EU-Staaten in Osteuropa dürften Kriegsfolgen und Inflation laut WIIW-Prognose gut wegstecken

27. Juli 2022 Drucken
EU-Staaten in Osteuropa dürften Kriegsfolgen und Inflation laut WIIW-Prognose gut wegstecken
© AdobeStock/Kurt Kleemann

Die ökonomischen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs treffen die Volkswirtschaften der Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas (CESEE) laut einer aktuellen Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) unterschiedlich stark. Während die EU-Mitglieder der Region die Effekte verhältnismäßig gut wegstecken und eine Rezession vermeiden dürften, erwarten die Experten für die Ukraine, Russland, Belarus und Moldau starke Einbrüche.

Für die EU-Mitglieder im CESEE-Raum erwarten die Experten trotz hoher Inflation, Energiekrise und Lieferkettenproblemen dank des soliden privaten Konsums in diesen Ländern heuer im Schnitt ein Wachstum von 3,3 Prozent. Das stärkste Wachstum von 4,5 Prozent prognostiziert das WIIW heuer für Slowenien, gefolgt von Polen (plus 4,2 Prozent) und Serbien (plus 3,6 Prozent). Ein deutliches Plus von 3,3 Prozent sehen die WIIW-Experten für Kroatien, das mit Jahresbeginn 2023 den Euro einführen will. Die Inflation in den osteuropäischen EU-Ländern dürfte laut WIIW-Prognosen mit durchschnittlich rund 11 Prozent weiter hoch liegen, ab dem nächsten Jahr sei hier aber eine Besserung zu erwarten.

Russland steckt Sanktionen heuer besser weg als erwartet

Russland leidet zwar merklich unter den Sanktionen des Westens, dürfte diese aber bisher besser verkraftet haben als ursprünglich erwartet. Die WIIW-Ökonomen erwarten für das Land heuer nur mehr eine Rezession von 7,0 Prozent, nachdem sie im Frühjahr noch von einem Wirtschaftseinbruch von 9,0 Prozent ausgegangen waren. Für 2023 prognostizieren sie ein BIP-Minus von 3,0 Prozent und für 2024 sogar ein kleines Wachstum von 1,0 Prozent. Auch Russland selbst sieht den zu erwartenden Wirtschaftseinbruch nicht mehr so dramatisch wie noch zuletzt.

So hat Russlands Notenbank zuletzt von ersten Hinweisen einer Stabilisierung nach dem ersten Einbruch in Folge der Sanktionen berichtet. Die Krise entwickle sich weniger schlimm als ursprünglich befürchtet, sagte der Direktor für Geldpolitik der Notenbank Kirill Tremasow. Auch ein Berater des russischen Präsidenten Waldimir Putin hatte im Mai nur mehr ein glimpfliches Minus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von maximal 5 Prozent in Aussicht gestellt, nachdem das russische Wirtschaftsministerium wenige Wochen davor noch einen Einbruch von über 12 Prozent prognostiziert hatte.

Zuletzt veröffentlichte Zahlen untermauern dieses Bild. So legte der von S&P Global ermittelte Einkaufsmanagerindex für Russland im Juni erstmals wieder zu und stieg um 3,2 auf 51,7 Punkte. Damit liegt das Wirtschaftsbarometer erstmals seit Februar wieder über 50 Punkten und signalisiert damit Wachstum. Das russische Finanzministerium hat zuletzt für das Land einen Budgetüberschuss im Wert von 1,374 Billionen Rubel oder umgerechnet rund 23 Mrd. Euro im ersten Halbjahr vermeldet.

Hohe Energiepreise haben Russland zuletzt geholfen

Hintergrund sind die hohen Gas- und Ölpreise. Das von der EU beschlossene Ölembargo hat den Ölpreisanstieg verstärkt, wovon Russland noch zusätzlich profitiert, schreiben die WIIW-Experten. Wegen der Preissteigerungen sind Russlands Exporte in die EU im Zeitraum von Jänner bis Mai laut Eurostat massiv um 96 Prozent auf 101,9 Mrd. Euro gestiegen. Die EU ist laut einer Studie des Centre for Research on Energy and Clean Air in Helsinki mit einem Anteil von 51 Prozent immer noch der größte Abnehmer der russischen Ölexporte.

