ESG Investments – steht „S“ für Sexy?

29. August 2022 Drucken
ESG Investments – steht „S“ für Sexy?
© AdobeStock/smspsy

Menschenrechte, Kinderarbeit, Waffenproduktion, … – die Palette an sozialen Themen im ESG-Universum ist lang. Neben ökologischen und Governance-Aspekten werden auch soziale Aspekte immer wichtiger wenn es um nachhaltige Geldanlagen geht.

Sollten nachhaltige Investments in Zeiten des Klimawandels ausschließlich auf Umweltthemen (E für Environment) setzen und da vielleicht nur auf (CO2-)Emissionen wie es ein Artikel im Economist jüngst vorschlug? Welche Rolle spielen soziale Aspekte bei der Unternehmensanalyse abseits von ethischen Überlegungen?

Stellen Sie sich vor, Sie spielen zum ersten Mal in Ihrem Leben das Kartenspiel Tarock. So viele Regeln, es macht keinen Spaß – noch dazu gegen Personen, die bereits jahrelang Erfahrung haben und nicht einzuholen scheinen. Sie haben defacto zwei Möglichkeiten: viel Zeit investieren und Rat einholen, um dieses Kartenspiel selbst zu beherrschen. Oder sich nicht länger damit auseinandersetzen und hoffen, dass es bis auf eine kleine Community ohnehin niemanden interessiert. Warum auch, ist doch ein völlig unnützes Kartenspiel, das nur eigenartige Menschen spielen. Ähnliche Erfahrungen dürfte mancher eins machen, der relativ neu beim Thema ESG ist.

Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt

Aufgrund dieser Komplexität, die mit ESG-Investments verbunden ist, kann der Wunsch entstehen, die Dinge möglichst zu reduzieren und standardisieren. So wie Pipi Langstrumpf ihre eigenen Rechenformeln aufgesetzt hat, soll bitte ESG ab sofort nur noch Emissionen berücksichtigen. Dann können wir uns auf das Wesentliche fokussieren und die Menschheit ist vor dem Klimawandel gerettet. Doch macht es tatsächlich Sinn eine einzige Kennzahl über sämtliche Branchen anzuwenden?

Weil nicht alle gleich sind – das Konzept der finanziellen Materialität

Wenn Sie mit erfahrenen Tarockkartenspielern reden, werden sie feststellen, dass diese sich freuen ihr Wissen zu teilen, um neue Mitspieler zu bekommen. Genauso verhält es sich mit ESG-Analysten, weshalb in weiterer Folge die finanzielle Materialität erklärt sei: Aus ESG-Investorensicht ist bedeutend, wie sich die (verändernde) Umwelt auf das jeweilige Unternehmen auswirkt. Habe ich ein Unternehmen aus dem Energiesektor, das hohe CO2-Ausstöße generiert, muss ich mich fragen, wie sich zukünftige Regularien zur Einhaltung der Pariser Klimaziele auf dieses Unternehmen auswirken werden. Ist das Unternehmen hingegen aus dem Bankensektor, wird mich aus finanzieller Sicht nicht der CO2-Ausstoß belasten, sondern die ausstehenden Kredite gegenüber Unternehmen aus dem fossilen Energiesektor. Dieses Konzept nennt man finanzielle Materialität – es gilt herauszufinden, welche ESG-Faktoren für den jeweiligen Sektor relevant sind und diese Erkenntnis in die Investmententscheidung einfließen zu lassen.

Stellen Sie sich vor es gibt eine Verknappung am Arbeitsmarkt

Viel Vorstellungskraft ist hierfür nicht erforderlich – die aktuelle Situation in den USA, auch „the great resignation“ genannt, ist damit schon recht gut beschrieben. Denken Sie, dass Unternehmen, die eine geringe Fluktuation haben und zugleich attraktiv für Talente sind, in dieser Phase einen unternehmerischen Vorteil haben? Falls ja, werden Sie auch abseits von ethischen Überlegungen, diese sozialen Faktoren in Ihrer Unternehmensanalyse einbeziehen. Zugegeben, es gibt Sektoren, wo der Bedarf an innovativen Köpfen und der Wettbewerb um ebendiese größer als in anderen Bereichen ist. Dennoch sind in unserer qualitativen ESG-Analyse soziale Faktoren ein Fixbestand, weil sie neben der Attraktivität des Arbeitgebers auch Auskunft über die Qualität der Produktion geben.

ESG ist vielschichtig, wie das echte Leben

Investitionen, die Kinderarbeit in Zulieferketten zulassen, Menschrechte missachten, in Waffenproduzenten investieren und bei Zwangsarbeit beide Augen zudrücken, sind aus unserer Sicht keine nachhaltigen Investments. Deshalb haben wir als Erste AM für alle unsere nachhaltigen Fonds festgelegt, dass unabhängig von der Ausrichtung dieser Fonds, diese sozialen Mindeststandards eingehalten werden müssen. Wir hoffen sehr, dass unser Zugang spätestens durch die soziale Taxonomie, die derzeit von der Europäischen Kommission ausgearbeitet wird, zum Standard nachhaltiger Investitionen wird. Es ist davon auszugehen, dass die Attraktivität von Unternehmen, die diese Vorgaben schon jetzt erfüllen, weiter steigen wird.

Aus diesem Grund haben wir das „S“ aus ESG zum übergreifenden Thema unseres ESGenius Letter Dossiers gemacht und wünschen Ihnen eine anregende Sommer-Lektüre.

Der Autor Walter Hatak ist Head of Responsible Investments bei Erste Asset Management.

Erläuterungen zu Fachausdrücken finden Sie in unserem Fonds ABCFonds-ABC | Erste Asset Management.

Wichtige rechtliche Hinweise: Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.