Reuters Report: Medienbranche sollte sich hinterfragen

22. Juni 2022 Drucken
Reuters Report: Medienbranche sollte sich hinterfragen
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Das Interesse an und Vertrauen in Nachrichten ist nach einem wohl pandemiebedingten Hoch im Vorjahr zuletzt wieder gesunken, zeigt der jüngste „Reuters Institute Digital News Report“.

Um gegenzusteuern sollte sich die Medienbranche hinterfragen und auf das Publikum zugehen, befanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Podiumsdiskussion rund um den Reuters Report („Reuters Institute Digital News Report“), die anlässlich der Veröffentlichung des Berichts im APA-Pressezentrum stattgefunden hat.

Die steigende Tendenz, Nachrichten bewusst zu vermeiden, habe auch mit der Logik des Nachrichtensystem zu tun, meinte die stellvertretende APA-Chefredakteurin Katharina Schell. Das Motto, wonach nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, sei nach wie vor stark in den Köpfen vieler Medienmacherinnen und -machern verankert. Man sollte aber bewusst auch Nachrichten abseits davon liefern, um User weiterhin zu erreichen. „Wir müssen uns überlegen, welche Erwartungen sie an uns haben. Ich habe den Verdacht, unser Selbstbild könnte einen Relaunch auf Basis eines Dialogs mit den Usern benötigen“, so Schell.

„Wir machen es den Leuten vielfach gar nicht allzu schwer zu sagen, es reicht mir jetzt“, befand auch ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher. Oft verweile man zu sehr an der Oberfläche und erschwere die Partizipation. Michael Ogris, Vorsitzender der Medienbehörde KommAustria, merkte an, dass es einen gewissen Abstumpfungseffekt schon immer gegeben habe. Falschnachrichten seien im Stande zu betäuben. Hier ortete er auch eine große Chance für klassische Medienhäuser, sich von so mancher kursierender Nachricht in den sozialen Medien abzuhaben: gute Recherche. „Diese muss man den Leuten verkaufen“, sagte er.

Reuters Report dokumentiert Medienverdrossenheit

Die Österreich-Auswertung beim Reuters Report hat u.a. ergeben, dass lediglich eine von vier befragten Personen die Berichterstattung in Österreich als meist unabhängig von unzulässigem Einfluss durch Politik oder Regierung erachtet. Ogris zeigte sich davon nicht übermäßig alarmiert. Zwar gebe es Affären, oft handle es sich aber um ein Bauchgefühl der Befragten, vermutete er – und damit um ein Imageproblem der Branche, dem sie sich stellen müsse.

Viel Vertrauen bei der österreichischen Bevölkerung büßte gegenüber dem Vorjahr – wie die meisten Medienhäuser – der ORF ein. „Es hat noch nie so viel Wissenschaft und glaubwürdige Expertise wie im vergangenen Jahr in der Berichterstattung gegeben. Das hat zu den hohen Werten beigetragen. Jetzt nähern wir uns wieder dem normalen Status an“, meinte Thurnher. Den Trend könne man nicht gänzlich sorgenfrei beobachten. Doch habe man anhand der Erforschung junger Zielgruppen etwa festgestellt, dass viele zwar die „ZiB“ auf Tiktok kennen und wertschätzen, sie aber nicht der Marke ORF zuordnen können. „Wir müssen viel stärker auf das Publikum zugehen“, schlussfolgerte sie daraus. Auch Schell registrierte, dass das Bewusstsein für die Quelle von Nachrichten teilweise schwinde.

Plattformen nutzen, nicht bekämpfen

Die Rezeption von Nachrichten über so manche große internationale Plattform steigt laut „Digital News Report“. Nur wie gefährlich ist es für heimische Medienhäuser, sich von diesen abhängig zu machen? „Ich glaube, der Zug ist abgefahren. Wir können diese Plattformen nicht anderen und deren kruden Thesen überlassen“, so Thurnher. Dafür sei dieser Verbreitungsweg zu mächtig. Dort nicht vertreten zu sein, wäre ein „fataler Fehler“. Schell konstatierte, dass Medienhäuser in den vergangenen Jahren viel an Know-how im Umgang mit den Plattformen gewonnen hätten.

Erfreulich aus Sicht der Medienunternehmen ist, dass der Trend dazu, für Online-Nachrichten zu zahlen, sich weiter fortsetzt. Aber auch schnell genug?, wollte der Moderator der Diskussion, ORF-Journalist Reiner Reitsamer, wissen. „Es geht sehr langsam, aber es ist toll, dass sie überhaupt steigt“, sagte Schell. In Österreich gebe es einige Vorzeigemedien, die mittlerweile kreative Lösungswege entwickelt hätten, um dem Unwillen vieler Personen zu begegnen, für Nachrichten im digitalen Raum zu zahlen. Kaum noch ein Medium existiere ohne Bezahlschranke in der einen oder anderen Form. Um die Zahlungsbereitschaft zu steigern, empfehle es sich, das Gefühl von Heimat, das viele bei der Lektüre ihrer Stammzeitung empfänden, ins Digitale zu transferieren. (APA/red)