Physik-Nobelpreis geht an Quantenphysiker Anton Zeilinger

04. Oktober 2022 Drucken
Physik-Nobelpreis geht an Quantenphysiker Anton Zeilinger
@ APA/Robert Jäger

Der diesjährige Nobelpreis für Physik geht an den österreichischen Quantenphysiker Anton Zeilinger (77). Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Dienstag in Stockholm bekannt.

Anton Zeilinger wird gemeinsam mit dem französischen Physiker Alain Aspect und dem US-Physiker John F. Clauser unter anderem für Experimente mit verschränkten Photonen geehrt. Die Auszeichnung ist heuer so wie im Vorjahr mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (knapp 920.000 Euro) dotiert.

Die Auszeichnung ergeht an die Preisträger unter anderem für Pionierarbeiten in der Quanteninformation. Die drei Physiker hätten den von Albert Einstein als „spukhafte Fernwirkung“ abgetanen quantenphysikalischen Zustand, bei dem zwei verschränkte Teilchen wie von Zauberhand miteinander verbunden bleiben und ihre physikalischen Eigenschaften teilen, „aus der Theorie in die Praxis gebracht“, heißt es seitens des Komitees.

Alain Aspect, John Clauser und Anton Zeilinger hätten in ihren „bahnbrechenden Experimenten mit verschränkten Quantenzuständen“, wie es das Nobelpreis-Komitee ausdrückte, allerdings viele praktische Fragen um das rätselhafte Phänomen der Verschränkung Stück für Stück beantwortet. Damit haben sie „den Weg für neue Technologien auf der Grundlage von Quanteninformationen geebnet“ und wichtige Grundlagen für das heute florierende Forschungsgebiet rund um „Quantencomputer, Quantennetzwerke und sichere quantenverschlüsselte Kommunikation“ geschaffen.

Große Überraschung für Anton Zeilinger

Er sei „sehr überrascht“ von dem Anruf gewesen, sagte Zeilinger in einer ersten Reaktion im Rahmen der Pressekonferenz in Stockholm. Der Begriff der „Teleportation“, mit dem Zeilinger oft verbunden wird, sei aber weit ab von dem bekannten Science Fiction-Trick aus „Raumschiff Enterprise“. Der am 20. Mai 1945 in Ried im Innkreis (OÖ) geborene Physiker gilt als Pionier der Übertragung von Quanteninformation zwischen Photonen. In diesem Bereich hat er in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Durchbrüche erzielt und Übertragungsrekorde aufgestellt. Diese Art der Informationsweitergabe sei zum Beispiel „fundamental wichtig zum Informationstransport in Quantencomputern“, sagte Zeilinger.

Er sei immer von Quantenmechanik fasziniert gewesen – „vom ersten Moment, an dem ich davon gehört habe“. Zeilinger würdigte am Dienstag auch seinen Doktorvater Helmut Rauch als „Pionier in Quantenphysik“, der ihm ermöglicht habe, seine Forschungen in Wien voranzutreiben. Damals sei vieles in dem Feld noch „komplett philosophisch“ gewesen. Zeilinger und seine Mit-Laureaten haben das verändert. Mittlerweile gebe es in dem Feld technologische Anwendungen, aber viele Grundfragen in der Quantenphysik seien weiter unbeantwortet.

Nobelpreiskomitee störte Zeilinger bei der Arbeit

Er habe gerade bei ihm zu Hause an einer Publikation gearbeitet, als am Dienstag um 11.00 Uhr der Anruf des Nobelpreiskomitees kam, erklärte der Quantenphysiker und frischgebackene Nobelpreisträger Anton Zeilinger gegenüber der APA. Seine Sekretärin habe ihn verbunden und gemeint, dass jemand dran sei, der nicht sagen wolle, wer er ist, aber sie erkenne, dass die Nummer aus Schweden sei. Die Zuerkennung sei eine „großartige Anerkennung“, sagte er in einer ersten Reaktion.

Er habe noch nicht einmal Zeit gehabt, mit seiner Frau anzustoßen, nachdem er live zur Bekanntgabe der Preisträger in Stockholm zugeschalten war und seither auch andauernd das Telefon läute. Am Nachmittag wird Zeilinger gemeinsam mit seinen Kollegen an der Fakultät der Universität Wien und dem Institut für Quanteninformation und Quantenoptik (IQOQI) auf die Zuerkennung des Nobelpreises anstoßen und sich der Presse stellen. An der Uni Wien ist er emeritierter Professor, am IQOQI hat er weiterhin eine Forschungsgruppe.

Dass er gemeinsam mit seinen Kollegen John Clauser und Alain Aspect den Nobelpreis erhält, ist für Zeilinger völlig logisch. Er verweist auf die Verleihung des Wolf-Preises, den die drei Physiker 2010 für ihre Arbeiten zur quantenphysikalischen Verschränkung erhalten haben, die heute „fundamentale Grundsteine für viele moderne Quanteninformationstechnologien sind, die weltweit intensiv erforscht werden“, wie es damals hieß.

Er sehe den Preis auch als „Ermutigung für junge Menschen“, sagte Zeilinger, und riet ihnen: „Denkt nicht zu viel an künftige Anwendungen.“ Ohne die vielen Mitarbeiter hätte man den Weg in Richtung Anwendung nicht beschreiten können. Was man in den nächsten 20 Jahren sowohl im Feld der Grundlagen der Quantenphysik und als auch bezüglich Anwendungen sehen wird, sei „absolut offen“, sagte Zeilinger, der am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, zusammen mit Aspect und Clauser in Stockholm den Preis entgegennehmen wird.

