Rezession: Wahrscheinlichkeit in Deutschland bei 74 Prozent

19. September 2023 Drucken
Rezession: Wahrscheinlichkeit in Deutschland bei 74 Prozent
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Die ohnehin große Rezessionsgefahr in Deutschland hat sich einer Studie zufolge nochmals verstärkt. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist im Zeitraum September bis November auf 74 Prozent gestiegen.

Das teilte das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) mit. Anfang August betrug sie für die folgenden drei Monate noch 71,5 Prozent. Der nach dem Ampelsystem arbeitende Indikator – der Daten zu den wichtigsten wirtschaftlichen Kenngrößen bündelt – steht damit weiter auf „rot“, was eine akute Gefahr einer Rezession signalisiert. „Der deutschen Konjunktur fehlt es weiter an Wachstumsimpulsen“, sagte IMK-Experte Peter Hohlfeld. „Aus fast allen Richtungen kommen nach wie vor Gegenwinde.“

Dass die Gefahr einer Rezession nicht zurückgeht, deutet dem Institut zufolge darauf hin, dass sich die erwartete konsumgestützte Erholung verzögert und wahrscheinlich erst mit Jahresende beginnt. Zwar konnten die Lohnzuwächse im zweiten Quartal 2023 erstmals seit mehr als einem Jahr die Kaufkraftverluste durch die Inflation ausgleichen. Da der Preisauftrieb aber nur langsam nachlasse, bleibe der Reallohnzuwachs verhalten. Eine durchgreifende Erholung des privaten Verbrauchs komme daher noch nicht in Gang, so das IMK.

Gleichzeitig leide die Produktion in den energieintensiven Industrien unter anhaltend hohen Energiepreisen, sagte Hohlfeld. Die Lage im Baugewerbe dürfte sich nach der weiteren Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) und zunehmender Finanzierungskosten der Bauträger weiter verschärfen.

Auftragspolster in Industrie wird dünner

Der Auftragspolster der deutschen Industrie schmilzt – vor allem in der Autobranche. Der Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe sank im Juli um 1,0 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Während die offenen Aufträge aus dem Inland um 0,8 Prozent abnahmen, sanken die aus dem Ausland um 1,0 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahresmonat nahm der Polster um insgesamt 3,9 Prozent ab. „Die fallenden Neuaufträge haben den Rückgang vorgezeichnet“, kommentierte der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG, Alexander Krüger, die Entwicklung. „Ein sinkender Auftragsbestand legt auf Dauer einen Schatten auch auf die Investitionstätigkeit.“

Der Rückgang im Vormonatsvergleich „kam insbesondere durch die negative Entwicklung der Auftragsbestände in der Automobilindustrie zustande“, wie die Statistiker betonten. Diese sanken um 2,1 Prozent. Die Branche kämpfte lange Zeit mit Materialengpässen, etwa bei Halbleitern. Mit der besseren Versorgung können Bestellungen nun schneller abgearbeitet werden, sie stauen sich dadurch nicht mehr so stark. Rückgänge im Maschinenbau (-0,7 Prozent) und in der Herstellung von elektrischen Ausrüstungen (-2,2 Prozent) beeinflussten das Gesamtergebnis ebenfalls negativ. Zum letztgenannten Bereich zählen etwa Elektromotoren, Batterien und Haushaltsgeräte. (APA/red)