Hawkish und Wirtschafts-Bearish

20. Mai 2022 Drucken
Hawkish und Wirtschafts-Bearish
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Der wichtigste treibende Faktor für die Kapitalmärkte seit Jahresanfang ist der kräftige Anstieg der Leitzinsanhebungserwartungen in den entwickelten Volkswirtschaften. Das hat die meisten Wertpapierklassen unter Druck gebracht. Anfänglich war der Wirkungskanal vor allem der ansteigende Diskontierungszinssatz. In den letzten Wochen ist auch eine zunehmende Rezessionswahrscheinlichkeit (fallende Gewinne) hinzugekommen, ausgelöst durch möglicherweise zu restriktive Geldpolitiken.

Vergangene Woche hat der Vorsitzende der Fed, Jay Powell, die hawkishe und damit wirtschaftsbearishe Haltung der Fed bekräftigt. „Der Prozess, die Inflation auf 2 Prozent zu senken, wird auch einige Schmerzen mit sich bringen, aber am schmerzhaftesten wäre es, wenn wir es nicht schaffen würden, sie zu bekämpfen, und die Inflation sich auf einem hohen Niveau in der Wirtschaft festsetzen würde“, meinte er. „Die Frage, ob wir eine weiche Landung durchführen können oder nicht, kann tatsächlich von Faktoren abhängen, die wir nicht kontrollieren können. Aber wir sollten das Kontrollierbare kontrollieren…es gibt eine Aufgabe hinsichtlich der Nachfrage zu erledigen.“, fügte Powell hinzu. Bereits im Zuge der letzten Erhöhung um 50 Basispunkte hatte Powell eine Anhebung für die kommenden zwei FOMC-Treffen um jeweils 50 Basispunkte angedeutet. Bis Jahresende wird ein Leitzinssatz von 2,75 Prozent erwartet.

Definition Hawkish:
Die Bezeichnung „Hawkish“ (von „Hawk“ engl. für „Falke“) steht für eine wirtschaftliche Situation, in der höhere Zinssätze erwartet werden. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass eine Erhöhung der Inflation sich negativ auf die Wirtschaft auswirkt.

Definition Bearish:
(Baisse) Der Ausdruck „Bearish“ wird für die Erwartung fallender Kurse verwendet. Bildlich dargestellt wird dies durch den Bär, der die Kurse mit seinen Tatzen nach unten schlägt. Gegenteil: Bullish. Wirtschafts-Bearish bedeutet, dass für die Realwirtschaft (Konjunktur) ein Rückgang der wirtschaftlichen Aktivitäten erwartet wird.

Selbst die EZB hat Zinserhöhung in Aussicht gestellt

Die Präsidentin der EZB, Christine Lagarde, sagte in einer Rede, sie erwarte, dass die Bank ihre Bilanzausweitung durch Anleihekäufe „Anfang des dritten Quartals“ einstellen und die Zinsen „einige Zeit“ danach anheben werde, „was einen Zeitraum von nur wenigen Wochen bedeuten könnte“. Eine Leitzinsanhebung im Juli (Diskontzinssatz: +25 BP auf -0,25%) ist wahrscheinlich. Bis Jahresende wird ein Leitzinssatz von 0,25 Prozent erwartet.

Negative Feedbackschleife

Mittlerweile hat sich eine negative Feedbackschleife etabliert. Seit Anfang Mai hat die starke Verschlechterung des Finanzumfeldes (Financial Conditions) zu fallenden Renditen geführt.

  1. Fallende Markterwartungen für zukünftige Leitzinsen.
  2. Fallende reale Renditen.
  3. Fallende eingepreiste Inflationserwartungen.

Damit dominieren aktuell die wirtschaftsbearishen Argumente (verschlechterten Gewinnerwartungen) die Inflationsbefürchtungen. Trotz des stagflationären Umfelds funktionieren kreditsichere Staatsanleihen, wenn auch nur eingeschränkt als Ausgleich (Hedge) für fallende Aktien.