Helle Freude in Österreich über Zeilinger-Triumph

Die Auszeichnung des österreichischen Quantenphysikers Anton Zeilinger mit dem Physik-Nobelpreis hat bei Vertretern von Wissenschaft und Politik für helle Freude gesorgt. Einig waren sich die Gratulantinnen und Gratulanten darin, dass die herausragende Karriere des 77-Jährigen zurecht gekrönt wurde. Auch sei sie ein tolles Zeichen für den österreichischen Wissenschafts- und Forschungsstandort.

Zu den ersten Gratulanten gehörte Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der via Twitter seiner Freude Ausdruck verlieh: „Diese Auszeichnung gilt einem Pionier der Quantenphysik, einem großen Wissenschaftskommunikator, einem Forscher, wie er im Buche steht. Ich gratuliere Prof. Zeilinger von Herzen und danke ihm für sein Engagement als Wissenschaftsmanager.“ Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) gratulierte Zeilinger ebenfalls: „Ich habe allergrößten Respekt vor seiner wissenschaftlichen Expertise, die mit der Verleihung dieser renommierten Auszeichnung einmal mehr international gewürdigt wird. Das ist nicht nur eine große Ehre für ihn selbst, sondern auch für unser Land.“ Und Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) beschied: „Auch wenn er sich mit dem Zufall beschäftigt, so ist diese großartige Auszeichnung keineswegs einer: Herzlichen Glückwunsch!“

Auch von seiner langjährigen Wirkungsstätte, der Universität Wien, kamen am Dienstag die herzlichsten Glückwünsche: „Dass in Österreich insgesamt eine blühende Landschaft für die Quantenforschung besteht, ist auch ein großes Verdienst von Anton Zeilinger. Mit seiner wissenschaftlichen Neugierde und Energie ist er eine Inspiration für alle Fakultätsmitglieder“, so Physik-Dekan Robin Golser. „Diese höchste wissenschaftliche Auszeichnung ist der beste Beweis, dass wir Spitzenforschung auf internationalem Niveau betreiben“, betonte indes Rektor Sebastian Schütze in einer Aussendung. TU-Rektorin Sabine Seidler gratulierte als Präsidentin der Österreichischen Universitätenkonferenz (uniko) ebenfalls: „Die Verleihung des Physiknobelpreises an Anton Zeilinger ist nicht nur die Würdigung eines herausragenden persönlichen Verdienstes, sie zeigt auch, dass Österreichs Forschung in einigen Bereichen zu den Besten der Welt gehört.“

Wissenschafts- und Forschungsminister Martin Polaschek (ÖVP) gratulierte Zeilinger zu einer „unglaublichen Leistung“: „Als Wissenschaftsminister bin ich stolz, dass ein Österreicher diese große Auszeichnung verliehen bekommt. Anton Zeilinger ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet und ein Aushängeschild für den österreichischen Wissenschafts- und Forschungsstandort.“

Auch Gratulationen an Aspect und Clauser

Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), bezeichnete die Auszeichnung Zeilingers als „Sensation und hochverdient“. Zeilinger, der einst selbst als ÖAW-Präsident tätig war, habe bahnbrechende Ergebnisse in seinem Forschungsbereich erzielt. „Das Forschungsland Österreich hat wieder an die internationale Spitze aufgeschlossen. Dieser Weg darf jetzt nicht verlassen werden“, so Faßmann. Gratulationen richtete er auch an ÖAW-Mitglied Alain Aspect, der gemeinsam mit Zeilinger und John F. Clauser den Physik-Nobelpreis erhielt.

„Der Preis krönt eine herausragend wissenschaftliche Karriere und ist ein tolles Zeichen für den Erfolg österreichischer Grundlagenforschung auf höchstem internationalem Niveau“, hielt Christof Gattringer, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, fest. Der Fonds, der Zeilingers Forschungsprojekte seit Jahrzehnten unterstützt, nützte die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie wichtig eine gut aufgestellte Förderung der Grundlagenforschung sei, um mit der Weltspitze mithalten zu können.

Auch die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) verlieh ihrer Freude Ausdruck. „Wir sind dankbar für die vielen Jahre der Zusammenarbeit mit dem österreichischen Wissenschafter“, so die FFG-Geschäftsführer Henrietta Egerth und Klaus Pseiner in einer Aussendung: „Wir freuen uns auf eine durch den Nobelpreis nochmals befeuerte Zukunft für die Quantentechnologie, und auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit dem Neo-Preisträger.“

Und auch Kardinal Christoph Schönborn gab seiner Freude über die Ehrung des langjährigen Gesprächspartners Ausdruck. Der Kardinal würdigte den Neopreisträger als „transzendenzoffenen Naturwissenschaftler und Gesprächspartner von Weltrang“. Für ihn gehöre Zeilinger „zu jenen Naturwissenschaftern, die ihre Wissenschaft nicht als Grund sehen, die Transzendenz auszuschließen“, so Schönborn gegenüber der Kathpress. Stattdessen habe dieser es stets als eine der zentralen Zukunftsaufgaben gesehen, eine Synthese der Bereiche Glaube und Wissenschaft zu finden. (APA/red)