Heimische Start-ups erhielten 2022 Rekordinvestitionen

12. August 2022 Drucken
Heimische Start-ups erhielten 2022 Rekordinvestitionen
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Trotz schwieriger Marktverhältnisse: Der Gesamtwert der Investitionen in österreichische Start-ups ist im ersten Halbjahr im Vergleich zum Rekordjahr 2021 nochmals um 67 Prozent gestiegen.

Nachdem 2021 weltweit alle Rekorde in Hinblick auf Start-up-Finanzierungen geknackt wurden, haben steigende Zinsen, wirtschaftliche Unsicherheiten, Inflation und eine drohende Rezession das Marktumfeld stark eingetrübt. Besonders betroffen davon sind börsennotierte Tech-Unternehmen sowie hoch bewertete Scale-ups oder Unicorns mit Fokus auf ein starkes, schnelles Wachstum. Weltweit haben Unicorns in den vergangenen Monaten aufgrund des schwierigen Marktumfelds für Finanzierungsrunden Mitarbeitende entlassen. Auch in Österreich stellen sich Start-ups auf wirtschaftlich schwierige Zeiten ein.

In den Zahlen für das erste Halbjahr 2022 lässt sich hingegen noch keine Eintrübung des Finanzierungsmarkts für österreichische Start-ups erkennen. Im Gegenteil: Österreichische Start-ups erhielten im ersten Halbjahr 2022 mehr frisches Kapital als je zuvor. Mit insgesamt 881 Millionen Euro wurde das Volumen des Vorjahreszeitraums um 67 Prozent überschritten. Österreichs Start-ups sammelten sogar noch mehr Kapital ein als im bisherigen Rekordzeitraum, dem zweiten Halbjahr 2021. Allerdings vereinigten die zwei großen Finanzierungsrunden von GoStudent mit 300 Millionen Euro sowie TTTech Auto mit 250 Millionen Euro 62 Prozent gesamten Investitionskapitals auf sich.

Der Anteil an österreichischen Geldgeber:innen in den Finanzierungsrunden ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen: An 79 Prozent der Finanzierungsrunden, bei denen Angaben zu den beteiligten Investorengruppen veröffentlicht wurden, waren heimische Investor:innen beteiligt – im ersten Halbjahr 2021 waren es 71 Prozent. 45 Prozent wurden sogar rein von heimischen Investor:innen getragen, 2021 waren es 44 Prozent. Dennoch stammen drei Viertel (73 %) der Gesamtfinanzierungssumme von rein international besetzten Investorengruppen. Auch hier zeigt sich eine stärkere Beteiligung von heimischen Geldgeber:innen als im Jahr davor, wo sogar 90 Prozent der Investmentsumme von nicht-österreichischen Investorengruppen bereitgestellt wurden. Das sind Ergebnisse des Start-up Investment Barometer der Beratungsorganisation EY in Zusammenarbeit mit der Austrian Angel Investors Association (AAIA) und der Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation (AVCO).

„In Österreich ist der Start-up-Höhenflug trotz des bereits stürmischen Umfelds auch im ersten Halbjahr 2022 weitergegangen. Noch nie wurde in einem Halbjahr so viel Kapital in Start-ups gesteckt wie heuer. Diese Zahlen dürfen aber nicht zu dem Trugschluss führen, dass der Boom des Rekordjahres 2021 in Österreich ungebremst weitergeht. Viele Finanzierungsrunden wurden bereits 2021 oder in den noch starken ersten Monaten 2022 auf den Weg gebracht und jetzt abgeschlossen. Gerade bei der Wachstumsfinanzierung, die in Österreich immer noch fast ausschließlich durch internationale Investorengruppen getätigt wird, wird sich die starke Zurückhaltung von Risikokapitalgeber:innen in den nächsten Monaten niederschlagen“, so Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich.

„Österreichische Start-ups stehen auf ihrem Wachstumskurs früher oder später vor der Situation, dass sie das für ihre Skalierung und Internationalisierung benötigte Kapital nur jenseits der Landesgrenzen lukrieren können. Gerade bei Finanzierungsrunden ab dem zweistelligen Millionenbereich ist die Abhängigkeit von Geldgeber:innen aus Übersee groß, da es in Österreich kaum Wachstumsfinanzierer:innen gibt“, führt Haas aus.

