Inflation in Europa dürfte ihren Höhepunkt überschritten haben

14. Juni 2023 Drucken
Inflation in Europa dürfte ihren Höhepunkt überschritten haben
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Die Inflation in Europa hat sich zuletzt überraschend deutlich abgeschwächt und könnte ihren Höhepunkt bereits überschritten haben. Vor allem der Rückgang der Energiepreise dämpfte die Teuerung zuletzt. Wie es um die Inflation in den einzelnen EU-Ländern steht, erfahren Sie im Blogbeitrag.

Die zuletzt kräftig angestiegene Inflation in Europa könnte ihren Höhepunkt überschritten haben. Zuletzt meldete das Statistikamt Eurostat für Mai eine überraschend deutliche Abschwächung der Inflation. Die Verbraucherpreise legten im vergangenen Monat laut einer ersten Schätzung im Vergleich zum Vorjahr nur mehr um 6,1 Prozent zu. Im April hatte die Inflation noch bei 7,0 Prozent gelegen.

Im Ländervergleich liegt die Inflation innerhalb der Eurozone vor allem in den baltischen Staaten besonders hoch und im zweistelligen Bereich. Verhältnismäßig niedrige Inflationsraten gibt es etwa in Belgien (2,7 Prozent) und Spanien (plus 2,9 Prozent).

Rückgang der Energiepreise dämpft Inflation

Gedämpft wurde die Eurozonen-Inflation vor allem von einem Rückgang der Energiepreise, die im Mai um 1,7 Prozent zurückgingen – nach einem Anstieg von 2,4 Prozent im April. Davor hatten die mit dem Ukraine-Krieg stark verteuerten Importpreise von Erdgas die Inflation noch angeheizt.

Die Preise für Lebensmittel, Alkohol und Tabak legten hingegen weiter zu, wenn auch weniger stark als zuletzt. Im Mai lag der Preisanstieg hier bei 12,5 Prozent nach 13,5 Prozent im April. Die Kernrate der Inflation, bei der die schwankungsanfälligen Lebensmittel- und Energiepreise ausgeklammert sind, ging auf 5,3 Prozent zurück nach 5,6 Prozent im Mai.

Auch die Inflationserwartungen der Verbraucher sind mittlerweile zurückgegangen. Laut einer EZB-Umfrage rechnen Konsumenten in der Eurozone damit, dass die Teuerung binnen 3 Jahren bei 2,5 Prozent liegen wird.

Hinweis: Die Entwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Britische Inflation erstmals seit Monaten wieder einstellig

Abseits von EU und Eurozone zeigt sich ein ähnliches Bild. Die britische Inflationsrate ist im April auf 8,7 Prozent gefallen und liegt damit auf dem niedrigsten Stand seit März 2022. Davor hatte Großbritannien als einziges westeuropäisches Land eine zweistellige Inflationsrate ausgewiesen, im Herbst lag die Inflationsrate mit 11,1 Prozent auf dem höchsten Stand seit vier Jahrzehnten. Nun liegt sie erstmals seit sieben Monaten wieder im einstelligen Bereich.

Während die Briten weiter unter hohen Nahrungsmittelpreisen leiden, haben sich auch hier die deutlich günstigeren Kosten für Strom und Gas positiv niedergeschlagen. In der Schweiz, die ohnedies von starken Inflationsschüben vergleichsweise verschont blieb, ging die Inflationsrate im April auf 2,6 Prozent nach 2,9 Prozent im März zurück.

Damit könnte auch der Druck auf die Notenbanken sinken, sich mit Zinserhöhungen gegen die hohe Inflation zu stemmen. Die EZB hatte davor mit einer Serie von Zinserhöhungen gegen die Preissteigerungen angekämpft – die vor allem von hohen Energie- und Lebensmittelpreisen geschürt wurden. Nach mehreren Jahren mit Null- und Negativzinsen hat die Notenbank seit Juli 2022 ihren Schlüsselzins in einem beispiellosen Tempo in insgesamt sieben Zinsschritten auf mittlerweile 3,75 Prozent erhöht. Die Bank of England hatte zuletzt ihren Leitzinssatz zum zwölften Mal in Serie auf mittlerweile 4,5 Prozent angehoben.

Zahlen machen Hoffnung auf Zinserhöhungsende, aber noch keine Entwarnung von Notenbanken

Die sinkenden Inflationsraten machen Hoffnung auf ein kommendes Ende der Zinserhöhungen, Entwarnung wollen die Notenbanken aber noch nicht geben. Das offizielle Inflationsziel von 2,0 Prozent der EZB und der Bank of England ist noch nicht erreicht. „Ein großer Teil der Reise ist geschafft, aber es gibt immer noch das letzte Stück“, sagte der EZB-Vize-Präsident Luis de Guindos.

Auch das EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sieht noch kein Ende der Zinserhöhungen im Kampf gegen die Teuerung. „Wir müssen überzeugende Beweise dafür sehen, dass die Inflation nachhaltig und zeitnah zu unserem Zwei-Prozent-Ziel zurückkehrt. An diesem Punkt sind wir noch nicht angelangt“, sagte Schnabel der belgischen Tageszeitung „De Tijd“ in einem Ende Mai geführten Interview.

Mit Spannung erwartet wird daher, ob Europas Notenbanken bei ihren anstehenden Zinsentscheidungen am Erhöhungskurs festhalten. Am kommenden Donnerstag, dem 15. Juni, steht die nächste Zinsentscheidung der EZB an. Die Bank of England und die Schweizerische Nationalbank (SNB) entscheiden am 22. Juni über ihre Zinsen.

Rückkehr zur Normalität nach Jahren der Niedrigzinsen

Doch selbst wenn die Notenbanken ihre Zinsen erhöhen, könnten die Reaktionen der Finanzmärkte gelassener ausfallen als früher, glauben einige Finanzexperten. Die Börsen könnten Zinserhöhungen sogar als Zeichen des Vertrauens der Notenbank in die Widerstandskraft der Konjunktur und als Rückkehr zur Normalität werten.

Einige Ökonomen sehen die vergangenen 15 Jahre der extrem niedrigen Inflations- und Zinssätze als Anomalie. Auch wenn die Inflationsraten zurückgehen und die Zinserhöhungspfade ein Ende finden, werden die Niveaus dieser Ausnahmephase möglicherweise nicht mehr erreicht. Dafür spricht in den Augen vieler Experten auch der Kampf gegen den Klimawandel und die Dekarbonisierung.

„Der ökologische Umbau der Volkswirtschaften bedarf großer Investitionen, die die Kosten und damit die Inflation mittelfristig treiben“, sagte der in Princeton lehrende Ökonom Markus Brunnermeier kürzlich in einem Interview dem Handelsblatt. Auch die EZB-Direktorin Isabel Schnabel hatte schon vor Monaten davor gewarnt, dass Investitionen in eine klimafreundliche Politik dauerhafte Auswirkungen auf das Preisniveau haben könnten. (APA FINANCE / ERSTE AM COMMUNICATIONS)

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