Studie zeigt Entscheidungskriterien bei der Berufswahl von Männern und Frauen

27. Juni 2022 Drucken
Studie zeigt Entscheidungskriterien bei der Berufswahl von Männern und Frauen
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Frauen orientieren sich stärker an harten Fakten als männliche Jobsuchende und Flexibilität ist das wichtigste Asset bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Das sind Ergebnisse der Studie „Zukunft der Arbeit 2.0“ von Leitbetriebe Austria und zukunft.lehre.österreich.

Manche Klischees halten sich offenbar über Jahrzehnte – etwa die Behauptung „Frauen orientieren sich bei ihrer Berufswahl primär an Soft Facts, Männer entscheiden sich rational“. Doch dieses Vorurteil über unterschiedliche Zugänge von weiblichen und männlichen Arbeitskräften zu ihren Karriereentscheidungen hält einem Faktencheck nicht stand, wie die Studie „Zukunft der Arbeit 2.0“ von Leitbetriebe Austria und zukunft.lehre.österreich. zeigt. Zwar gibt es tatsächlich durchaus erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern, doch entgegen der landläufigen Ansicht sind es die Frauen, die bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes systematischer und faktenorientierter vorgehen als Männer.

„Dieses Ergebnis war auch für uns eine Überraschung, aber genau dazu wurde unsere Studie ,Zukunft der Arbeit 2.0‘ gemacht: Vermeintliche Wahrheiten zu überprüfen, neue Erkenntnisse zu gewinnen und damit den Entscheidungsträger:innen in Leitbetrieben und anderen Unternehmen Grundlagen für richtige Weichenstellungen für die Zukunft zu liefern“, so Leitbetriebe Austria-Geschäftsführerin Monica Rintersbacher anlässlich der Präsentation der Studie, für die im Mai und im Juni 2022 1000 Online-Interviews mit in Österreich lebenden jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren durchgeführt wurden. „Die Studie entlarvt das Bild der emotional agierenden weiblichen und der rational entscheidenden männlichen Arbeitskräfte zumindest für die jüngere Generation als bloßes Klischee. Tatsächlich gehen Frauen im Durchschnitt aber systematischer vor. Sie setzen sich mir den Vor- und Nachteilen eines Jobangebots gründlicher auseinander, sie achten deutlich mehr auf das Gehalt sowie geldwerte Sozialleistungen und sie gewichten Flexibilitätsthemen – Arbeitszeiteinteilung, Möglichkeit für Home-Office, Viertagewoche – stärker. Männer hingegen achten mehr als Frauen auf weniger konkrete Kriterien wie das Unternehmensimage oder ob sie von einem Unternehmen aktiv angesprochen wurden. Offenbar ist ihnen diese Form von Wertschätzung, die aber keinen realen Vorteil bringt, wichtiger als das bei Frauen der Fall ist.“

Andreas Gnesda, Beiratsvorsitzender von Leitbetriebe Austria und Initiator der Studie weist aber auf einen Aspekt hin, bei dem Frauen noch Aufholpotenzial haben: „Das einzige objektiv wichtige Entscheidungskriterium, bei dem die Männer höhere Werte erzielen, ist die Frage nach Aufstiegschancen. Diesem Aspekt sollten Frauen tatsächlich größeres Augenmerk schenken.“

Bedeutung der Erwerbsarbeit im Wertesystem sinkt

Eine große Herausforderung für Unternehmen ist die generell gesunkene Bedeutung der Erwerbsarbeit im Wertesystem junger Menschen. Diese rangiert unter den wichtigen Lebensbereichen gerade noch auf Platz vier, nur knapp 77 Prozent der Befragten messen ihrem Beruf einen hohen Stellenwert bei. Familie, Hobbys / Freizeit und Freunde erreichen hingegen deutlich höhere Zustimmungsraten bis 87 Prozent. „Eine positive Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter:innen muss ein selbstverständliches Unternehmensziel sein, um qualifizierte und motivierte Arbeitskräfte zu finden und zu halten“, betont Gnesda.

