement erledigen

„Die Studie zeigt unsere Herausforderungen. Durch die Energiekrise haben diese noch an Dringlichkeit gewonnen,“ unterstreicht der Obmann des Fachverbands der chemischen Industrie, Hubert Culik, die Kernaussagen der Studie. Gebot der Stunde sind für ihn Maßnahmen zur Absicherung der Gasversorgung. Kurzfristig müssen die Gasspeicher aufgefüllt werden und eine Diversifizierung der Lieferantenstruktur gelingen. Mittel- und langfristig werden neue Technologien aus der chemischen Industrie etwa aus dem Bereich Kreislaufwirtschaft entscheidend für die Unabhängigkeit von Russland und anderen Exporteuren fossiler Rohstoffe sein.

Culik weiter: „Vor uns liegt eine Herkules-Aufgabe, die wir bereit sind anzugehen. Gemeinsam mit der Politik muss es gelingen, hin zu konkreten Umsetzungsschritten zu kommen.“ Der Obmann der chemischen Industrie fordert einen beschleunigten Ausbau von erneuerbaren Energien sowie Verfahrensbeschleunigungen bei bestehenden Projekten oder die gezielte Förderung von Schlüsseltechnologien wie Wasserstoff, Carbon Capture and Utilization (CCU), durch die CO2-Emissionen für die Produktion verwertet werden können, und der Kreislaufwirtschaft. Politische Zeitpläne und Zielsetzungen lassen da nach wie vor auf sich warten.

Bremsklotz Regulierung

Gleichzeitig ist die chemische Industrie von rund 80 geplanten Green Deal Regularien betroffen: Neben dem Klima & Energie-Paket hat gerade die Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit massive Auswirkungen auf die Branche. „Um diese Mehrfachbelastung stemmen zu können, braucht es künftig eine bessere zeitliche Abstimmung der Maßnahmen“, ist Ulrich Wieltsch, stellvertretender Obmann des FCIO, überzeugt. Zusätzlich müssen geopolitische Entwicklungen viel stärker berücksichtigt werden. „Wir unterstützen die Vorreiterrolle Europas bei Klima- und Umweltschutz. Gleichzeitig müssen wir aber unsere Abhängigkeit bei versorgungsrelevanten Produkten reduzieren und dürfen diese nicht durch gut gemeinte Regularien weiter vergrößern“, warnt Wieltsch, vor der Verlagerung der Produktion in Regionen mit niedrigen Umwelt- und Demokratiestandards.

Kreislaufwirtschaft als Schlüssel zur Klimaneutralität

Gerade Kunststoffe sind wegen ihrer Leichtigkeit und ihrer vergleichsweisen ressourcenschonenden Produktion ein Schlüsselmaterial für den Klimaschutz. Im Vergleich zu anderen Materialien, brauchen sie auch weitaus weniger Erdgas bei der Herstellung, etwa bei Getränkeflaschen. Probleme gibt es bislang allerdings bei der Umsetzung einer konsequenten Recycling-Strategie: Mit einem umfassenden Ausbau von Kunststoffrecycling können die benötigten fossilen Ressourcen für Kunststoffprodukte noch einmal deutlich gesenkt und gleichzeitig jedes Jahr bis zu 2,4 Millionen Tonnen CO2 in Österreich eingespart werden.

Neue Technologien wie chemisches Recycling und Carbon Capture and Usage (CCU) könnten auch von Österreich aus den Umgang mit CO2 revolutionieren. „Das Potential der Kreislaufwirtschaft ist enorm. Mit einer umfassenden Etablierung könnten wir die für die Dekarbonisierung benötigte Energiemenge in der chemischen Industrie von 60 auf 30 TWh halbieren. Wenn die Politik hier einen Förder- und Ausbau-Schwerpunkt setzt, können wir im internationalen Wettbewerb um die effizientesten Klimaschutztechnologien vorne dabei sein“, sagt Helmut Schwarzl, stellvertretender Obmann das FCIO.