Unterm Strich liegt Russland mit seinen Einnahmen aus den Öl- und Gasverkäufen damit sogar deutlich über Plan: Im ersten Halbjahr verkaufte Russland laut Angaben seines Finanzministeriums Öl und Gas im Wert von mehr als 100 Mrd. Euro und hat damit 66 Prozent der für das Gesamtjahr geplanten Einnahmen schon erreicht. Nicht umsonst machten sich die USA zuletzt international für einen Preisdeckel für russisches Öl stark. US-Finanzministerin Janet Yellen forderte zuletzt eine Preisobergrenze, die Russland gerade noch einen Anreiz liefert Öl zu exportieren, aber keine Gewinne für die Kriegskasse zulässt.

WIIW erwartet für Russland „Schock auf Raten“

Auf längere Sicht dürften die Sanktionen gegen Russland aber trotz des Energiepreisbooms einen merklichen Schaden hinterlassen. Das WIIW erwartet einen „ökonomischen Schock auf Raten“. Der Einbruch wurde zwar vorerst gebremst, der volle Effekt der Sanktionen dürfte aber erst allmählich schlagend werden, erwartet der WIIW-Ökonom Vasily Astrov.

Deutlich leiden dürfte Russland unter dem erschwerten Import vieler westlicher Waren und Industriegüter. Die Produktionsausfälle in der Industrie aufgrund fehlender westlicher Komponenten sind laut WIIW jetzt schon dramatisch. „Dort, wo das noch nicht der Fall ist, ist es nur eine Frage der Zeit, da sich die Lagerbestände in rasendem Tempo leeren“, so Astrov.

Insbesondere westliche Technologie, wie etwa Flugzeugteile, ließen sich nicht so einfach substituieren, erklärte der WIIW-Ökonom Mario Holzner bei einem Pressegespräch. Auch das EU-Ölembargo gegen Russland könnte schließlich 2023 die intendierten negativen Folgen haben. Holzner erwartet daher eine „sehr schmerzhafte Entwicklung für die russische Volkswirtschaft“.

Russlands Notenbank hat unterdessen zuletzt weiter die Zinsen heruntergefahren um die Wirtschaft zu stützen. Der russische Leitzins sank damit um 1,5 Prozentpunkte auf 8,0 Prozent, wie die Zentralbank des Landes am Freitag mitteilte. Es ist die fünfte Zinssenkung in Folge. Auf die Inflation muss die Notenbank dabei derzeit nicht so stark Rücksicht nehmen. Diese liegt zwar mit 15 Prozent weiter hoch, geht aber tendenziell zurück. Gedämpft wird die Inflation auch vom starken Rubel und der Konsumzurückhaltung der Bevölkerung, so die WIIW-Experten.

Ukraine dürfte sich nach schwerem Einbruch ab 2023 erholen

Verheerende Auswirkungen hat der Krieg naturgemäß auf die Ukraine. Das WIIW prognostiziert für das Land heuer einen Konjunktureinbruch von 38,0 Prozent. Mit der Anpassung an die neue Kriegsrealität sei zwar eine Erholung der Wirtschaftskapazität zu beobachten, die Kapazitätsauslastung liege aber dennoch 40 Prozent unter dem Niveau von vor Kriegsbeginn. Ein großes Problem sei zudem die Blockade der Schwarzmeerhäfen. „Sie verhindert den Export eines Großteils des ukrainischen Getreides, was die weltweiten Lebensmittelpreise weiter in die Höhe treiben wird“, so die WIIW-Ökonomin Olag Pindyuk.

Auf den Wirtschaftseinbruch in der Ukraine sollte aber ab dem kommenden Jahr eine rasche Erholung einsetzen. Das WIIW erwartet für die Ukraine ein BIP-Wachstum von 5,0 Prozent im Jahr 2023 und sogar von 13,0 Prozent im Jahr 2024. Westliche Investitionen könnten dabei in Form von Produktivitätssteigerungen helfen. Positive Auswirkungen und einen Schub für die Reformanstrengungen erwartet Pindyuk auch von dem der Ukraine gewährten EU-Beitrittskandidaten-Status. (APA FINANCE / ERSTE AM COMMUNICATIONS)

Erläuterungen zu Fachausdrücken finden Sie in unserem Fonds ABC: Fonds-ABC | Erste Asset Management.

Wichtige rechtliche Hinweise: Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.