„BAIT“: Medienprojekt kontert Fake News

17. Juni 2022 Drucken
„BAIT“: Medienprojekt kontert Fake News
© APA (dpa)

Was können wir gegen Fake News und Propaganda tun? Diese Frage stellte sich das Team rund um das multimediale Medienprojekt „BAIT“, das nun mit einer Crowdfunding-Kampagne an die Öffentlichkeit getreten ist.

Künftig will man auf Social Media gemeinsam mit Jugendlichen Fake News entkräften und Medienkompetenz stärken, wie das Team beim Kick Off in Wien erläuterte. Ist das Funding erfolgreich, soll der Kanal im Herbst starten, um der „Infodemie“ beizukommen. Als „Infodemie“ wird die mediale Überflutung mit Falschinformationen bezeichnet. Tagtäglich fänden Jugendliche auf ihren Smartphones etwa brutale Kampfszenen, Propaganda und Desinformationen. Dem will man nun an jenen Orten entgegenwirken, auf denen sich Kinder und Jugendliche tummeln: auf TikTok und Instagram. In kurzen Clips klären Moderatorinnen und Moderatoren dabei nicht nur Falschmeldungen auf, sondern nehmen die Zuschauer mit auf ihre Recherchen. „So vermittelt ‚BAIT‘ die Tools, um Fake News selbst erkennen zu können“, freut sich Radio-, TV- und Digitaljournalistin Anastasia Lopez aus dem „BAIT“-Team.

Dabei stehe „das gute Gefühl der Selbstermächtigung im Vordergrund“. Den Organisatoren ist es wichtig, auf Augenhöhe und nie mit erhobenen Zeigefinger zu kommunizieren, weshalb Jugendliche eine zentrale Rolle in der Redaktion einnehmen sollen.

Hinter dem Projekt stehen neben Lopez auch Thomas Prager und Tim Dombrowski von „Digitaler Kompass“ (Institut für Nachrichtenkompetenz und digitale Bildung) sowie Iris Strasser, Chefredakteurin und Mitgründerin des Jugendmagazins „Die Klette“, die als Bindeglied zur „Generation Z“ fungieren soll. Die Grafikdesigner Mato Vincetić und Lars Schrage, Absolventen der Klasse für Ideen an der Uni für Angewandte Kunst, entwickelten die Bildsprache und den visuellen Auftritt von „BAIT“. Langfristig solle „BAIT“ zu einem Medium werden, das sich selbst finanzieren kann, via Crowdfunding will man 10.000 Euro sammeln, um Equipment zu finanzieren und Honorare für die jungen Journalistinnen und Journalisten zu bezahlen. Als Goodies für das Crowdfunding-Projekt gibt es etwa ein Factchecking-Handbuch, Plätze bei Podiumsdiskussionen zum Thema oder Medienkompetenz-Workshops für Unternehmen.

BAIT: Mehr als nur Fake News widerlegen

Um das Thema Fake News auf TikTok und Instagram zu veranschaulichen, gaben im Rahmen der Podiumsdiskussion im Amerlinghaus AFP-Faktencheckerin Eva Wackenreuther, der Digitalverleger Stefan Apfl („Hashtag.jetzt“), Flora Schmudermayer (Bundesschüler:innenvertretung) und Stefanie Hübel (TikTok-Expertin) Einblicke in die mannigfaltigen Erscheinungsformen von Fake News und berichteten von unterschiedlichen Ansätzen, diesen journalistisch entgegenzuwirken. „Jugendliche wissen selbst oft nicht, was stimmt und was nicht und was man dagegen tun kann“, so Lopez. Die Arbeit von „BAIT“ gehe über das Widerlegen von Deep Fakes und Falschmeldungen hinaus.

Eva Wackenreuther von der Nachrichtenagentur AFP beobachtet, dass sich die Machart von Fake News – aktuell vor allem rund um den Krieg in der Ukraine – verändert: „Früher waren es Falschbehauptungen, jetzt handelt es sich mehr um Framing.“ Faktenchecks brauchen nicht zuletzt aufgrund von Recherchen und Experteninterviews einiges an Zeit. „Falschinformation auf TikTok einzuholen ist schwierig“, so Wackenreuther in Hinblick auf die rasante Verbreitung der Kurzvideos. „Es ist schwierig, einerseits das Schnelllebigkeitsbedürfnis zu stillen und gleichzeitig Dinge ausführlich zu erklären. Denn die Wahrheit zu erklären ist oft differenzierter als eine Falschmeldung.“

Stefan Apfl erkennt bei Jugendlichen eine „große Nachfrage nach Inhalten auf Augenhöhe, aber in zeitgenössischer Form“, weshalb die von ihm und seinem Team entwickelten journalistischen Formate auf TikTok von der Form her kaum vom restlichen Content unterscheidbar seien, sehr wohl aber vom Inhalt. 90 Mio. Views der „Hashtag.jetzt“-Inhalte würden eine „ganz große Nachfrage“ belegen. Allerdings müsse man sich von der klassischen Finanzierung, mit der traditionelle Medien arbeiten, verabschieden. Das sei auch einer der Gründe, warum sich aus seiner Sicht noch kein großes heimisches Medium wirklich auf TikTok etabliert habe. „Klassischer Journalismus ist Eisschollenmanagement, die Budgets schmelzen“, so Apfl.

Flora Schmudermayer von der Bundesschüler:innenvertretung attestiert ihrer Generation eine Aufmerksamkeitsspanne von 20 bis 30 Sekunden, weshalb sich auch der Nachrichtenkonsum in neuen Formaten präsentieren müsse. Was sie sich wünscht? „Informationen in Real-Time. Wir wollen es genau jetzt wissen, wenn in der Weltgeschichte etwas passiert.“ TikTok-Expertin Stefanie Hübel hält es für wichtig, auf der Plattform jenen Menschen Journalismus anzubieten, „die Journalismus kaum kennen“. Die hohe tägliche Verweildauer auf TikTok von 1,5 Stunden biete die Chance, mit journalistischen Formaten zu punkten. Genau dort will „BAIT“ künftig ansetzen. (APA/red)