Überraschend gering ist hingegen die Bedeutung von Nachhaltigkeit und Umweltschutz als Entscheidungskriterium für die Arbeitsplatzwahl. Mit nur 64 Prozent Nennungen als wichtig oder sehr wichtig liegt das Thema etwa um zehn Prozentpunkte hinter „Eigenes Aussehen / Attraktivität“. „Nachhaltigkeit ist zweifellos ein wichtiges Thema für jedes Unternehmen, aber als Entscheidungskriterium für die Arbeitsplatzwahl rangiert es unter ferner liefen“, so Gnesda. „Der Stellenwert von Familie / Partnerschaft, Hobby / Freizeit oder Freunden ist bei weitem höher als der von Nachhaltigkeit und Umweltschutz und die ohnehin starke Diskrepanz ist bei den über 19-jährigen noch viel größer als bei Jugendlichen, die noch nicht im Erwerbsleben stehen.“

Mehr Lust auf Jobwechsel als je zuvor

Besonders wichtig aber ist für Gnesda, dass gutes Mitarbeitermanagement nicht primär im Recruiting besteht: „Entscheidend ist es, Mitarbeiter:innen zu halten und motiviert zu halten. Seit Corona ist die Wechselbereitschaft dramatisch gestiegen. 20 Prozent aller Mitarbeiter:innen planen maximal zwei Jahre in ihrem Unternehmen zu bleiben, weitere 29 Prozent nur drei bis fünf Jahre. Unternehmen sind gefordert, ihre Mitarbeiter:innen zu überzeugen, dass sie genau hier am richtigen Platz sind. Gelingt das nicht, werden sie in einem inakzeptabel hohen Maß Mitarbeiter:innen genau dann verlieren, wenn sie richtig eingearbeitet sind und für ihren Arbeitgeber besonders wertvoll sind.“

Womit Mitarbeiter:innen zu halten sind, zeigt „Zukunft der Arbeit 2.0“ ebenfalls klar auf: Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten, Rücksichtnahme auf die Work-Life-Balance durch flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorganisation – Stichwort Home-Office – und erkennbare Wertschätzung. „Wir sind nach dem Fachkräftemangel bei allgemeinem Arbeitskräftemangel angelangt und ein nachhaltig erfolgreiches Unternehmen muss sich um seine Mitarbeiter:innen genauso sehr wir um Kunden bemühen. Kaum ein Arbeitnehmer muss bleiben, weil er Sorge haben müsste, nichts anderes zu finden. Aber man kann Mitarbeiter:innen halten, wenn sie wissen, dass es nirgendwo besser sein könnte. Dann sind auch jahrzehntelange Karrieren im selben Unternehmen auch heute und in Zukunft möglich“, so Gnesda.

Lehre gewinnt an Bedeutung

Ein erfreulicher Trend zeigt sich beim Image der Lehre, das im Vergleich zu schulischen und akademischen Ausbildungen deutlich gewinnt. Während nur rund 55 Prozent die AHS-Matura für eine erfolgversprechende Ausbildung halten, sind es bei der Lehre stolze 67 Prozent und die Kombination von Lehre mit Matura halten sogar deutlich mehr Studienteilnehmer:innen (79,6 Prozent) für erfolgversprechend als Universitäts- oder Fachhochschulabschluss (75,7 bzw. 76,3 Prozent). Trotz dieser absolut positiven Bewertung glauben aber nur 43 Prozent, dass nicht nur sie, sondern auch die Gesellschaft insgesamt die Lehre positiv wahrnimmt.

„Die Studienergebnisse legen nahe, was wir schon lange vermutet haben: Persönlich finden die Österreicher:innen die Lehre über weite Strecken gut, doch der Gedanke ‚Was werden bloß die Nachbarn sagen?‘ hält sie davon ab, selbst eine Lehre zu machen oder ihren Kindern einen Lehrberuf nahezulegen. Wir müssen weiter daran arbeiten, die persönliche Wertschätzung der Lehre zur Gesellschaftsmeinung zu machen. Das ist unsere Chance, den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen und Jugendlichen mehr Karrierewege aufzuzeigen“, kommentiert Mario Derntl, Geschäftsführer der branchenübergreifenden Lehrlingsinitiative zukunft.lehre.österreich., die Detailergebnisse.