Österreichische Investor:innen geben Starthilfe, ausländische Geldgeber:innen finanzieren Wachstum

Bei frühphasigen Investmentrunden sind dementsprechend auch klar heimische Investorengruppen führend: In Pre Seed- (76 %) und Seed-Finanzierungsrunden (56 %), bei denen Angaben zu Investor:innen und der Art der Finanzierungsrunde bekannt sind, stellten sie jeweils die Mehrheit der Kapitalgeber:innen. Das ändert sich, sobald es von der Anschub- zur Wachstumsfinanzierung geht: Liegt der Anteil österreichischer Geldgeber:innen bei Series-A-Finanzierungsrunden noch zumindest bei 47 Prozent, sind es bei Series-B-Runden im ersten Halbjahr 2022 nur zehn Prozent. An den insgesamt sechs Series B-, Series C- und Corporate-Finanzierungsrunden, bei denen Angaben zu den Investor:innen vorliegen, hatte lediglich jede:r zehnte beteiligte Investor:in (Series B) bzw. kein:e Investor:in (Series D und Corporate Series) den Hauptsitz in Österreich.

„Während die Anschubfinanzierung in Österreich insbesondere über Business Angels nach wie vor funktioniert, stehen heimische Investor:innen bei großen Finanzierungsrunden oft nur an der Seitenlinie, während vor allem Venture Capital Fonds aus den USA und UK das Spiel gestalten und sich auf ihrer europäischen Shopping-Tour in Österreichs Top-Start-ups einkaufen. Nur eine nachhaltige Stärkung des heimischen Kapitalmarkts und dringend notwendige Anreize für Risikokapital-Investitionen von Privatpersonen und institutionellen Investor:innen können langfristig die Abwanderung von intellektuellem Kapital und den Verlust von Arbeitsplätzen verhindern“, ergänzt Haas.

Bei den Finanzierungsrunden mit einem Finanzierungsumfang von mehr als zehn Millionen Euro waren unter den 39 Investor:innen nur sieben Kapitalgeber mit Hauptsitz in Österreich (18 %). Lediglich bei kleineren Finanzierungsrunden im Umfang von bis zu einer Million Euro waren mehrheitlich österreichische Geldgeber beteiligt: So hatten hier immerhin 45 der 62 verzeichneten Investor:innen ihren Hauptsitz in Österreich (73 %).

Unter den 45 Investor:innen der zehn größten Finanzierungsrunden im ersten Halbjahr 2022 befinden sich 17 Kapitalgeber:innen mit Sitz im angelsächsischen Raum (Großbritannien, USA),17 Kapitalgeber:innen mit Sitz im europäischen Ausland, acht Investor:innen mit Sitz in Österreich und drei Investor:innen mit Sitz im Raum Asien-Pazifik. Die Hälfte der Top-10-Abschlüsse fand ohne Beteiligung österreichischer Kapitalgeber:innen statt, darunter die beiden Top-Deals für GoStudent und TTTech Auto.

Mehr als die Hälfte der Start-up-Investor:innen kommt aus Österreich

An den 67 veröffentlichten Finanzierungsrunden waren insgesamt 176 Investor:innen beteiligt. Immerhin 95 dieser namentlich bekannten Investor:innen (54 %) haben ihren Firmenhauptsitz in Österreich. Am zweithäufigsten waren Investor:innen mit Hauptsitz in Deutschland vertreten (28). Es folgen Investor:innen aus Großbritannien (14) vor Investor:innen aus den USA (13).

Am höchsten war im ersten Halbjahr 2022 der Anteil an Inlandsinvestoren im Bereich Media & Entertainment: Bei den vier Abschlüssen lag der Anteil an österreichischen Kapitalgeber:innen bei 88 Prozent. Zudem waren an allen vier Deals österreichische Investor:innen beteiligt. Im Bereich Software & Analytics, der SaaS, Artificial Intelligence, Virtual Reality, Blockchain, Cloud, Cyber Security sowie Data Analytics umfasst, kommen 69 Prozent der an den 20 Runden beteiligten Investor:innen aus Österreich – damit waren bei 90 Prozent der Finanzierungsrunden in diesem Bereich heimische Geldgeber:innen beteiligt. Am niedrigsten war im ersten Halbjahr 2022 der Anteil der Inlandsinvestor:innen im Bereich Mobility: Hier hatten nur 36 Prozent der beteiligten Investor:innen ihren Firmenhauptsitz in Österreich. Allerdings waren an drei der fünf Abschlüsse Kapitalgeber:innen aus dem Inland beteiligt.