Ukraine-Krieg mit weitreichenden Konsequenzen

Einige bleibende Auswirkungen des Krieges in der Ukraine werden immer klarer. Die Beziehung zwischen dem Westen und Russland ist nachhaltig gestört. Schweden und Finnland werden um eine Mitgliedschaft bei der NATO ansuchen. Auch auf der energiepolitischen Ebene hat der Krieg weitreichende Konsequenzen.

Laut dem Entwurf der Europäischen Kommission wird die EU in den nächsten fünf Jahren fast 200 Milliarden Euro ausgeben müssen, um ihre Energieunabhängigkeit von Russland zu sichern. Die Kommission hat bereits erklärt, dass sie davon ausgeht, dass die EU die russischen Gasimporte in diesem Jahr um zwei Drittel senken kann, und hat die Mitgliedstaaten aufgefordert, ihre Gasspeicher vor dem nächsten Winter wieder aufzufüllen. Sie bemüht sich außerdem um die Zustimmung der Mitgliedstaaten zu einem sechsten Sanktionspaket, das unter anderem ein schrittweise eingeführtes Embargo für russisches Öl in diesem Jahr vorsieht. Die Vorschläge werden innerhalb der kommenden Tage veröffentlicht. Das größte Rezessionsrisiko für Europa stellt ein unmittelbarer Gas-Stopp seitens Russlands dar.

Schwache Wirtschaftsdaten aus China

In China ist im April das gesamte Kreditwachstum deutlich stärker als erwartet gefallen (910 Milliarden Yuan nach 4.653 Milliarden Yuan im März). Die Verlangsamung war breit basiert (Konsum- und Unternehmenssektor) und kann mit der schwachen Kreditnachfrage aufgrund der Lockdownmaßnahmen erklärt werden. Vor allem die niedrige Emission von Staatsanleihen ist überraschend (391 Milliarden Yuan nach 707 Mrd. Yuan). Dieser Indikator liefert damit keinen Hinweis für zusätzliche fiskalische Unterstützungsmaßnahmen. Auch die Exportdaten waren besonders schwach. Im Monat April fielen die Exporte um 3,4 Prozent (gegenüber Vormonat), geprägt von Exporteinbrüchen in die westliche Welt (US: -7,9%, EU, -8,5%). Die Lockdown Maßnahmen verlangsamten die Exporte aufgrund von Unterbrechungen der Lieferketten.

Hohe Inflationsraten und schlechte Stimmung

Die Inflationsraten waren auch im Monat April sehr hoch. Immerhin hat in den USA ein Rückgang des Preisanstiegs stattgefunden (0,3% p.m. / 8,3% p.a. nach 1,2% p.m. / 8,5% p.a.). Wenn die Rohstoffpreise nicht weiter ansteigen, könnten sich die Inflationsraten tatsächlich nahe dem Höhepunkt befinden. Allerdings waren hinsichtlich der Komponenten die immer noch überdurchschnittlichen Preisanstiege breit basiert, und sind in zahlreichen anderen Ländern die Inflationsraten weiter angestiegen. Die Kernfrage ist, ob die hohe Inflation zu permanent höheren Inflationserwartungen führt oder ob das deutlich höhere Preisniveau zu einer Reduktion der Nachfrage führt, und damit die Inflationserwartungen niedrig hält. Die einbrechende Konsumentenstimmung argumentiert für Letzteres. In den USA ist die Konsumentenstimmung im Mai (Quelle: University of Michigan) auf den niedrigsten Wert seit 2009 gefallen.

Das zweite Halbjahr sollte besser werden

Für eine Verbesserung des Finanzumfeldes im 2. Halbjahr sprechen folgende Annahmen:

  • In China findet im 2. Halbjahr eine wirtschaftliche Erholung statt.
  • Die Rohstoffpreise bleiben stabil.
  • Es gibt keine abrupten Lieferstopps bei Energie.
  • Die Inflationsraten fallen tendenziell.
  • Die Zentralbankpolitiken werden nicht restriktiv.

Der Autor Gerhard Winzer ist seit März 2008 bei der Erste Asset Management tätig. Bis März 2009 war er Senior Fondsmanager im Bereich Fixed Income Asset Allocation, seit April 2009 ist er Chefvolkswirt.

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Wichtige rechtliche Hinweise: Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.